Er hält sich dann immer gerne auf dem Friedhof auf. Hier möchte er eines Tages selbst mal beerdigt werden. Und vielleicht ist das ja gar nicht mehr so lange hin. Sein Körper zwickt schon gewaltig, und das ist nur die freundliche Umschreibung für seinen Gesundheitszustand. Immer häufiger hat er höllische Schmerzen. Schlimmer und schlimmer werden die. Dann gibt es keine freundliche Betrachtungsweise mehr.
Heiner ist nun 62 Jahre alt, er war Arzt, ist es auch jetzt noch, Arzt bleibt man doch immer. Und er ist seit zwölf Jahren obdachlos. Obwohl es regnete, saß er das letzte Mal drei Stunden auf dem St.-Petri-Friedhof, pitschnass war er und richtig durchgeweicht. Ins Café in der Altstadt setzte er sich danach trotzdem noch. Beim Haus, seinem früheren Zuhause, hatte er vorher vorbeigeschaut, die Büsche und Bäume waren etwas gewachsen. Ein kleiner Stall war hinzugekommen, der Rasen war nicht gepflegt wie zu seiner Zeit. Das meiste aber war alles unverändert. Aber als er die beiden Mädchen im Garten spielen sah, musste er schnell weiter. Der Anblick war für ihn kaum auszuhalten.
Anfangs hatte er noch Angst, man könnte ihn erkennen. Ihn ansprechen, sich erkundigen, ihn erinnern und in seiner Vergangenheit herumwühlen. Sein Äußeres aber hatte sich auf der Straße schnell verändert. Sehr hager war er geworden. In einem früheren Leben hätte er sich über diese Idealfigur gefreut, gute 25 Kilo waren weg. Der Bart war dicht und verbarg sein Gesicht fast vollständig. Grau war er geworden. Auf seine Bekleidung aber legte er wie früher Wert. Nur zweckmäßiger war sie geworden. Nun diktierte das Wetter die Mode.
Das Kind war auf dem Schulweg, der Fahrer hatte Alkohol getrunken
Das Programm war immer ähnlich, ein Tag in Buxtehude und dann noch einer in Hamburg. Dort waren jedes Mal Formalien zu klären: Papierkram, Kontobewegungen, die Miete für das Haus, Zinsen, Zinsen, Zinsen … Heiner war vermögend. Jeden Monat kam Geld hinzu und nur wenig hob er davon ab. 500 Euro monatlich reichten auf der Straße, kein Alkohol und keine Zigaretten, dann konnte er gelegentlich sogar 20 Euro in die Spendenbüchsen diverser Suppenküchen in Berlin werfen. Niemand kannte ihn dort, sein neuer Lebensmittelpunkt bot Anonymität. Heiner war einfach verschwunden.
Vieles war weit weg und alles war vorher geregelt und überwiegend gut. Ein glückliches Leben. Der Job als Arzt im Krankenhaus füllte ihn aus, seine Frau liebte er damals fast jeden Tag neu, obwohl sie sich bereits über 20 Jahre kannten. Geregelt war alles. Bis ein Autofahrer ihre zwölfjährige Tochter totfuhr. Sie war auf dem Schulweg, der Fahrer hatte Alkohol getrunken.
Rachegefühle gab es keine. Nur Traurigkeit. Ein halbes Jahr später starb dann seine Frau. An ihrer Traurigkeit. Heiner war sich da sicher. Zuerst wollte er sich umbringen. Ein Arzt kennt da ein ganzes Programm. Er konnte es als Christ aber nicht. War sein Leben ihm schließlich nicht von Gott geschenkt? „Gott schenkt und Gott nimmt Leben.“ Warum ist er dabei nur so ungerecht? Heiner hat etliche Fragen. Er wollte sie sich merken. Steht er seinem Schöpfer eines Tages gegenüber, wird das kein freundliches Gespräch.
Ein Arzt, der nicht zum Arzt wollte, obwohl er sehr krank war
Heiner hatte keine Kraft. Er sah in seinem bisherigen Leben auch keinen Sinn mehr, plante seine Obdachlosigkeit und bereitete sie regelrecht vor. Er wollte niemandem zur Last fallen und das tat er auch nicht. Die Kraft brachte er noch auf, selbst als Obdachloser blieb er überlegt und zielgerichtet. Am Anfang war es nicht leicht. Schnell lernte er die Regeln auf der Straße und verlor dabei sein eigentliches Ziel vermutlich selten aus den Augen: Er wollte nur noch seine Ruhe haben.
Wir brauchten damals ein paar Wochen, vielleicht sogar Monate, um in der Bahnhofsmission Zoo zueinander zu kommen, ins Gespräch. Das muss wohl 2015 gewesen sein. Heiner wurde regelmäßiger Gast, er kam zum Essen, nutzte später auch die Duschen. Ein Arzt, der nicht zum Arzt wollte, obwohl er damals bereits sehr krank war. Andere Hilfen wollte er auch nicht, er baute von Woche zu Woche ab. Klagte wenig, gab vor, zufrieden zu sein. Und war dann eines Tages einfach weg.
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