Baron Münchhausen lebte von 1720 bis 1797 und liebte es, auf seinem Landgut Gäste zu empfangen und mit wild ausgeschmückten Geschichten aus seinem bewegten Leben zu unterhalten. Als „Kollegen“ Münchhausens bezeichnet Sten Nadolny seine Hauptfigur Pahroc in dem Roman „Das Glück des Zauberers“. Der reitet zwar nicht auf Kanonenkugeln, kennt aber ebenfalls durchaus verblüffende Kunststücke.

Es ist ein begeisterter Erzähler, ein wahrer Lügenbaron, den Nadolny seinen Lesern hier als Kunstgriff präsentiert, um über Geschichte im großen Bogen schreiben zu können und damit auch zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren. Nadolny, Jahrgang 1942, Wahlberliner, der mit dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ zum Bestsellerautor geworden ist, ist von Haus aus promovierter Historiker, ausgebildeter Geschichtslehrer, der über den Umweg Taxifahrer und Assistent beim Film schließlich zur Literatur kam und jetzt mit seinem neuen Roman wieder zum Geschichtslehrer wird.

Es geht um Lebensweisheiten und magische Kräfte

Es ist das Jahr 2012, als Pahroc, Sohn eines Ende des 19. Jahrhunderts mit der Buffalo-Bill-Show nach Deutschland gekommenen Indianers und einer Deutschen, im Alter von 106 Jahren mit dem Briefeschreiben an seine gerade geborene Enkelin Mathilda beginnt. Er hat magische Kräfte bei ihr entdeckt, endlich eine Nachkommin, die wie er der Zaubererzunft angehören wird. Im Jahr 2030, wenn sie volljährig ist, soll sie die Briefe lesen.

Ums Fliegen geht es in diesen großväterlichen Briefen, um Schönheits-, Unsichtbarkeits-, Verschwinde- und Versorgungszauber, das Gedankenlesen und das Durchdringen von Wänden – kurz: Es geht um Lebensweisheiten und magische Kräfte, die ihm geholfen haben, die Widrigkeiten aus über einhundert Jahren deutscher Geschichte zu überstehen, und die er seiner Enkelin noch beibringen möchte, bevor er im Frühjahr 2017 verstirbt. Pahrocs Vater, der Indianer, der „es nicht hatte lassen können, Deutscher zu werden“, fällt im Ersten Weltkrieg.

Er selbst wächst in Pankow auf, macht eine Ausbildung bei Telefunken, studiert an der TU, wird im Laufe seines Lebens Elektriker, Pilot, Soldat, Psychotherapeut. Seit seiner frühesten Kindheit hat er einen ewigen Rivalen: Schneidebein, den Schönen, der auch zaubert, der reiche Eltern hat, die ihn verprügeln, der in allem glänzen kann und dem doch das innere Lächeln fehlt, weshalb ihn Pahroc immer wieder überholt.

Schlosseck, Pahrocs verehrter Lehrer und Zaubermeister, lehnt es ab, mit Schneidebein zu arbeiten. Die junge Emma, die von beiden umworben wird, entscheidet sich ebenfalls für Pahroc, es kommt zu einem Duell der Zauberer, eine Fehde, die ein Leben lang halten wird.

Nadolny erliegt der unguten Idee der Chronistenpflicht

Nach der Aufbruchstimmung einer Jugend in den 20er-Jahren in Berlin, wird Pahroc in den 30er-Jahren auf der richtigen Seite stehen, während Schneidebein zum Parteibonzen und politischen Verfolger wird. Schlosseck wird von den Nazis getötet, Pahroc muss untertauchen, wird Soldat an der Front, begegnet vermutlich Oskar Schindler, wird – nicht ganz geschmackssicher – mithilfe der Zauberei Augenzeuge des Massenmords, sieht Todesmärsche, verschwindet schließlich in einem „Heisterbach-Zeitsprung“, in der die Zeit ohne Bewusstsein des Zauberers einfach weitergeht, und er erst nach zwei Jahren wieder auftauchen wird.

Nach dem Krieg wird Schneidebein für das DDR-Regime tätig, Pahroc seinerseits lehnt eine Geheimdiensttätigkeit für den Westen ab. Seine Frau stirbt, die Kinder werden groß, die Mauer fällt, Pahroc ist schließlich ein alter Mann, findet dennoch eine neue Liebe, bleibt ununterbrochen am Leben dran.

„Das Glück des Zauberers“ ist ein schön geschriebenes, ambitioniertes Buch, das an der Unerfüllbarkeit seines eigenen Anspruchs zerbricht. Der Opa, der seiner Enkelin in ein paar Briefen Geschichte und Lebensweisheiten von über einhundert Jahren nahebringen will, ist eine reizende Idee, die sich zwangsläufig nur auf dem Niveau von Kalendersprüchen umsetzen lässt. Das wird durch die Analogie zu Münchhausen mit der Tonalität der Lügengeschichten zwar aufgefangen, weil Moral so ja quasi per Genredefinition mit dem Holzhammer eingeprügelt wird, bleibt aber am Ende für den Leser ein ziemlich ermüdendes und auch nervendes Projekt. Nadolny erliegt der unguten Idee der Chronistenpflicht, was langweilig wird, wenn Geschichte ohne Plotnotwendigkeit abgearbeitet wird. „Man redete jetzt viel von einem vereinten Europa, ich fand das eine Idee, der Zauberer sich anschließen konnten.“ Mehr nicht.

Wunderbarer Gegenentwurf zum gängigen Opa-Klischee

Da geht es mal kurz um D-Mark und Euro, da bekennt sich Pahroc als Verfassungspatriot, verdammt den neuen amerikanischen Präsidenten und wagt dann sogar noch den Blick in die Zukunft, eine grausige Vision, in der wenigstens Damaskus in 13 Jahren schon wieder zu neuer Blüte kommen wird.

Das Stärkste und Schönste an Nadolnys Roman ist, wie er das Alter sieht. Pahroc, der Technikfreak und Angeber, der Satelliten und Datenübertragung erfindet, bevor es die anderen tun, der mit über hundert Jahren vor Neugier vergeht, was technisch da noch kommen wird, ist ein wunderbarer Gegenentwurf zum gängigen Opa-Klischee. „Ich würde gerne Solarzellen erleben, die hundertmal besser Energie gewinnen als die heutigen, und Akkus, die viel leichter sind und viel mehr speichern können als jetzt“, sagt er und zeigt keinerlei Verständnis für jene, die Digitalisierung und jeden technischen Fortschritt als „Teufelswerk“ abtun.

Dieser Mann hat sehr spät noch eine neue Liebe, rät Altersgenossen, junge Menschen nicht immer zu unterbrechen, sich nicht der „eigenen Bequemlichkeit“ zu überlassen, neugierig, offen, interessiert zu bleiben bis ganz zuletzt. Alter ist keine Entschuldigung, könnte man übersetzen, was der 75-jährige Nadolny seinen über Hundertjährigen verkörpern lässt. Eine magische Idee, wenn das nicht auch wieder gelogen ist.