Am vergangenen Sonntag schafften meine Freundin und ich es zu den „Wühlmäusen“. Stefan Gwildis hatte zu seinem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum eingeladen. Ein beeindruckender Sänger, Komponist und Musiker. Wir sahen ihn das erste Mal live, der Saal war ausverkauft. „Das war doch grad‘ erst eben!“, war ein sehr intimes, wundervolles Konzert. Gwildis ist Jahrgang 1958, wird im Oktober 67 Jahre alt – jung, will meinen, wer ihn erlebte. Ans Aufhören denkt er nicht, bereits etliche Veranstaltungen sind fürs nächste Jahr geplant.

Sehr fleißig und äußerst kreativ ist auch Andreas Pflüger. Der Schriftsteller ist Jahrgang 1957, hat auch im Oktober Geburtstag und am 13. Oktober erscheint bei Suhrkamp sein neuer Thriller „Kälter“. Ich bin sein Fan und das Buch wird mich Ende Oktober nach Kreta begleiten. Wer nicht warten will. Sein Thriller „Wie Sterben geht“ erschien im letzten Jahr. Empfehle ich sehr!
Andreas, wir kennen und schätzen uns, ist im typischen Rentenalter, sogar etwas darüber. Er hat auch keine Lust, sich untätig aufs Sofa zu legen. „Soll ich mit dem Schreiben aufhören, weil ich 67 bin?“ Recherche, Lesereisen, da kommt aber einiges andere an Arbeit zusammen.
Auch interessant
Meine älteste Kollegin war 84 Jahre alt
Aktuell bleiben in Deutschland rund 13 Prozent der Menschen im Rentenalter von 65 bis 74 Jahren neben der Rente erwerbstätig. Ihr Anteil ist in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Deutschland liegt bei diesen Beschäftigten in Europa unter den Spitzenreitern. Dass sehr viele im Alter ehrenamtlich arbeiten, habe ich in der Bahnhofsmission und überhaupt bei der Berliner Stadtmission erlebt. Meine älteste Kollegin war 84.
Den in diesem Zusammenhang oft angeführten Dachdecker kenne ich nicht persönlich , auch keinen Gerüstbauer und auch als Maurer ist man sicher froh, eines Tages die Kelle aus der Hand zu legen. Sehr viele Berufe sind im Alter sicher nicht mehr zu bewältigen. Ich habe mich aber einfach mal bei anderen Freunden und Bekannten umgesehen.
Fast alle sind hier per Du. Das Gasthaus Lenz am Stuttgarter Platz hat eine lange und gute Tradition, für viele ist es gar das zweite Wohnzimmer. Spricht man hier von Marion, wissen alle, wer gemeint ist. Normalerweise dauert die Schicht für die Beschäftigten neun Stunden, „bei mir sind es jeden Montag sieben Stunden, länger schaffe ich es nicht mehr“. Eigentlich wollte sie ja Lehrerin werden, „nach dem Abitur 1974 blieb ich aber einfach als Kellnerin in der Gastronomie kleben.“ Davon jetzt über 30 Jahre im Lenz.
Marion ist 71 Jahre alt und kellnert im „Gasthaus Lenz“
Stammkunden begegnen ihr mit Sympathie, Respekt und Freundlichkeit. Kein Wunder, diese Frau ist der Hammer. Marion macht das traumwandlerisch sicher, ist ruhig und zugewandt, aber auch sehr auf Zack. „Und hat stets alle Rechnungsbeträge im Kopf“, sagten mir gleich mehrere Gäste. Man mag sich, geht fair miteinander um, man sieht aber, das ist auch Arbeit, manchmal harte. Für den Dienstag nimmt Marion sich grundsätzlich nichts vor, „da muss ich mich vom Montag erholen.“ Sie ist 71, war in den letzten Jahren an Lungenkrebs erkrankt, „eine neue Hüfte habe ich auch.“ Das ist alles keineswegs ein „Ponyhof“. Den Zuverdienst aber kann sie gut gebrauchen, die sozialen Kontakte sind ihr wichtig und ihr Ehemann ist acht Jahre jünger. Er arbeitet noch, „ohne Arbeit wär‘s mir einfach zu langweilig.“
Jahrgang 1958 ist Norbert Boos und seit 1991 ist er bei Guntram Schäfer in der Wilmersdorfer Straße beschäftigt. Er hat mir kürzlich eine neue Brille verpasst. Es war eine ruhige und exzellente Beratung, ich fühlte mich prima bei ihm aufgehoben. Er freut sich auf seinen Ruhestand, regulär arbeitet er noch bis zum Jahresende, danach vielleicht noch tageweise. Denn so ganz geht es vielleicht doch nicht ohne Arbeit. Und Fachpersonal kann sein Chef gebrauchen; es wird doch fast überall, nicht nur in Berlin, gesucht.
Viele packen an und arbeiten auch im gesetzteren Alter aktuell freiwillig. Weil es Freude macht oder weil das Geld gebraucht wird. Und oft ist die Gesellschaft einfach schneller, als Ermahnungen der Politik es vermuten lassen.




