Schauen Sie mal in den Himmel: Die Kraniche sind wieder da. Mit ihrem melancholischen Ruf versetzen sie die Stadt in die erste Mollstimmung des Herbsts. Ja, heute ist tatsächlich der 1. September. Noch am Mittwoch haben wir bei 30 Grad geschwitzt. Ich war sicher, abends würde ich es noch in den Badesee schaffen. Dann kam alles anders.
Statt ein letztes Mal über die spiegelnde Fläche auf den schattigen Waldsaum zu schauen und noch einmal das süß-bittere Aroma des Seewassers im Sommer zu atmen, stand ich in Neukölln an den Gestaden eines gleißenden Meers aus Asphalt. Schallschutzwände, in den Sonne funkelnde Straßenschilder, kein Schatten: Den letzten Sonnenbrand dieses Jahres holte ich mir nicht im See, sondernan einer Autobahn. Die man, so schien es, nur entweder lieben oder hassen kann. Schließlich sind wir in Berlin.
Als Reporter verbringt man viel Lebenszeit damit, darauf zu warten, dass sich Ereignisse ereignen. Auch an diesem Tag passierte zunächst stundenlang nichts. Die Autobahnbauer hatten aus einem symbolischen Band-Durchschneiden für das 3,2 Kilometer kurze neue A-100-Teilstück zwischen Neukölln und Treptow einen komplizierten Staatsakt gemacht, der zur Posse geriet. Vielleicht meinte man, auch das gehöre zu Berlin.
Auch interessant
Selbst die Scheren trugen einen Aufdruck mit dem denkwürdigen Datum
720 Millionen Euro hat Deutschlands teuerstes Straßenstück gekostet. Die Eröffnung mit Regierendem Bürgermeister und Verkehrsminister war aus Sorge vor Protesten nach drinnen verlegt worden und in letzter Minute doch wieder nach draußen. Geladene Gäste und Journalisten wurden in Shuttles zum Termin expediert, der an der einsamsten Stelle der Autobahn stattfand. Dort lief alles nach Plan. Selbst die Scheren trugen das denkwürdige Datum als Gravur, wie die „Tagesschau“ berichtete.
Vergessen hatte man allerdings ausgerechnet jenen Bürgermeister, in dessen Bezirk die umstrittene Autobahn endet. Oliver Igel (SPD) aus Treptow-Köpenick, schaute sich den Minister-Konvoi von einer Neuköllner Autobahnbrücke aus an. Neben ihm verscheuchte die Polizei ein paar A100-Gegner, die Fans durften bleiben. Auch er selbst gehöre zu den Politikern, die für die Verlängerung der A100 seien, sagte Igel, trotz drohendem Stau in seinem Bezirk. Die Autobahn produziere ja keinen zusätzlichen Verkehr, sondern entlaste die umliegenden Wohnstraßen, sagte er, bevor er sich zu Fuß ins Hotel Estrel aufmachte. Wo man das neue Autobahnstück feierte, auf dessen reale Öffnung die Menschen draußen noch Stunden warteten.
Beim Warten entspannen sich Dialoge zwischen Autobahnfans und besorgten Anwohnern
Auch interessant
Am Autobahnrand traf ich Anwohner und Autobahnplaner, die seit 30 Jahren auf diesen Tag gewartet hatten. Ein Paar hatte seinen Kleingarten für den Bau verloren, „aber das war es wert.“ Manche sprachen von der A100 liebevoll wie von einem Eigenheim, an dem es immer noch etwas zu verbessern gibt. Eine ältere Dame erinnerte sich an feierliche Eröffnungen früherer Autobahnteilstücke. Zu Mauerzeiten habe es keine Proteste gegeben. Jemand wandte ein: In den 1970er-Jahren wäre ohne Proteste ein großer Teil Kreuzbergs für die damals geplante A100 abgerissen worden. Zustimmung. Beim Warten entspannen sich Dialoge zwischen Autobahnfans, Gegnern und besorgten Anwohnern, die erklärten, wieso sie die Autobahn vor ihrer Haustür fürchten. Vielleicht, überlegte ich dann, war die stundenlange Verzögerung ja Absicht gewesen. Endlich war Zeit, sich gegenseitig zuzuhören.
Was ich am Schluss mitnahm
Ein Pulk Radfahrer stoppte an den Absperrungen und zwei ältere Nachbarinnen mutmaßten: „Ah, die wollen bestimmt auch auf der neuen Autobahn fahren!“ An Tagen wie diesen sei das doch bestimmt erlaubt: „Wir sind schließlich in Berlin!“ Gelächter. Die Polizisten am Rand der A100 fanden die Frage nicht abwegig. Schließlich gibt es in Berlin regelmäßig Fahrraddemos auf der Stadtautobahn. Was ich am Schluss mitnahm, war ein Drei-Minuten-Erlebnis auf der neuen Autobahn, einen Sonnenbrand, eine große Portion Berlin-Gefühl – und die Erkenntnis, dass man interessantesten Menschen in Berlin oft zufällig auf der Straße trifft.
Lesen Sie hier mehr Kolumnen aus der Rubrik Stadtflucht






