Was machen wir nur mit unseren Kindern? Im Lesen sind sie schlecht, das mit dem Rechnen ist auch nicht toll, stundenlang sitzen sie täglich vor dem Computer oder Fernsehgeräten, zu dick sind sie, bewegen sich nicht ausreichend, greifen früh zu Drogen, wir kennen sie kaum, wir sind uns fremd geworden. Und manchmal werden sie zu vermeintlichen Bestien, zünden Obdachlose an, töten andere Kinder.
Wir bringen Verständnis für die Opfer auf, aber meist hält das auch nur Stunden an. Dann gehen wir selbst wieder an den Obdachlosen vorbei, schauen weg, blenden ihr qualvolles Sterben aus.
Schließlich gibt es Obdachlosigkeit schon so lange, und ebenso lange schweigen wir dazu. „Selber schuld“ oder „sie wollen es nicht anders“, entschuldigen Sie bitte, das sind Ausreden für unsere eigene Trägheit und Hartherzigkeit. Respekt, Empathie, Nächstenliebe, Solidarität, das sind für viele Kinder und Jugendliche manchmal leider Fremdworte. Vielen Eltern traue ich da aber auch nicht über den Weg.
Die Kinder hatten Angst vor den Obdachlosen in der S-Bahn
Aber nicht alle sind aber so und es geht auch anders. Es ist ein paar Jahre her, ich arbeitete in der Bahnhofsmission Zoo und eine Frau hatte damals ein sehr spezielles Anliegen. Ihre beiden Kinder, drei und fünf Jahre alt, hatten manchmal Angst vor Obdachlosen. Da waren die täglichen Begegnungen in der S-Bahn, in der Einkaufsstraße oder im Park, manchmal rochen die Menschen streng, gelegentlich sahen sie eigentümlich aus, einigen verhielten sich fremd, einige murmelten ständig vor sich hin. Einen Bogen um die Menschen machen, oder …? Was ist mit diesen Menschen, wie erkläre ich das meinen Kindern? Damit sind viele Eltern überfordert. Und die Schule, wenn sie das Thema denn aufnimmt, tut dies doch erst Jahre später.
Guter Rat ist manchmal gar nicht teuer. Wir setzten uns mit den Erzieherinnen der Kindertagesstätte zusammen, stellten fest, anderen Kindern ging es ähnlich. Richtige Antworten hatte man in der Kita auch nicht und auch wir am Zoo schüttelten sie nicht aus dem Ärmel.
Wie geht es Kindern, wenn Papa auf der Straße lebt?
Nachdem die Erzieherinnen sich am Zoo informiert hatten, näherten sie sich gemeinsam mit den Kindern behutsam dem Thema. Um später, es war um Weihnachten, gemeinsam mit den Kindern und Eltern Päckchen für die Gäste der Bahnhofsmission zu packen. Warum fehlen Zahnbürsten, ein Stück Seife, kann man einem Obdachlosen im Winter mit warmen Socken helfen, mit Mütze oder Schal, freuen sich die Menschen über eine Schokolade? Haben Obdachlose selbst Kinder – wie geht es ihnen, wenn Papa auf der Straße lebt? Kinder sind neugierig und haben sehr viele Fragen.
Dann ging‘s mit den Kindern und Päckchen zur Bahnhofsmission. Wir hatten die Bescherung einfach auf den Nikolaus vorgezogen; waren gut vorbereitet, hatte alles festlich für die Kinder eingedeckt: Kerzen, Kakao, Schokoriegel, besinnliche Musik. Und wir hatten einige Gäste handverlesen eingeladen. Die hatten sich extra herausgeputzt, Dieter hatte sich in der Kleiderkammer sogar einen Anzug besorgt. Was für ein Anblick! Und was für eine Stimmung miteinander! Gemeinsam wurden die Päckchen ausgepackt, sehr viel Freude und glänzende Augen bei allen.
„Ich weiß, wo du Mittag isst“
Monate später berichtete mir eine der Mütter (Väter waren auch dabei, hatten sich auch extra frei genommen), ihre vormals auch ängstliche vierjährige Tochter, ging nun manchmal in der U Bahn strahlend auf obdachlose Menschen zu und schenkte ihnen 50 Cent. „Ich weiß, wo du Mittag isst.“ Gesellschaftliche Empathie fällt nicht vom Himmel, wir können sie aber lernen und Miteinander können wir auch einüben. Und natürlich gilt das auch noch für Erwachsene.
Wir waren da vor Jahren bemüht und das geht längst besser. Es gibt ein neues Zentrum am Zoo und neben vielen Inhalten dort – Streetworker, psychologische Beratung für Obdachlose, Begegnungsangeboten, Kulturveranstaltungen – gibt es auch eine Kinderakademie: Leben lernen. Für Schulklassen, Gruppen, Einzelne. Und manchmal könnte man fast glauben: Herzenswärme und Empathie fallen dort tatsächlich vom Himmel.
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