Am zweiten Weihnachtstag saß ich abends entspannt in der U-Bahn und genoss das feiertagsbedingt leere und nebelversunkene Berlin, als es vor mir zu einem Zusammenprall kam. Zwei Hände reckten sich in mein Blickfeld. Eine junge Frau hielt mir einen Pappbecher hin, ein junger Mann seine schmutzverkrustete bloße Hand. Die Besitzer der Hände starrten sich schweigend an.
Einen Moment zögerte ich. Dann gab ich der Frau die Münze, die ich parat hatte. Sie lief weiter, doch der enttäuschte Blick des Mannes riss mich aus meiner Weihnachtslethargie. Auch, wenn man es weiß, ist es doch jedes Mal bitter: Leere U-Bahnen sind schön, aber für Bettler und Obdachlose eine Katastrophe. Zumal, wenn auch noch alle Geschäfte geschlossen haben. Und: Man kann einfach nicht allen helfen, aber Nichtstun ist auch keine Lösung. Drittens: Es wird nichts besser.
Elf Jahre ist es her, dass wir an einem Wintertag morgens einen obdachlosen Mann im Eingang der Redaktion fanden. Er lag im Windschatten und schlief, bis wir ihn weckten. Es ging ihm soweit gut, bis auf die Tatsache natürlich, dass er kein Zuhause hatte. Uns blieben aber Fragen: Wer sind all die Menschen, die uns in Zügen, Bahnhöfen und Hauseingängen begegnen – und denen wir, um ehrlich zu sein, ja doch meist eher ausweichen? Und was kann man selbst tun?
Wir beschlossen, die Menschen persönlich zu fragen. In der Bahnhofsmission am Zoo bekommen bis heute hunderte Menschen am Tag heiße Getränke und einen Imbiss, sie dürfen eine Weile an Tischen sitzen, sich aufwärmen, bekommen Hilfe, wenn sie es wünschen. Das war damals so und bis heute ist die Nachfrage nicht weniger geworden. Im Gegenteil.
Aus einer Reportage-Idee wurden drei Wochen, in denen Morgenpost-Cheffotograf Reto Klar und ich als Reporterin für unser Fotoprojekt täglich in die Bahnhofsmission kamen. Am Tisch, auf Augenhöhe trafen wir die Menschen treffen. Ohne den üblichen „Hintergrund“, mit dem Obdachlose oft wahrgenommen werden. Denn wenn wir von Menschen „auf der Straße“ sprechen, von Menschen „am Boden“, die „beladen“ sind mit all ihren Siebensachen, ist dies zwar auch sprachlich ein sehr treffendes „Bild“. Aber eben auch eine Schublade, in die man Menschen einfach wegsortiert.
Die Begegnungen am Bahnhof Zoo waren berührend. Es s gab Verzweiflung, Tränen, Fassungslosigkeit, manchmal schlicht die auf die Frage nach dem Namen, die lange niemand mehr gestellt hatte. Es ging um verlorenes und ausgenutztes Vertrauen. Um Schicksalsschläge, um Gewalt und Verwahrlosung, in der Familie, durch Partner und Freunde. Aber auch durch die Gesellschaft. Unser Sozialsystem hat Lücken, die grausam sein können. Der Weg zurück ist unfassbar schwer. Davon berichteten die Betroffenen ebenso wie die Helfer, Ehrenamtliche und Profis der Berliner Stadtmission.

Andererseits ging es um Freundschaft und Hoffnung. Um die scheinbar kleinen Momente, die Menschen weitermachen lassen, auch in schier aussichtslosen Lagen. Danach kannten wir viele unserer Porträtierten mit Namen. Einige trafen wir immer wieder, andere verschwanden spurlos. „Unsichtbare“ eben in der Millionenstadt Berlin.
Unser Buch war schnell vergriffen, die Wanderausstellung „Unsichtbar – vom Leben auf der Straße“ der Deutschen Bahn Stiftung in Bahnhöfen in ganz Deutschland war nach einem Jahr beendet. Nun ist ein Teil der Bilder wieder zu sehen – Dank der Evangelischen Gemeinde Tiergarten, die sie in der Heilandskirche (Thusnelda-Allee 1, 10555 Berlin-Moabit) bis März ausstellt. Wenn Sie mögen, kommen Sie gern zur Eröffnung am kommenden Sonnabend, 4. Januar 2025, ab 19 Uhr. Es gibt Jazz – und sicherlich eine Menge Anknüpfungspunkte zum Gespräch. Denn die Heilandskirche gehört mit ihrem Spätcafé seit vielen Jahren zu den überlebenswichtigen Orten für Menschen auf der Straße.
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