Meine Geschichte mit Hardy begann im Winter 1995 in einer Berliner Notübernachtung. Obdachlose Menschen kommen in solchen Einrichtungen zur Ruhe und finden Zuflucht. Ich arbeitete damals in einem Wohnprojekt für obdachlose Menschen und wir hatten Wohnplätze in unserem Projekt frei, was ja aber an sich wenig Sinn hat, wenn tausende Menschen auf der Straße leben.

Typ Rasputin, strubbelige Haare, dünn wie eine Bohnenstange, vermutlich unterernährt, leicht gebeugter Gang, funkelnde Augen: Hardy war Mitte Dreißig und starrte nur so vor Dreck. Es gab zwar Duschen in der Notübernachtung, auch eine gut sortierte Kleiderkammer – das alles war nichts für ihn. Vermutlich hält man sich andere so auch auf Distanz. Verschlossen war er, ein Eigenbrötler. Er war einfach ein Mensch, der gegen alle und alles misstrauisch war. Charisma aber hatte Hardy auch.

Ich habe ihn damals einfach nach wenigen Minuten mitgenommen, denn die Notübernachtung war kein Ort für ihn. Hardy zog noch in derselben Nacht bei uns ins Wohnprojekt ein. Eine ungewöhnliche Maßnahme für einen außergewöhnlichen Menschen. 

Er war einfach zu gezeichnet und gehandicapt

Sein zuständiges Amt in Berlin, die Wohnhilfe dort, die seine Betreuungskosten für die Hilfe übernahm, wusste das später gar nicht zu schätzen. Man ging damals andere Wege: Mehrere Vorstellungsgespräche, Begutachtungen, diverse Anträge … Nur hätte das so leider nie mit Hardy geklappt. Er war einfach zu gezeichnet und gehandicapt. Es gab also Krach, Klageandrohungen, viele Auseinandersetzungen. Dazwischen stand ein Mensch, der einfach nicht mehr konnte und nur noch seine Ruhe haben wollte. Ein Berufsbetreuer war übrigens vorhaben, der aber war faul und Interesse an Menschen hatte er wenig. Ihn schließlich über das Gericht zu auszuwechseln, war dann im Laufe der nächsten Monate nicht einfach.

Und leicht war die Arbeit mit Hardy in den nächsten Jahren auch nicht immer. Er konnte manchmal einfach ein Kotzbrocken sein. Und immer wenn es anfing, gerade gut und etwas gemütlich zu werden, konnte Hardy richtig garstig werden. Das Schöne einfach zu leben und anzunehmen, will nämlich auch gelernt sein. Im Destruktiven kannte er sich besser aus. Und oft war er damit Herausforderung für alle, fast wie ein kleines „Teufelchen“, das aus seiner Box heraussprang. Dann flogen schon mal Sachen durch die Gegend, auch aus seinem Fenster in der vierten Etage. Und dann machte es aber wieder Klick, er war wie verwandelt, war humorvoll und freundlich und alle hatten ihn lieb. Oder liebten ihn sogar, wie ich. Wie „Kaspar Hauser“, oft schoss mir das durch den Sinn.

Wir sollten Hardy rausschmeißen, hieß es – eher hätte ich mir die Hand abgehackt

Ärztliche Betreuung, gute Psychogen und Behandlungen, die gibt es ja – doch er ließ uns keine Chance. Das war nichts für ihn. Fast den gesamten Tag zog er zu Fuß durch die Stadt. Köpenick, Spandau, überall war er anzutreffen. Laufen, laufen, laufen, mal Menschen anrempeln und Kippen sammeln, das war seine Lieblingsbeschäftigung. Das war nicht immer ungefährlich für ihn, es gibt auch andere ruppige Zeitgenossen. Seine Teilnahme an unseren Kochgruppen war für alle immer besonders – der verlorene Sohn war zurück. Nahm er gelegentlich ein Wannenbad, machte mich das glücklich. Er taute dann auf. Gelegentlich aber gab es Krach mit Nachbarn, anderen Anwohnern am Chamissoplatz, soviel Kauzigkeit forderte heraus. Wir sollten Hardy rausschmeißen, hieß es oft. Eher hätte ich mir die Hand abgehackt.

Wir fanden schließlich eine kleine, eigene Wohnung in der Nähe, richteten diese behaglich ein. Viel wollte und brauchte er ja nicht, nur etwas Menschlichkeit und sehr viel Ruhe. Er blieb Rätsel und hielt dennoch lange den Kontakt zum Projekt. Das wurde aber zunehmend weniger, brach dann gänzlich ab. In seiner Wohnung lebt er wohl noch immer, sagen Nachbarn. Und er dreht auch noch seine Runden. Nur andere als wir.

Mehr zum Thema