Quirlig. Das ist wohl das Adjektiv, das Nadja Arm Strong – so ihr Künstlername – am besten beschreibt. Der Treffpunkt ist das „Café Schöneweile“ in Treptow-Köpenick, Arm Strongs Lieblingscafé. Kaum ist sie angekommen, beginnt sie, ihre Entwürfe auszupacken und zu erzählen. Trinken will sie erst einmal nichts. Zu aufgeregt, erklärt sie.

Arm Strong ist Grafikdesignerin, Social-Media-Managerin und Treptow-Köpenickerin durch und durch. Sie entwirft Taschen, T-Shirts, Pullis und Babybodys mit Kiez-Sprüchen und verkauft sie: „Köpenick, was biste schick“, „Ick steh uff OSW“, „Vom Müggelmeer, da komm ick her“. Das ist nur eines ihrer Projekte. Auf die Frage, wer sie ist, beschreibt sich Arm Strong als „kleine, kreative, behinderte Frau und Mutter“.

Nadja Koppe (aka Nadja Armstrong)
Arm Strong hat Anschauungsmaterial mitgebracht zum Treffen mit der Berliner Morgenpost.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Arm Strong ist mit Dysmelie geboren. Ihr linker Arm ist nicht vollständig ausgebildet. Dysmelie bezeichnet die Fehlbildung von Gliedmaßen, kann Arme und Beine betreffen. In den meisten Fällen wird Dysmelie nicht durch Vererbung weitergegeben. Die Wissenschaft geht davon aus, dass genetische Faktoren wie auch äußere Einflüsse, etwa Sauerstoffmangel des Embryos oder eine Infektion der Schwangeren, eine Rolle spielen können. Die angeborene Fehlbildung entsteht meist zu Beginn der Schwangerschaft und kann über Ultraschall festgestellt werden.

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Arm Strong fühlte sich trotz Behinderung stets vollkommen

Bis Arm Strong im Juli 1976 in Leipzig das Licht der Welt erblickte, ahnten ihre Eltern nichts von der Fehlbildung: „Ich kam raus, und da fehlte was“, erzählt Arm Strong. Feinultraschall war damals in der DDR nicht üblich. Als Kind fragte sie ihre Mutter oft: „Hast du geweint, als du mich gesehen hast?“ Diese verneinte jedes Mal. Erst als die Tochter erwachsen war, gab sie es zu, berichtet Arm Strong.

Ihre Eltern haben sie zu Selbstbewusstsein erzogen, sie nie anders als ihre beiden Schwestern behandelt, erinnert sich Arm Strong. Ob Schuhebinden, Fahrradfahren, Schwimmen oder den Führerschein, ja sogar mit Messer und Gabel essen, könne sie – „auch wenn es scheiße aussieht“, sagt sie und lacht. „Ich habe mich immer als vollkommen wahrgenommen“, so die 50‑Jährige. „Als vollkommen und behindert.“

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Sie habe viele Komplimente für ihr Talent von ihrer Familie bekommen: für das, was sie als Kind gebastelt und gemalt hat. Arm Strong kommt aus einer künstlerischen Familie. Ihr Opa war der Maler und Grafiker Heinz Völkel. Auch ihr Vater könne gut zeichnen. Die Affinität, etwas Haptisches, Künstlerisches mit ihrer Hand zu schaffen, begleitet sie.

Aufwachsen zwischen Jemen, Internat und Wende

Ihre Kindheit ist eine bewegte. Kurz nach der Geburt zieht die Familie nach Schwerin. Dort sei sie eingeschult worden. Mit zehn, elf Jahren geht es in den Jemen, für einige Jahre: Der Vater leistet sozialistische Aufbauhilfe. Damals sei das die einzige Möglichkeit zum „Ausbruch in ein anderes Leben“ gewesen, die Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt – „für uns Ossis was ganz Besonderes“, so Arm Strong. Die Jahre prägen sie. Die paar Worte Arabisch nutze sie bis heute gern, beim arabischen Schneider zum Beispiel. „Ich bin Kosmopolit“, sagt sie.

Die nächste Station für die junge Nadja Arm Strong ist das Internat in Königs Wusterhausen. Es sei ihre eigene Entscheidung gewesen, während die Eltern im Jemen blieben. „Ich habe das nie bereut“, sagt sie noch heute. „Auch wenn es rückblickend natürlich die totale Überwachung war.“ Es sei stets ein Testen gewesen. Wie kann man die strikten Regeln austricksen? Sie erinnert sich an heimliches Westsender-Hören, daran, wie sie den „Bravo“-Schriftzug auf den Postern überklebte.

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Im Sommer vor dem Mauerfall kommen die Eltern zurück, ziehen nach Treptow-Köpenick. Arm Strong ist zur Wiedervereinigung mitten in der Pubertät. „Ich bin ein Wendekind, nach dem Mauerfall ging das Abenteuer weiter.“ Nach der Wende arbeitet die Mutter in einem Hotel in West-Berlin und bringt regelmäßig die „Vogue“ mit und „Harper’s Bazaar“, erinnert sich Arm Strong. Die Hefte inspirieren die Tochter. Sie klebt Collagen, legt Ordner an, kleidet sich auffällig. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost nennt sie sich introvertiert mit extrovertierter Seite. Gezeigt hat sie sich trotzdem immer gern – durch Kunst und Mode.

Arm Strong ist auch in Fernsehshows zu sehen

Zum Treffen im Café hat sie zum Beispiel ein Heft der „Maxi“ mitgebracht. Für die Zeitschrift hat sie mal bei einem Umstyling mitgemacht. Und einen Pin-up-Kalender aus dem Jahr 2007 mit Fotos von ihr. „Damals habe ich meinen Arm noch nicht gezeigt, ihn immer etwas hinter meinem Rücken versteckt.“

Nadja Koppe (aka Nadja Armstrong)
Nadja Arm Strong posiert vor ihrem ersten „Kiez-Entwurf“: „Ick steh uff OSW“ (OSW ist die Abkürzung für Oberschöneweide). Der Entwurf stammt aus dem Jahr 2013.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Mittlerweile zeigt Arm Strong ihren Arm stolz. Geändert hat sich das mit dem steigenden gesellschaftlichen Bewusstsein für Diversity. Sie hat begonnen, ihre Behinderung für sich zu nutzen: Bei „Germany’s Next Topmodel“ habe sie „eine Runde gedreht“, bei „Shopping Queen“ teilgenommen. Im November läuft das nächste Realityformat mit ihr – welches es ist, soll noch geheim bleiben. Während Menschen im Rollstuhl oder mit Kleinwuchs nun öfter im Fernsehen zu sehen seien, seien Menschen mit einem Arm weiterhin unterrepräsentiert, so Arm Strong.

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Auch in ihrer Kunst und in ihren Entwürfen wurde die Behinderung zum Thema, genauso auf ihren Social-Media-Kanälen. Sie gab sich den Künstlernamen Arm Strong, gründete den Account „Ganzschönbehindert“ und ihr Unternehmen Ein-Hand-Werk. Sie entwarf Kissenbezüge mit dem Schriftzug „Die Krone der Schöpfung: Megan Makel“ und ein T-Shirt mit „Sonder Woman“.

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Diversity bedeutet nicht unbedingt eine sensibilisiertere Gesellschaft

„Durch Diversity sind wir öffentlich sichtbarer, werden anders wahrgenommen“, sagt Arm Strong. Trotzdem spürt sie wenig Sensibilisierung in der Gesellschaft. „Mir ist zum Beispiel noch nie ein Platz in den öffentlichen Verkehrsmitteln angeboten worden.“ Und das Starren habe zugenommen, nicht nur, aber vor allem von Kindern. „Und auch das Gaffen von Kindern ist unangenehm.“

Nadja Koppe (aka Nadja Armstrong)
„Ich bin total d’accord mit dem Begriff Behinderung“, so Arm Strong. „Ich finde nichts Schlimmes daran, das Ding beim Namen zu nennen.“ Das passe auch zu Berlin: „ein bisschen kalt und brutal, trotzdem offen“.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Schlechte Erfahrungen? Kaum welche, betont sie immer wieder. Trotzdem erzählt sie im Lauf des Gesprächs von schmerzvollen Momenten. In der Straßenbahn starrte ein Mann sie so lange an, bis ihr Sohn ihn zurechtwies, weil es unerträglich wurde. Während ihrer Schwangerschaft gab es einen Mann, der sie abschätzig auf ihren Arm ansprach, erinnert sie sich. Ihre Stimme bleibt dabei fest, ihr Blick weicht nicht aus.

Auch das Gaffen von Kindern ist unangenehm.

Nadja Arm Strong, ist mit Dysmelie geboren

Woher nimmt sie die Kraft? Denn ihre körperliche Einschränkung bedeutet doch auch Einschränkung im Alltag? „Oh, da ärgere ich mich“, sagt sie. „Aber ich bin kreativ und suche mir Schleichwege.“ Sie schmunzelt. Außerdem hilft ihr immer ein Hauch Ironie. Und: „Nadja heißt Hoffnung. Ich habe jeden Tag aufs Neue die Hoffnung, dass der Tag der beste, der erfolgreichste wird.“

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Künftig plant Arm Strong, den Fokus ihrer Arbeit weg vom Handwerk, vom Haptischen, mehr aufs Intellektuelle zu legen. Denn ihr Körper zeigt ihr mehr und mehr Grenzen. Und sie strotzt bereits vor Ideen: ein Buch, ein Podcast und Auftritte als Speakerin.

Produkte von Nadja Arm Strong können in ihrem Onlineshop erworben werden oder auf verschiedenen Kunst- und Kreativmärkten in Treptow-Köpenick.