Ruhig und bestimmt zugleich spricht Peggy Kurka. Eine Frau, die weiß, wer sie ist. Eine Frau, die nicht aufgegeben hat, die sich und ihre Identität gefunden hat: „Es ist schwer in der deutschen, weißen Mehrheitsgesellschaft sich als schwarze Frau zu definieren“, erzählt Kurka, die Anfang 2023 ihr erstes Buch veröffentlicht hat.

In „Das Blaue Kind: Meine Geschichte als Schwarze Deutsche“ beschreibt sie auf 272 Seiten ihre Kindheit und ihre Jugend. Als Baby wurde Kurka von einem weißen, systemtreuen Ehepaar in der DDR adoptiert und wuchs mit ihrem älteren Adoptivbruder in Brandenburg auf. Dort erlebte sie Rassismus, sexuellen Missbrauch, Gewalt, Unsicherheit, fehlende Wärme, fehlende Gemeinschaft. Kurkas Geschichte ist vielschichtig.

Die Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend sind eng mit der DDR, dem System verbunden, in dem sie sozialisiert wurde. Doch: „Ich habe mein Buch bewusst „Meine Geschichte als Schwarze Deutsche“ und nicht „als Schwarze Ost-Deutsche“ genannt.“ Sie wolle dem bestehenden Narrativ entgegenwirken, „dass, wenn es schiefläuft, es ‚den Ossis‘ zugeschoben wird“. Geschichten wie ihre spielten sich überall auf dieser Welt ab, auch in der ehemaligen BRD und im heutigen Deutschland.

Ein Statement für die Antirassismusbewegung und Diversitätsdebatte

Kurka will mit ihrem Buch nicht aufklären oder für Weiße Menschen ausbuchstabieren, was Schwarzsein bedeutet. Ihr Anliegen ist, eine Existenz zu beschreiben, „Existenz, die nicht genügend Beachtung findet.“ Dabei gehe es nicht nur um ihre Geschichte, sondern um alle Menschen, die nicht gesehen werden, deren Geschichte nicht in den Geschichtsbüchern, nicht im gesellschaftlichen Diskurs stattfindet. „Ich erzähle diesen Teil meines Lebens auch, weil es ein wichtiges Statement ist für die Antirassismusbewegung und die gesamte Diversitätsdebatte“, so die Autorin.

Häufig würden die Leserinnen und Leser getroffen auf ihre Geschichte reagieren, sehr berührt, sogar traurig. „Dabei gibt es auch einen total positiven Teil in dem Buch, der häufig überlesen wird, wegen der schrecklichen Geschichten“, so die Autorin. „Ich beschreibe immer Möglichkeiten, die sich aufgetan haben. Das Buch zeigt auch: Egal wie schlimm es ist, es gibt immer Möglichkeiten.“

Petty Kurka: Das Blaue Kind – Meine Geschichte als Schwarze Deutsche, Quadriga Verlag, 240 Seiten, 18 Euro, Erschienen am 23. Februar 2023.
Petty Kurka: Das Blaue Kind – Meine Geschichte als Schwarze Deutsche, Quadriga Verlag, 240 Seiten, 18 Euro, Erschienen am 23. Februar 2023.© Quadriga | Quadriga Verlag

Für Kurka war es die Mode, in die sie sich rettete. Als 13-Jährige wurde sie als Model entdeckt, verliebte sich in die Theaterwelt und arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich als Visagistin. Doch Mode ist noch mehr für die Make-Up-Artistin: „Mode ist für mich der absolute Ausdruck von Kultur.“ In eben dieser Modewelt fühlte sie sich zum ersten Mal aufgehoben, beschreibt Kurka in „Das Blaue Kind“.

Klang der Sprache hilft bei der Vermittlung schwieriger Themen

Zehn Kapitel, zehn Stationen in Kurkas Aufwachsen; zwischen den Kapiteln Gedichte der Autorin. Teilweise lässt Kurka die Lesenden mit offenen Fragen zurück, spart Details und Informationen aus, es wirkt wie ein Stilmittel, hält neugierig. Die Entscheidung hätte sie bewusst getroffen, betont die Autorin. Sie teile so viel, wie notwendig, um die Geschichte verständlich zu machen. Nicht alles will sie von sich preisgeben. Wichtig sei ihr beim Schreiben auch der Klang der Sprache gewesen: „Der kann helfen, wenn solche schwere Themen besprochen werden, er kann unterstützen“, ist sie überzeugt.

„Ich zeige Ebenen der deutschen Gesellschaft auf, die durch strukturellen Rassismus und angelernte Ausgrenzungsmechanismen zu einer Kindheit und Jugend wie meiner führen können. Gewalt, Menschenhandel, Räumen für das Ausleben von Pädophilie, sind verstörende Resultate, mangelnder Aufklärung über die Entstehung von Gesellschaften, deren Seh- und Erlebnisrealitäten sowie ihr Verständnisses von Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat.“ Die Autorin beschreibt ihre Realität fehlender Vorbilder Of Colour, sprich nicht-Weißer Menschen, sowie daraus folgend fehlende Zugehörigkeit und Integration.

2019 war Kurka an der Ausstellung „Black Images Corporation“ im Gropiusbau in Berlin beteiligt. Sie performte auf der Bühne gemeinsam mit ihrem Freund, Mentor und Weggefährten Mac Folkes eine Konversation über ihr Heranwachsens in der deutschen Weißen Mehrheit-Gesellschaft und Projektionen dieser auf ,,gute, Weiß-gelesene, Schwarze Menschen“. ,,Auf diesem Talk, habe ich das erste Mal ausgesprochen, dass ich eine Afrodeutsche Frau, eine Schwarze Frau bin“, erzählt sie rückblickend.

Größere Sichtbarkeit nicht-Weißer Menschen

Dass dem so ist, kommt nicht von irgendwo her: „Ich habe mich nicht erst als Weiße Person und dann als Schwarze Person gelesen. Ich habe mich so gelesen, wie mich andere geformt haben“, so Kurka, bezieht sich dabei auf ihre Eltern, aber auch auf die Gesellschaft als großes Ganzes. „Und das betrifft nicht nur mich, sondern alle Menschen.“

Schon über Jahre sei der Wunsch in ihr gewachsen ein Buch zu schreiben, so Kurka. „Diese Idee, war wie so ein Anker, der sich festgesetzt hat in mir“, berichtet sie. „Ich wollte mich an meiner persönlichen Geschichte abarbeiten, ein Kapitel abschließen.“ Und es gehe auch um Selbstermächtigung und Gewinnung der Deutungshoheit über die eigene Geschichte. „Ich wollte für mich in der Öffentlichkeit einstehen, mir einräumen: Sehr geehrte Damen und Herren, mich gibt es, meine Geschichte gibt es.“

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hätten sich Dinge verbessert, das Straßenbild sei merklich diverser geworden, nicht nur in Bezug auf die Farbe der Haut, sondern auch andere Identitätsmarker. Vor allem in den großen Städten. „Das Straßenbild in Berlin heutzutage ist eine Erholung für mich“, so Kurka. Auch begrüßt sie die größere Sichtbarkeit nicht-Weißer Menschen in Film und Fernsehen und die vermehrte kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und wissenschaftliche Debatten.

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Doch müsse sich die Weiße Perspektive ändern, „die Position, von welcher aus Weiße Menschen beginnen, sich mit Rassismus und ihrer rassistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.“ Es dürfe nicht von oben herab passieren, sondern bedarf einer Offenheit. Es gehe darum, den eigenen Blick zu schärfen, die Scheuklappen abzunehmen. Kurka bezeichnet Alltagsrassismus als den „blinden Punkt“ in der Weißen Mehrheitsgesellschaft. „Jeder ist limitiert auf sein eigenes Feld, fühlt sich dort sicher. Und es ist schwer dieses zu verlassen, denn es ist ungemütlich. Aber genau da müssen wir hin, an die Stelle, wo es so richtig unbequem wird.“ Und umso mehr Menschen es vormachten, umso mutiger würden künftige Generationen. Kurkas Buch kann ein Anstoß sein.

Anmerkung: Orientiert an der Schreibweise von Peggy Kurka in ihrem Buch „Das Blaue Kind“, werden auch in diesem Artikel die Begriffe „Schwarz“ und „Weiß“ großgeschrieben. „Schwarz“ ist eine Selbstbezeichnung, beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. Es wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle Eigenschaft, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. „Weiß“ bezeichnet wie „Schwarz“ keine biologische Eigenschaft, keine Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion.