Ost und West – diese Unterscheidung gibt es doch nach 35 Jahren Deutscher Einheit gar nicht mehr. Oder doch? Für viele, die in der DDR aufgewachsen sind, prägt die ostdeutsche Sozialisierung ihr Leben bis heute. Die Berliner Morgenpost hat – getrennt voneinander – mit der Moderatorin und Journalistin Petra Schwarz und dem Leiter des DDR-Museums in Mitte, Gordon Freiherr von Godin, gesprochen. Ihre Antworten zeigen, wie und wo „Ost-Identität“ bis heute nachwirkt.
Welche Erfahrungen verknüpfen Sie mit Ihrer Herkunft aus dem Osten?
Schwarz: Ich war Anfang 30 als die Mauer fiel, bin also mein halbes Leben im Osten sozialisiert worden. Heute finde ich es gut, zwei Gesellschaftsordnungen „gelebt“ zu haben. Unterschiede sehe ich insbesondere bei den Wertvorstellungen. Dass mir Menschen aus dem Westen erklären wollen, wie es bei uns im Osten war, erlebe ich immer wieder. Ich weiß natürlich, dass die Sicht von außen sinnvoll sein kann. Aber jedem Menschen aus dem Osten muss seine Sicht gestattet sein. Wieviel diese ganz individuellen Sichtweisen mit der damaligen gesellschaftlichen Realität zu tun haben, darüber kann man diskutieren.
Godin: Bis zu meinem 19. Lebensjahr bin ich im Prenzlauer Berg aufgewachsen, das hat mein späteres Leben stark geprägt. Mein Vater war Reisebusfahrer und hat Stadtrundfahrten für Besucher durch Ost-Berlin unternommen, wodurch ich schon als Kind einen touristischen Blick auf die Stadt hatte. Ich habe früh verstanden, dass Berlin in der DDR eine besondere Stellung hatte. Ost-Berlin wurde bei der Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs mit Delikatessläden, Exquisit- und Intershops stark bevorzugt. Wenn wir nach Sachsen-Anhalt oder Thüringen zu Bekannten gefahren sind, haben wir oft H-Milch, Tomaten und vieles mehr mitgebracht.
Mit welchen Vorurteilen fühlen Sie sich als Ost-Deutsche konfrontiert?
Schwarz: Dass Menschen aus dem Osten skeptisch beäugt werden, erlebe ich immer wieder. Seit mehr als 40 Jahren moderiere ich als Radio- und Fernsehfrau auch Tagungen, Kongresse und Podiumsdiskussionen. Und wenn meine Gesprächspartner aus dem Westen dann erfahren, dass ich aus dem Osten komme, sagen sie oft ungläubig: „Nein, Sie doch nicht!“ Das soll ein Kompliment sein, doch dahinter steckt Skepsis: Wenn jemand sein Handwerk beherrscht und professionell arbeitet, kann er nicht aus dem Osten sein. In den letzten Jahren hat sich das aber schon geändert; wir begegnen uns etwas mehr auf Augenhöhe.
Godin: Vorurteile wie der „Mecker-Ossi“ oder „Besser-Wessi“ sind heute weniger präsent. Aber vor allem in den Medien findet Ostdeutschland zu wenig statt. Viele Zeitungen oder Buchverlage denken ostdeutsche Perspektiven kaum mit. Wir Ossis wollen wahrgenommen werden und müssen das auch erwarten dürfen.

Welche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen spüren Sie noch heute?
Schwarz: Wir haben in der DDR in einer Gesellschaftsordnung gelebt, die – aus heutiger Sicht – eine Utopie war. Die Maxime, nicht vorwiegend die persönliche Entwicklung im Blick zu haben, sondern auf die Gemeinschaft zu fokussieren, war fortschrittlich. Aber das menschliche Wesen war leider noch nicht so weit entwickelt. Und mit der sogenannten „Wende“ ist das Ganze fast vollständig verloren gegangen. Was nicht heißt, dass sich Gemeinschaft und Solidarität im Kapitalismus nicht auch mehr entwickeln können und sollten, damit wir als Gesellschaft vorankommen.
Godin: Ostdeutsche halten die Werte Solidarität und Gerechtigkeit sehr hoch. Diese Wertegemeinschaft ist bis heute spürbar – sei es in der Arbeitswelt oder im Privaten. Ich hoffe, dass sich das nicht so schnell verwächst, denn es zeigt eine besondere Art der Empathie. Ich habe nach 1990 im Westen gearbeitet und dort die Ellenbogengesellschaft deutlich gespürt, mit der ich bis heute umgehen lernen musste.
Hatten Sie jemals das Gefühl sich anpassen zu müssen, um im Westen akzeptiert zu werden?
Schwarz: Noch heute wird ja gern schwarz-weiß gedacht, nach dem Motto: „Im Osten wurde alles verboten, im Westen darf man alles.“ Ich habe da eine konkrete, ganz andere Erfahrung. Mein einziges, zeitweiliges Sendeverbot beim Radio hatte ich im Westen – nicht im Osten. Ich hatte Anfang der Neunzigerjahre beim Sender SFB eine eigene Sendung mit dem „schönen deutschen“ Titel „Eastside“. In der wöchentlichen Live-Radiosendung hatte ich prominente Studiogäste aus dem Osten, mit denen ich über ihr Leben im Osten und seit Mauerfall gesprochen habe. Nachdem ein Gast einen für meinen Hörfunkdirektor unliebsamen Satz gesagt hatte, sollte ich dafür geradestehen. Ich meinte daraufhin: „Wissen Sie, was? Das ist ja wie im Osten.“ Da war es nämlich so: Wenn ein Satz gefallen ist, der nicht gefiel, dann musste man sich verantworten.
Godin: Nein, die Nachwendezeit war für mich geprägt von Überlebenskampf und Neuorientierung. Als die Mauer fiel, war ich beim Grundwehrdienst der NVA. Danach habe ich in West-Berlin gut bezahlte Arbeit gefunden, kam dort aber überhaupt nicht zurecht. Der Verkehr, die wenigen Grenzübergänge, überall Stau. Das war damals alles zu viel für mich, Anpassung war da nicht mein Thema. Ich brauchte mit 19 Jahren Halt. Also machte ich eine zweite Berufsausbildung zum Hotelfachmann und habe unentwegt gearbeitet. Die große gesellschaftliche Angst vor der Arbeitslosigkeit hat mich unheimlich getrieben.

Was wünschen Sie sich von der öffentlichen Debatte über West und Ost?
Schwarz: Gegenseitigen Respekt. Diskussionen auf Augenhöhe. Austausch. Wirklich die Ohren aufmachen. Von mir aus hart diskutieren und eben nicht auf einen Nenner kommen. Aber nicht von vorneherein denken „Im Osten war’s blöd, im Westen war’s toll.“ Da gibt es dieses Zitat von Theodor Heuss: „Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“ Ich bin sehr dafür, sich mit der DDR zu beschäftigen, ohne immer wieder diese Vorurteile reinzubringen.
Godin: Ich wünsche mir mehr Motivation aus dem Westen, sich mit dem Osten auseinanderzusetzen. Deutschland scheint bei Wahlen politisch gespalten. Wir müssen weiterhin mit den Menschen in den Dialog treten, Meinungsunterschiede aushalten lernen und ihre Beweggründe verstehen. Unsere Gesellschaftsaufgabe bleibt, den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur an künftige Generationen weiterzugeben. Sonst laufen wir Gefahr, diese Lektionen zu vergessen.
Gibt es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie besonders stolz darauf waren, aus dem Osten zu kommen?
Schwarz: Stolz? Das Gefühl kenne ich nicht wirklich. Es gibt aber oft Momente, wo ich denke: Dass ich aus dem Osten – mit allem, was diesen ausmacht – komme, ist gut so. Ist ja ohnehin nicht zu ändern.
Godin: Ich habe ab 2006 in München als Vertriebsleiter bei einer US-amerikanischen Hotelkette gearbeitet. Ich bin viel gereist, nach London, Paris, Rom, Stockholm, Birmingham usw. Als der einzige ostdeutsche Mitarbeiter dort zu arbeiten, war schon irre. Als mein US-Chef uns in sein Haus nach Bethesda bei Washington D.C. einlud und ich erzählte, dass ich in der sozialistischen DDR groß geworden bin, war er völlig baff. Da habe ich ein Gefühl von Stolz verspürt, es für mich so weit gebracht zu haben.



