Man muss schon wissen, wo man hinwill, wenn man den norwegischen Ruderklub in Berlin (Norsk Roklub i Berlin e.V., NRB) sucht. Zwischen schmucken Villen versteckt sich das rot-weiße Holzhaus Im Haselwinkel 9 in Hessenwinkel/Rahnsdorf hinter Bäumen und Büschen und wirkt von der schmalen Straße aus wie ein etwas in die Jahre gekommenes skandinavisches Ferienhaus.
Doch hinter dem Haus öffnet sich der Garten zu einem kleinen holzgefassten Hafenbecken. Von der überdachten Veranda schweift der Blick auf blühende Seerosen, einen Stichkanal und die dahinter verlaufende Müggelspree.
Erst auf den zweiten Blick sieht man im üppigen Grün den Fahnenmast mit der rot-blau-weißen Flagge: Hier ist norwegisches Territorium. Und das schon seit mehr als 100 Jahren, wenn auch mit jahrzehntelanger Unterbrechung von 1945–1991.
Etagenbetten und Jugendherbergsflair im Obergeschoss
Es ist viel los an diesem Sonntagnachmittag. An langen Tischen am Hafenbecken erholt sich Franziska Hentschke mit einer Gruppe Freunde beim Brunch von einer Übernachtungs-Party am Wasser. Zwölf Personen finden in den sechs kleinen Schlafkammern mit Etagenbetten und Jugendherbergsflair im Obergeschoss des Klubhauses Platz, es gibt eine gemütliche Küche und ein großes Wohnzimmer mit Wasserkarten, Wimpeln, Kachelofen und Klavier.
Liv Prinz ist gerade mit ihren kleinen Söhnen Markus und Christian angekommen. Die spielen, in dicke Rettungswesten eingepackt, am Rand des Hafenbeckens und wollen mit dem roten Kinderboot aus Hartplastik fahren.
Rita Hjortland, aktuelle Vorsitzende des NRB, hat ihren fünfjährigen Neffen Ulrik mitgebracht, der auch sofort eine Schwimmweste verpasst bekommt, und Ingerid Ljosland ihre neunjährige Tochter Alexandra, die sich bald das blassgrüne Kanu schnappt und den Kleinen lässig davonpaddelt. Franziska, Liv und Rita arbeiten in der norwegischen Botschaft, Ingerid ist bildende Künstlerin und HU-Dozentin.
Kinder sollen die norwegische Kultur nicht vergessen
Sie kommen hierher, um die Natur zu genießen, zu entspannen und um norwegische Lebensart zu pflegen. Auch wegen der Kinder, die ihre Kultur nicht vergessen sollen. Es geht gesellig zu in dem schönen Garten am Wasser und daran, eines der zehn Boote aus dem Bootshaus zu holen und ins Wasser zu lassen, denkt gerade eigentlich keiner. Kanu und Kinderboot reichen.
Der Bootswart und fünf weitere Klubmitglieder sind für das Wochenende auf Freundschaftsfahrt in Oslo, wo der Freundeskreis des Klubs seinen Sitz hat und wo 1988 die Stiftung gegründet wurde, die dem Verein das Grundstück kostenlos zur Verfügung stellt. Auch der deutsche Botschafter in Oslo ist im Verein, er hat bei Ingerid Norwegisch gelernt.
Das jüngste Mitglied, Sjur Bie-Lorentzen, macht sich an der Feuerstelle zu schaffen, später wird er den Grill anwerfen. Der 29-Jährige hat in Berlin seinen Master in Germanistik gemacht und hilft bei der Botschaft aus. Bald wird er weiterziehen.
Anfang des 20. Jahrhunderts als Männerklub gegründet
Er war seit langem der erste Student unter den 60 Mitgliedern, die meist zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und von denen nur etwa 30 in Berlin und Brandenburg leben. „Norwegische Studenten bleiben oft nur kurz in Berlin, da lohnt sich ein Verein nicht“, sagt Sjur. Sie suchten auch eher das Berliner Leben als die Ruhe in Hessenwinkel.
In den Anfangszeiten war das anders. Die Gründer waren norwegische TU-Studenten, angehende Architekten, Ingenieure und Künstler. Sie gehörten zu den ersten, die 1907 im damals kaum besiedelten Hessenwinkel ein Grundstück erwarben. Sumpfig aber erschwinglich. Nach der Loslösung Norwegens von Schweden gründeten sie auch in Berlin ihren ersten eigenen Sportklub, den Norsk Roklub i Berlin – einen reinen Männerklub.
Finanzierung mit Mitgliedsbeiträgen allein nicht möglich
Sie bauten ein Klubhaus mit integriertem Bootshaus ans Wasser und trafen sich am Wochenende zum Training oder zum Wanderrudern in der Natur. Unter der Woche kam nur, wer ungestört lernen wollte. Das erste Bootshaus musste Anfang 1934 abgerissen werden, weil es absackte.
Das zweite ruht seit 1935 auf einem Fundament aus 28 zehn Meter langen Pfählen und hat bis heute durchgehalten, auch wenn jetzt die Außenwand des Bootshauses wegsackt und befestigt werden muss. Mit den Mitgliedsbeiträgen von 90 Euro pro Jahr und Waffelständen auf Botschaftsfesten lässt sich das kaum finanzieren.
Gemütlicher Wanderruderclub
Der Wochenendcharakter ist schon wegen der Anfahrt geblieben. Was das Rudern betrifft, können sich die heutigen Mitglieder nicht mit dem sportlichen Ehrgeiz der Gründerväter messen. Das hat mit der Geschichte des Klubs zu tun, der von 1945 bis zum Mauerfall praktisch enteignet war und auch mit dem Anspruch, den der Verein heute hat.
Zu DDR-Zeiten wurde das Gelände 40 Jahre lang vom Kajakclub „ESV Lokomotive“ genutzt. Die Norweger hatten ihren Vereinssitz nach Oslo verlegt, den Anspruch auf ihr Gelände aber nie aufgegeben. 1991 bekamen sie es zurück, 1993 war Wiedereröffnung. Nun wurden auch Frauen zugelassen.
Dann mussten erst mal Boote beschafft werden, die neuen Mitglieder mussten rudern lernen. „Wir sind hier keine Sportruderer“, sagt Rita, die seit 13 Jahren in Berlin lebt. „Es ist eher ein gemütlicher Wanderruderclub und ein Treffpunkt für Norweger, die in Berlin leben, arbeiten oder studieren und Deutsche, die sich mit den nordischen Ländern verbunden fühlen.“
Wettbewerbe und Regatten stehen noch nicht auf dem Programm
Deshalb wird auch nur aufgenommen, wer fließend eine nordische Sprache spricht. „Hier werden gesellige Tage und Wochenenden verbracht, traditionelle Feste wie das An- und Abrudern, St. Hans, Sensommer und Julebord gefeiert, die Natur genossen und natürlich auch gerudert – wenn auch keine Wettbewerbe oder Regatten. Dafür müssten wir noch sehr viel üben.“
Fürs Üben ist Wolfgang Voigt zuständig, der Ex-Leistungssportler ist Bootswart im Klub und gibt den Anfängern ab und zu Unterricht. Die drei zigarrenförmigen Einer/Skulls sind kippelig, man liegt schnell im Wasser, wenn man die Balance nicht halten kann, sagt die 43-Jährige.
Auch die fünf langen hölzernen Ruderboote, die im Bootshaus wie schlanke, glänzende Fische an den Wänden hängen, sind nicht leicht zu handhaben. Der Achter, den die Klubmitglieder gern für gemeinsame Ausflüge nehmen, ist 17 Meter lang, dafür muss man erst mal eine Mannschaft zusammentrommeln.
Seele baumeln lassen mit dem Kanu
Oft genug klappt es aber doch. Einmal im Jahr geht es im Achter zum RG West nach Spandau, 50 Kilometer durch die Stadt. Zum Sensommerfest im September rudern die Spandauer dann nach Hessenwinkel zum Rekker-Essen. Das sind Krabben mit Mayo und Brot.
Geselligkeit ist wichtig, aber auch die Naturliebe gehört zur norwegischen Identität. Zuhause beim Wandern und Skifahren. In Berlin beim Rudern. Wer es kann, ist eher mit dem Zweier oder Vierer unterwegs. Ingerid erzählt von Touren quer durch Berlin. Sie freut sich auf die Fahrt nach Dolgenbrodt im August. Rita nimmt sich das Kanu, wenn sie Ruhe braucht. „Abends auf dem Wasser, so dicht an der Natur unterwegs zu sein, ist einfach schön für die Seele“, sagt sie.




