Alles am Fluss

Einige der letzte Zeugen der Dampfschifffahrt liegen in Berlin

Im Historischen Hafen Berlin dümpeln historische Schätze. 140 Ehrenamtliche kümmern sich um die Oldtimer. Sie warten, streichen und schleifen - und bringen so manches Schiff wieder unter Dampf.

„Andreas“ hat „Renate-Angelika“ abgeschleppt. Wahrscheinlich auch „Bärbel Marlies“ und „Elisabeth“. Und mit „Anna“ liegt er hin und wieder Seite an Seite im Wasser. Das aber auch mit „Auguste“, „Barbara II“ und „Gisela“. Alle „Damen“ sind nicht mehr taufrisch und haben ihren wahrscheinlich letzten Liegeplatz gefunden: den Historischen Hafen Berlin an Mühlendammschleuse und Fischerinsel. Er bietet Motorschleppern, Tonnenlegern, Fähren und Fahrgastschiffen einen Platz auf der Spree. Aber auch Lastkähne, Stoßboote und eben Schleppdampfer „Andreas“ sind am Märkischen Ufer vertäut.

An „Andreas“ hat Sonja Vandrei ihr Herz verloren. Die 35-Jährige engagiert sich in der Bürgerinitiative „Berliner Gestalten“, einer Plattform von ehrenamtlich tätigen Kultur- und Kreativschaffenden. Über diesen Weg ist sie Mitglied in der Berlin-Brandenburgischen-Schifffahrtsgesellschaft e.V. (BBSG) geworden. Der Verein betreibt den Historischen Hafen in Berlin Mitte.

Der Dampfschlepper von 1944 soll wieder Rundfahrten machen

„Andreas soll wieder fahren. Er liegt jetzt seit zwei Jahren im Hafen“, sagt Vandrei. „Das Schiff ist für ungefähr 60 Personen zugelassen und soll bald wieder Rundfahrten machen.“ Man habe in den vergangenen Jahren viel an dem 1944 erbauten, mehr als 35 Meter langen Dampfschlepper gebaut, repariert und saniert. „20 bis 40 Stunden im Monat arbeite ich ehrenamtlich am Schiff“, sagt die Kommunikationsdesignerin. „Im April hat er die Kesselprobe bestanden und kann jetzt aus eigener Kraft in die Werft nach Köpenick fahren.“

Dort wird dann das Unterwasserschiff überarbeitet. Um all diese Restaurierungen finanzieren zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Allein die Restaurierung der Kesselanlage habe rund 10.000 Euro verschlungen.

„Das, was hier liegt, sind die letzten Reste der Schleppschifffahrt“, sagt Rainer Röper und zeigt auf die schwimmenden Oldtimer. „In der gesamten Bundesrepublik gibt es keine alten Kähne wie diese mehr.“ Zwischen 1960 und 1970 seien nahezu alle Lastkähne und Schleppdampfer verschrottet worden. Auf den Gewässern war eine neue Zeit angebrochen. Die Schubschifffahrt mit Dieselmotoren hatte begonnen.

„Andreas“ ist der letzte in Deutschland gebaute Schleppdampfer für Binnengewässer. Er hat unter anderem auf der Elbe und der Saale geschleppt. „Es war reiner Zufall, dass wir das Schiff noch entdeckt haben“, sagt Röper. „Der Schleppdampfer lag fest am Ufer und diente als Dampfgeber für die Heizung der Büros des Stralauer Glaswerkes in Berlin.“ Jetzt sei es das Flaggschiff der BBSG.

Auch alte Schiffe müssen zum TÜV

Röper ist Matrose der Binnenschifffahrt, Schiffsführer und Gründungsmitglied der BBSG. Es seien alles Schifffahrtsenthusiasten gewesen, die im Sommer 1990 an Bord eines Dampfschleppers den Verein gründeten. „Wir sind uns alle einig, dass die letzten Zeugen einer großen Zeit der Fluss- und Kanalschifffahrt nicht für immer verlorengehen dürfen“, sagt Röper. Nach Angaben des Matrosen gibt es ständig etwas zu warten, zu streichen und zu reparieren. „Die Schiffe, die noch fahren, müssen auch alle vier Jahre zum TÜV“, sagt er.

Er selber ist als Schiffsführer auf der „Heinrich Zille“ und der „Frohsinn“ unterwegs. Das Schiff mit dem Namen des Berliner Malers und Fotografen ist das älteste, noch fahrbereite Fahrgastschiff in Berlin. „Das Schiff ist Baujahr 1896“, sagt Röper. „Damit geht's durch Berlin und freitags findet an Bord immer eine Zille-Revue statt.“

„Unser Verein hat rund 140 Mitglieder“, sagt Max Hiller, Vorsitzender der BBSG. „Einmal im Monat treffen wir uns, reden, streiten, planen Fahrten zu Hafen- und Wasserfesten.“ Hiller sagt, dass rund die Hälfte der Vereinsmitglieder aus der Binnenschifffahrt kommt. Sonst aber würden die Liebhaber historischer Schiffe allen möglichen Berufen nachgehen. Unter dem Brückenbogen der Inselbrücke dümpeln einige verstaubte Schätze. Motorboote aus Holz und Beiboote aus Metall sind in Spinnennetze eingesponnen. Sie liegen in der Abendsonne, die unter die Brücke scheint. Ein Traummotiv für jeden Hobbyfotografen. Von denen bleiben viele auf der Brücke stehen und fotografieren die letzten Zeugen der Dampfschifffahrt.

„Renate-Angelika“ trägt die Hafenbar im Bauch

„Renate-Angelika“ ist älter als 100 Jahre, ist aber trotz ihres hohen Alters noch einmal „beruflich“ neu durchgestartet. Sie ist der Ausstellungskahn mit der im Schiffsbauch eingerichteten Hafenbar und der Ausstellung zur Binnenschifffahrtsgeschichte. „Hier finden auch unsere Vereinstreffen und unsere Feste statt“, sagt Hans Zinke. Der stellvertretende Hafenmeister ist für die Ausstellung zuständig. Wo heute Modellschiffe und andere Exponate der Schifffahrt ausgestellt sind, wurde früher Rohgetreide transportiert. „Das Getreide war nicht in Säcke verpackt, sondern wurde lose in den Frachtraum geschippt“, erklärt Zinke. „Voll beladen haben dann Schleppdampfer diese Transporter über die Flüsse und Kanäle geschleppt.“

Als stellvertretender Hafenmeister ist er auch der Ansprechpartner für Gastlieger. „Es kommen regelmäßig Traditionsschiffe aus anderen Ländern“, sagt Zinke. „Häufig aus Amsterdam, zum Hafenfest erwarten wir auch ein ehemaliges Bunkerboot aus der Schweiz.“ Bunkerschiffe sind Tankboote, die andere Schiffe auf dem Wasser mit Treibstoff und Öl versorgen. Zinke deutet auf den desolaten Holzboden. „Der muss dringend erneuert werden“, sagt er. „Da lässt sich nichts mehr reparieren. Mit dem Holz kann ich aber noch den Kessel auf der „Andreas“ anfeuern.“

Der schwimmende Kleingarten ersetzt den Balkon

Hiller zeigt rüber zur Fischerinsel. „Agnes“, „Frohsinn“ und „2068 A“ liegen dort. Zahlen und der Buchstabe am Schiffsrumpf bildet eine Registernummer, einen richtigen Namen hat der 40 Meter lange Schleppkahn nicht. „Ich habe einen Spitznamen“, sagt Corinna Weidner. „Der ist aber sehr persönlich, den verrate ich nicht.“ Die Autorin hat den Schleppkahn gekauft und restauriert ihn Stück für Stück.

Eigentlich ist der Kahn ein schwimmender Kleingarten. „Ich wohne in Kreuzberg, habe aber keinen Balkon“, sagt die Schriftstellerin. „Das Schiff habe ich zu meinem Sommerrefugium gemacht.“ Das Steuerhaus dient als Gewächshaus für Tomaten, überall auf Deck verteilt stehen bepflanzte Waschzuber aus Metall. Ihr Buch „Berlin Wasserwelten“ hat die Schriftstellerin zu großen Teilen hier geschrieben. Wenn sie nicht gerade den Rost an dem Schleppkahn mit Schleifpapier und Farbe bekämpft, sitzt sie zwischen den Pflanzen an Deck. „Dann genieße ich die Wasserstadt Berlin und das Leben am Fluss.“

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