Alles am Fluss

André Szatkowski - Herr über eine Insel in der Spree

Alles am Fluss - die Serie der Berliner Morgenpost. Der 36 Jahre alte André Szatkowski arbeitet auf der „Insel der Jugend“ in Treptow – und erfüllte sich damit einen Traum.

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhtar (3); Getty Images

Bluna ist Baujahr 1962 und der Star. Warum, weiß keiner so genau. Vielleicht liegt es an der Farbe Orange, die gute Laune macht. Oder am Limonaden-Namen, der Durst macht. Oder an der Herkunft. Bluna stammt aus Bayern. Sanft schaukelt der Tretboot-Oldtimer auf der Spree. „Wenn ich Zeit habe hinauszufahren, dann nur mit Bluna“, sagt André Szatkowski.

Das passiert selten. Seit drei Jahren verlässt der 36-Jährige nur zum Schlafen die Insel der Jugend in Treptow oder für die kleinen Ausflüge mit Bluna. Dann fährt er Richtung Innenstadt bis zur Oberbaumbrücke oder zum Badeschiff. Am liebsten aber nimmt er den Weg in die Rummelsburger Bucht, wo Bluna dann fast geräuschlos am Schilf vorbeizieht, während sich die Skyline Berlins vor dem Sonnenuntergang abzeichnet.

André Szatkowski weiß diese kleinen Fluchten zu schätzen. Er kann sie nur unternehmen, nachdem der letzte Besucher die Insel verlassen hat. Manchmal setzt er sich dann auch einfach ans Wasser und genießt es. Das Gefühl, es geschafft zu haben, angekommen zu sein, den „Traumjob“ zu haben. Der junge Mann betreibt seit Juni 2010 den Jugendklub „Insel Berlin“ mit dem Verein Kulturalarm auf dem kleinen Eiland zwischen Treptower Park und Plänterwald, direkt gegenüber der Halbinsel Stralau. Wenn er am Morgen an seinen Arbeitsplatz ins Brückenhaus kommt, watschelt ab und zu eine Entenfamilie neben ihm her. Am Abend sieht er manchmal, wie sich der Fuchs über die Brücke davonschleicht. Den meisten Lärm machen tagsüber die Vögel. Fern ist die Großstadt.

Für die Beschreibung der Insel der Jugend hat der Jugendklub-Chef nur Superlative: Perle in der Spree, absolut einmalig. Ein Rückzugsort für gehetzte Berliner, mit Blick auf die Schornsteine des Rummelsburger Kraftwerks und den Fernsehturm. Die Insel hatte schon viele Namen. Sie hieß Rohr-Insel und Neu-Spreeland. Schließlich wurde zur Gewerbeausstellung 1896 ein Restaurant im Stil einer schottischen Klosterruine gebaut, was ihr den Namen Abteiinsel einbrachte. Die Ruine brannte knapp 20 Jahre später ab. 1949 wurde sie in Insel der Jugend umbenannt – ein Name, der sich bis heute gehalten hat. Seit den 50er-Jahren wird das Brückenhaus als Kulturhaus und Jugendklub genutzt. Auch daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur die Betreiber wechselten.

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Als 2009 der Betreiber aufgab, weil ihm die Fördermittel gestrichen wurden, sah André Szatkowski seine Chance. Er habe sich schon in den 90er-Jahren in die Insel verliebt, erzählt er. Damals kam er hin, um Konzerte und Partys zu besuchen. Als er das erste Mal über den Brückenbogen ging, glaubte er, ein Prinzessinnen-Schloss vor sich zu sehen, erinnert er sich. Die Faszination blieb. „Jugendklubs galten zu der Zeit noch als cool“, sagt er. Es habe genug Geld und Personal gegeben für interessante Workshops und Veranstaltungen. Das sei heute längst nicht mehr so. Angezogen vom Inselflair suchte er sich eine Wohnung gleich gegenüber auf dem Festland. Damit hatte er sein Ziel immer vor Augen.

Los ging es mit Musik

Doch der Sprung auf die Insel führte über Umwege. Er begann eine Lehre zum Tischler in einem Schiffsbauwerk und entschied sich dann doch dafür, Musik zu machen. Mit seinem Schlagzeug bezog er als einer der ersten einen Probenraum im Orwo-Haus in Marzahn, das er mit den anderen 400 Künstlern später kaufen konnte. 2008 gründete der Musiker seinen eigenen Kulturalarm-Verein und veranstaltete zwei Festivals auf der Insel. Er wusste also, worauf er sich einließ, als er sich 2009 gemeinsam mit 30 anderen Interessenten für den Betrieb des Jugendklubs bewarb. „Generationsübergreifendes Kulturhaus mit gastronomischem Angebot“ stand über seinem Konzept, mit dem er den Zuschlag erhielt.

Er sitzt im Biergarten neben dem Brückenhaus und blickt auf die drei Jahre als Herr der Insel zurück. So glücklich er über den Zuschlag war, so groß war der Ärger, der folgte. Nach einigen Open-Air-Musikfestivals beschwerten sich Anwohner der Halbinsel Stralau und die Mitarbeiter des benachbarten Mädchenwohnheims über den Lärm. Sie bekamen Recht, und der Klubchef musste die Boxen im Garten abschalten und sein Konzept umkrempeln. Auf den drei Etagen des Brückenhauses gibt es nach wie vor Konzerte, aber auch zahlreiche andere Veranstaltungen für Familien und Kinder, wie Kürbisschnitzen zu Halloween und Laternenbasteln. Gerade erst ist der neue Theaterraum fertig geworden. Im Garten aber geht es auch weiter, nur ohne Lautsprecher. Erst kürzlich gab es einen Poetry-Slam.

Wenn der Chef heute eine schwarze Null schreiben kann, liegt das aber auch daran, das das Brückenhaus mit Terrasse und Garten von den Berlinern als „Event-Location“ entdeckt wurde. Bis zu 40 Hochzeiten hat er pro Jahr, dazu Sommerfeste von Firmen und Familienfeiern. Die Vermietung gehöre mittlerweile zum Kerngeschäft, sagt der 36-Jährige. Aber auch Tagesgäste gehören zu seinem Publikum. Besucher finden im Sommergarten zwischen Brückenhaus und Bootsverleih einen Platz, an dem sie sich mit leisem Jazz im Hintergrund und mit Blick auf die vorbeiziehenden Schiffe entspannen können. Die Gerichte, wie Steinbeißer, sind frisch zubereitet.

Bis Sonnenuntergang können sich die Inselgäste 3er-Canadier und Tretbootklassiker aus den 60er- bis 80er-Jahren ausleihen. Wenn sie Glück haben, liegt sogar Bluna noch am Steg. Ausflüge zu der kleinen Liebesinsel und der benachbarten Insel Kratzbruch seien sehr beliebt, erzählt der Bootsverleiher. Nur aussteigen dürfe man nicht, da beide Inseln aus Naturschutzgründen nicht betreten werden dürften.

Und wenn André Szatkowski mal Urlaub macht, fährt er auf eine Insel: Hiddensee.