Volksentscheid

Wird das Tempelhofer Feld nun doch bebaut?

Noch vor wenigen Jahren wollten die Berliner das Tempelhofer Feld so lassen, wie es ist. Doch immer öfter wird eine Bebauung gefordert.

FDP und CDU wollen die Ränder des Tempelhofer Feldes bebauen.

FDP und CDU wollen die Ränder des Tempelhofer Feldes bebauen.

Foto: euroluftbild.de/Daniel Reiter

Berlin. Viele Berliner erinnern sich noch an die letzten Maschinen, die vom Flughafen Tempelhof gestartet sind. Das war am 30. Oktober 2008. Seitdem ist das Tempelhofer Feld eine riesige Freifläche, wie es sie in Großstädten kaum gibt. Doch angesichts des Wohnungsmangels in Berlin werden die Stimmen derjenigen lauter, die bald Betonmischer und Baumaschinen über die Landebahnen des ehemaligen Flughafens schicken wollen.

„Berlin wächst, und bis 2030 fehlen mindestens 100.000 Wohnungen. Da ist das Tempelhofer Feld mit seiner zentralen Lage für eine behutsame Randbebauung mit viel Grün und einem Klimawald ideal geeignet“, argumentiert Berlins CDU-Vorsitzender Kai Wegner. „Wir wollen bei der Bebauung behutsam vorgehen und 6000 Wohnungen für etwa 20.000 Menschen am südwestlichen Rand errichten.“ Gedacht sei an klimaneutrale, barrierefreie und bezahlbare Wohnungen für Familien, Studenten, Senioren und Normalverdiener.

Die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Iris Spranger ist dafür, durch landeseigene Wohnungsunternehmen und Genossenschaften 5000 bis 6000 Wohnungen bauen zu lassen. Sie plädiert für eine moderate Bebauung am westlichen Rand hin zum Tempelhofer Damm und südlich entlang der Autobahn, nicht aber am Columbia-Quartier und am Schillerkiez nördlich und östlich des Feldes. Der überwiegende Teil des Areals soll Freizeit- und Erholungsfläche bleiben.

Das Bebauungsverbot ist im Tempelhofer-Feld-Gesetz festgeschrieben

Seit das rund 300 Hektar große Tempelhofer Feld 2010 für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, sind dort schon morgens Jogger und Radfahrer unterwegs. Auf den Rasenflächen lassen sich bei Sonnenschein Hunderte von Menschen zum Picknicken nieder. Inline-Skater ziehen über den Asphalt, in einer Ecke des ehemaligen Flughafens gibt es einen Minigolfplatz.

Die Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“ hatte nach der Schließung des Flughafens viele Sympathien auf ihrer Seite, als sie gegen die damaligen Randbebauungspläne mobil machte. Bei der Volksabstimmung im Mai 2014 sprachen sich überraschend fast zwei Drittel dafür aus, die Freifläche so zu belassen, wie sie ist. Das Bebauungsverbot ist im Tempelhofer-Feld-Gesetz festgeschrieben.

Seitdem ist die Stimmung in Berlin allerdings gekippt. Nachdem die Mieten in der Hauptstadt deutlich gestiegen sind, sprachen sich bei Umfragen zuletzt fast zwei Drittel der Berlinerinnen und Berliner dafür aus, zumindest einen Teil des Tempelhofer Feldes zu bebauen.

FDP fordert eine neue Volksabstimmung

Die Berliner FDP fordert deshalb eine neue Volksabstimmung und will eine Überarbeitung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes erreichen - mit dem Ziel, dass dort im Randbereich 12.000 Wohnungen gebaut werden können. Die CDU hat schon auf ihrem Kleinen Parteitag im November eine Volksabstimmung als Voraussetzung für eine spätere Bebauung gefordert.

Kai Wegner plädiert dafür, sie mit der Abgeordnetenhauswahl 2021 zusammenzulegen. Die CDU will außerdem einen Klimawald als „neue grüne Lunge“ Berlins auf dem Tempelhofer Feld anlegen. „Der 110 Hektar große Mischwald wird etwas größer sein als die Hälfte der Tiergartenfläche und bietet Lebensraum für Pflanzen und Tiere“, sagt Wegner.

Auch Iris Spranger von der SPD verlangt: „Der Senat muss ein Konzept erarbeiten, das den Volksentscheid zwar würdigt, aber auch in der aktuellen Situation entsprechend neu bewertet.“ Innerhalb von Rot-Rot-Grün gehen die Ansichten allerdings erheblich auseinander.

Grüne sehen Bebauungspläne sehr kritisch: Tempelhofer Feld wird nicht gebraucht

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) betont, die Vorschläge seien nicht neu. „Fakt ist, das Tempelhof-Gesetz bindet die Koalition und den Senat.“ Dass Berlin zusätzlichen Wohnraum brauche, sei unstrittig, so die Senatorin. Dafür sei es aber notwendig, sich vor allem auf das Umsetzen laufender Projekte zu fokussieren.

Die Grünen sehen die Volksabstimmungs- und die Bebauungspläne ausgesprochen kritisch: „Im Koalitionsvertrag sind elf neue Quartiere ausgewiesen mit einer Gesamtfläche von 532 Hektar“, erklärt Susanna Kahlefeld, Sprecherin für Partizipation und Beteiligung der Fraktion. Das Tempelhofer Feld werde als Baufläche also gar nicht gebraucht. Kahlefeld befürchtet, es gehe der FDP auch darum, den Verkauf von Teilen des Feldes möglich zu machen. Das sei „in Hochzeiten der Bodenspekulation“ aber ein wirtschaftlicher Irrwitz.

Auch Carola Bluhm, Vorsitzende der Linksfraktion, sieht angesichts der wachsenden Stadt den Bedarf an ausreichend Wohnungen. „Für mehr Bewohner brauchen wir aber auch mehr Frei- und Grünflächen.“ Ihr Fazit: „Eine Randbebauung würde die klimatischen, Freizeit- und Erholungsfunktionen des Tempelhofer Feldes beschneiden.“ Den jüngsten Vorstoß der FDP für eine neue Volksabstimmung sieht sie als Versuch, das Thema parteipolitisch zu instrumentalisieren - „ein durchsichtiges Manöver in Hinblick auf den kommenden Wahlkampf“.