Tempelhofer Feld

Erneuter Volksentscheid? Reaktionen aus dem Bezirk

Berlins FDP hat einen erneuten Bürgerentscheid zur Bebauung des Tempelhofer Feldes angeregt. Unter den Bezirksverordneten finden sich Befürworter.

Das Tempelhofer Feld mit Blick in Richtung des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Das Tempelhofer Feld mit Blick in Richtung des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance/dpa

In einem Volksentscheid vor sechs Jahren hatten die Berliner sich für die 100-prozentige Freihaltung des Tempelhofer Feldes ausgesprochen. Seither, vor allem mit Blick auf die steigende Wohnungsnot, haben SPD, CDU und nun auch die FDP auf Landesebene immer wieder laut über eine Randbebauung nachgedacht. Die Berliner FDP regt nun einen zweiten Volksentscheid an. Unter den Bezirksverordneten in Tempelhof-Schöneberg wird das zum Teil befürwortet.

2014 ist nicht 2020, sagt Reinhard Frede, FDP-Fraktionschef in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Stadt wachse laut seinen Angaben jedes Jahr um etwa 40.000 Menschen. Ganz der Haltung seiner Parteikollegen auf Landesebene entsprechend sagt er: „Seit dem gültigen Volksentscheid gegen die Randbebauung hat sich vieles in der Stadt geändert.“

Die Wohnungsnot sei heute deutlich größer. Deshalb sei man auch

in der BVV-Fraktion geschlossen für eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes. Aber: Zuvor müsse ein erneutes Bürgerbegehren sowie ein Bürgerentscheid erfolgen und die bebaute Fläche sollte ein Drittel der Gesamtfläche des Feldes nicht überschreiten, sagt Frede. Konkret hatte die Berliner FDP eine komplette Randbebauung des Feldes mit etwa 12.000 Wohnungen vorgeschlagen. Entlang der Stadtautobahn soll dem Vorschlag nach Gewerbe entstehen.

Reinhard Frede (FDP): Wohnungen sollen Normalverdienern zugute kommen

Es genüge allerdings nicht, ausschließlich Wohnungen zu errichten, sagt Frede. Festgelegt werden müsse seiner Meinung nach, dass der größte Teil der Neubauwohnungen für Normalverdiener erschwinglich ist und die dazu passende soziale Infrastruktur geschaffen wird. Wo Menschen wohnen, werden nämlich auch Schulen, Kitas, Sportflächen, Einkaufsmöglichkeiten und dergleichen benötigt.

Dieses Problem sieht auch Rainer Penk, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Tempelhof-Schöneberg. „Mit dem Wohnungsbau erzeugt man ja zusätzliche Bedarfe“, sagt Penk. Ergo, eine Wohnsiedlung auf dem Tempelhofer Feld müsste rasch durch eine entsprechende Infrastruktur ergänzt werden. „Da bleibt ja nichts mehr vom Tempelhofer Feld übrig.“

Seine Fraktion könne sich ausschließlich eine „minimale Randbebauung“ vorstellen. Das Problem der Wohnungsnot, so Penk, könne aber eh nur zusammen mit Brandenburg gelöst werden. Entlang der bestehenden S-Bahnlinien, die ins Umland führen, solle der Wohnungsbau deshalb aus seiner Sicht vorangetrieben werden.

Lars Rauchfuß (SPD): „Wir stehen auf der Linie der Landespartei.“

Für die Randbebauung des Feldes ist auch die Berliner SPD. Auf Bezirksebene ist das nicht anders. „Wir stehen klar auf der Linie der Landespartei“, sagt SPD-Bezirksverordneter für Tempelhof-Schöneberg, Lars Rauchfuß, ebenso Mitglied im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV. Seine Fraktion könne aber nur wenig mit dem FDP-Vorschlag anfangen, sagt Rauchfuß. 12.000 Wohnungen zu errichten, sei nicht realistisch.

Vorstellbar seien 4000 bis 5000 Wohnungen, die aber zu 100 Prozent durch kommunale Wohnungsbaugenossenschaften geschaffen werden sollten. „Dass landeseigene Flächen abgegeben werden – die Zeiten sind vorbei“, so der SPD-Politiker. An der Südseite sehe er außerdem Platz für Gewerbe. Darüber hinaus bliebe so noch ausreichend Platz, um etwa Sportflächen zu gestalten. Die brauche es nämlich genauso dringend, sagt Rauchfuß.

Gartenanlagen müssen für Schulbau weichen

In Tempelhof-Schöneberg erfahren nun die Gartenlaubenbesitzer die Folgen des Platzmangels. Gleich drei müssen für die Schaffung von Schulen und Sportflächen teilweise gänzlich verschwinden. Um diese zu erhalten, könnte auch das Tempelhofer Feld genutzt werden, sagt Lars Rauchfuß. Vorbehaltlich, dass die Berliner in einem neuen Volksentscheid für eine teilweise Bebauung stimmen.

Marijke Höppner, SPD-Fraktionsvorsitzende in Tempelhof-Schöneberg, plädiert dafür, ehrlich mit der aktuellen Wohnmarktsituation umzugehen. „Wohnungsbau in der Randlage kann eine Entlastung auf dem Markt bringen.“ Fragwürdig finde sie aber, dass sich die FDP als Partei dem Instrument des Volksbegehrens bedient, das eigentlich für die Bürger gedacht ist. „Als Partei oder Fraktion würde ich sowas nie initiieren“, so Höppner.

Christiane Bongartz, Feldkoordinatorin: Es würde nicht bei der Randbebauung bleiben

Das kritisiert auch Christiane Bongartz, frisch wiedergewählte Feldkoordinatorin für das Tempelhofer Feld. „Es ist ein Armutszeugnis, dass sich eine Partei dem Volksentscheid bedient, die alle parlamentarischen Mittel zur Verfügung hat“, sagt Bongartz. Sie wirft der FDP Berlin außerdem vor, sich nicht eingehend genug mit dem Tempelhofer Feld beschäftigt zu haben.

Eine Randbebauung würde die dadurch verdrängte Nutzung, etwa durch Sportanlagen und Erholungsbereiche, nur in die Mitte des Feldes verlagern. Dieser Bereich ist aber nach EU-Artenschutzgesetz geschützt. Die Änderung des Tempelhofer Feldgesetzes (ThF-Gesetz) hält Bongartz indes für einen Verstoß gegen das Gesetz selbst, denn es dient dem 100-prozentigen Erhalt des Feldes.

CDU auf Bezirksebene sieht das Thema differenziert

Die sensible Mitte des Feldes hat auch die Berliner CDU zuletzt beschäftigt.

Neben der Randbebauung hatte sie gleich einen ganzen Wald im Zentrum vorgeschlagen. Auf der CDU-Bezirksebene werde das Thema Tempelhofer Feld insgesamt äußerst differenziert gesehen, erklärt Matthias Steuckardt, CDU-Fraktionschef in Tempelhof-Schöneberg. Wie sich seine Fraktion positionieren soll, könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Einerseits wolle man sich einer Bebauung nicht in Gänze versperren. Anderseits wird der klimatische Nutzen des Feldes als durchaus erhaltenswert betrachtet. „Wir finden aber auch, dass man die Menschen neu befragen sollte“, sagt Steuckardt. Und das obwohl er es für möglich halte, dass die Bürger wieder wie beim Volksentscheid 2014 entscheiden. „Im Moment stellen sich nur die in den Vordergrund, die eine Bebauung befürworten.“ Laut einer Umfrage des Tagesspiegels würden 63 Prozent der Berliner heute dafür stimmen, neue Wohnungen am Rand zu errichten.

Wichtig sei, so der CDU-Fraktionsvorsitzende, dass sich auf dem Tempelhofer Feld endlich etwas entwickelt, damit es nicht länger als freie und verfügbare Fläche wahrgenommen wird. Vorstellen könne er sich aber auch, die Ränder für Sportflächen zu nutzen, die keinen Einfluss auf den kühlenden und klimatischen Effekt des Feldes haben.

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