Gentrifizierung

So kämpfen Schöneberger Mieter gegen den Abriss ihres Hauses

Ein 50er-Jahre-Bau am Barbarossaplatz in Berlin-Schöneberg sorgt für Aufregung. Das Gebäude soll abgerissen werden, 20 Mietparteien haben das Haus verlassen. Doch vier Mieter wehren sich standhaft.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Haus an der Schwäbischen Straße 7a/b in Schöneberg ist entmietet. Fast. Nur vier der einst 24 Mietparteien wohnen noch in dem Haus, das Mitte der 50er-Jahre gebaut wurde.

Es soll abgerissen werden. Räumungsklagen und der Plan des neuen Hauseigentümers, auf dem Grundstück am Barbarossaplatz einen Neubau zu errichten, versetzt die letzten Mieter in Aufregung. Sie möchten dort wohnen bleiben. Im Februar 2012 sei allen Mietern gekündigt worden, sagt Stefan Common. Er wohnt seit 24 Jahren in seiner Zweieinhalbzimmerwohnung. Früher seien das einmal Sozialwohnungen gewesen. 391 Euro Warmmiete zahlt er für die 60 Quadratmeter.

Die Klage des Vermieters am Amtsgericht Schöneberg hat er im Juni jedoch verloren. Das Mietverhältnis hindere den Eigentümer an einer wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks, urteilte das Gericht. Die Bausubstanz sei marode. Die Klägerin habe ein berechtigtes Interesse an einem Abriss und Neubau des Gebäudes.

Gentrifizierung im Kiez

Jetzt soll Common die Wohnung bis Ende September räumen. Aufgeben will er noch nicht und legt Berufung ein. Dann wird sich das Landgericht mit dem Fall beschäftigen müssen. Über die drei anderen Klagen hat das Amtsgericht noch nicht entschieden.

Bereits 2011 sorgte der Abriss eines Hauses schräg gegenüber am Barbarossaplatz für Aufregung. Gentrifizierung im Kiez riefen nicht nur Politiker, Mieter und eine Bürgerinitiative auf den Plan, sondern auch Architekten, die die 50er-Jahre-Bauten für erhaltenswert ansahen. Das Gebäude wurde dennoch abgerissen. Am Neubau wird gearbeitet.

„Investoren kaufen systematisch solche Häuser auf, um das Grundstück anschließend verdichtet neu zu bebauen“, kritisiert Tanja Richter. Sie zog 2007 in das von Abriss bedrohte Haus an der Schwäbischen Straße, das nur einen Steinwurf vom Barbarossaplatz entfernt ist. 330 Euro warm zahlt sie für ihre Einzimmerwohnung.

„So etwas bekomme ich jetzt nicht mehr unter 550 bis 600 Euro warm“, sagt sie. Das hätten auch die Ersatzwohnungen gezeigt, die ihr der Vermieter anbieten ließ. „Bei einer vergleichsweisen Wohnung hätten wir uns umsiedeln lassen. Aber es waren keine akzeptablen Vorschläge dabei“, sagt sie.

Bezirk will Erhaltungsverordnung nicht anwenden

Unter den letzten Mietern, die sich weigern auszuziehen, befindet sich auch Werner Haddart. Er kritisiert, dass der Bezirk den Neubauplänen des Hauseigentümers zustimmen will. Schließlich gebe es für das Gebiet doch eine Erhaltungsverordnung, mit der die soziale Mischung im Kiez gesichert werden soll. Doch statt sie anzuwenden, helfe die Behörde dem Investor sogar noch, dass er die Auflagen erfüllen könne, indem öffentliche Flächen – die Vorgärten – an ihn verkauft würden.

Stadtentwicklungsstadträtin Sibyll Klotz (Grüne) sagt, dass der Abriss des Hauses mit dem geltenden Baurecht nicht zu verhindern sei und dass ihre Behörde voraussichtlich eine Baugenehmigung erteilen werde. Der Abriss müsse nicht genehmigt, sondern nur angezeigt werden. Die Bauberatungen mit dem Eigentümer gingen bis zum Jahr 2007 zurück, damals noch von ihrem Vorgänger Bernd Krömer (CDU) geführt. Das Bezirksamt habe Zusagen auch auf Wunsch der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) und der Stadtplanung gemacht, die heute nicht einfach zurückgenommen werden könnten. Es sei der Wunsch der Mehrheit der BVV gewesen, dass die historische Platzkante an der Schwäbischen Ecke / Barbarossastraße wieder hergestellt werde.

Deshalb komme sie mit ihrer sozialen Erhaltungssatzung für das Bayerische Viertel / Barbarossaplatz für diesen Fall zu spät. „Weil der Veränderungsdruck jedoch dort so groß ist, glauben wir, dass die Erhaltungssatzung künftig ein gutes Mittel ist. Alle baulichen Veränderungen in diesem Gebiet müssen ja bereits seit einem Dreivierteljahr nicht mehr nur angezeigt, sondern auch beantragt werden“, sagt Klotz. Die Satzung gelte jedoch erst, wenn sie festgesetzt sei. Das plane die Behörde im September. Es gebe erst zwei Bezirke, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg, die mit einer Erhaltungssatzung arbeiten.

Große fünfstellige Abfindungen

Im Fall des Barbarossaplatzes vertritt Klotz eine andere Auffassung als ihr Vorgänger und die Mehrheit der damaligen Bezirksverordnetenversammlung. Sie sagt: „Man muss dort nicht den historischen Blockrand schließen. Die Nachkriegsbauten sind Dokumente der Zeitgeschichte und sollten saniert werden – auch schon deshalb, weil sie günstigen Wohnraum bieten.“ Klotz gibt im Fall der Schwäbischen Straße jedoch auch zu bedenken, dass das Bezirksamt und die BVV durch Gespräche mit dem Investor erreicht hätten, dass die Mieter Umsetzwohnungen angeboten bekommen sowie etwa die Hälfte der Mieter Abfindungen erhalten hätten.

„Wir haben große fünfstellige Abfindungen gezahlt und uns mit 20 der 24 Mietparteien geeinigt“, bestätigt Alexander Kindermann, der Vorstandsvorsitzende der Egena AG, die aus der Onnasch Unternehmensgruppe kommt, die seit mehr als 50 Jahren baut. Der Egena AG gehört der 50er-Jahre Bau an der Schwäbischen Straße 7a/b sowie der Altbau daneben, der gerade für zwei Millionen Euro umgebaut und saniert worden ist.

30 neue Eigentumswohnungen mit rund 3100 Quadratmetern sollen auf dem Grundstück nach Auskunft von Kindermann neben dem Altbau entstehen. Zehn Millionen Euro würden etwa investiert. Die jetzigen 24 Wohnungen in dem 50er-Jahre Bau hätten 1300 Quadratmeter.

Häuser sind nicht gedämmt

Das Grundstück sei nach dem Krieg nur teilbebaut worden. Jetzt sollen die alten Konturen wieder aufgenommen werden. „Natürlich ohne Seitenflügel und Hinterhäuser“, so Kindermann. Das Haus sei ein Billigbau, wie es viele in Berlin gebe, die nach dem Krieg wegen der Wohnungsnot schnell hochgezogen und von denen inzwischen schon viele wieder abgerissen worden seien. „Diese Häuser sind gar nicht gedämmt. Würde man sie sanieren, was fachlich kaum lösbar ist, kostet das mehr als eine Million Euro, und die Restnutzungsdauer liegt unter 20 Jahren. Die Mieten würden sich sehr erhöhen“, sagt Kindermann.

Seine Firma werde sich auch bei der Umgestaltung des Barbarossaplatzes engagieren, schon deshalb, um ein schönes Umfeld für die neuen Wohnungen zu schaffen. Eine sechsstellige Summe werde die Egena für die Umbauten zahlen. Ein städtebaulicher Vertrag sei bereits entworfen. Laut Kindermann soll der Platz verkehrsberuhigt werden, ähnlich wie am Viktoria-Luise-Platz. Die Mitte mit dem Brunnen solle größer, die Fahrspuren kleiner werden. „Das wird sehr schön werden“, sagt Kindermann.

Bessere Mischung

Mit den neuen Eigentumswohnungen am Platz werde es insgesamt eine „bessere soziale Mischung mit einem kaufkräftigen Publikum“ geben. Im Altbau sollen die Mietwohnungen immer dann in Eigentum umgewandelt werden, wenn sie frei sind. Zwei Wohnungen im Altbau blieben zu günstigen Konditionen für Sozialfälle reserviert. Die Bezirksverordnetenversammlung wolle auch Mietwohnungen. Sie werden nach Auskunft von Alexander Kindermann für unter 6,50 Euro netto kalt pro Quadratmeter vermietet.

Für das Projekt der Egena an der Schwäbischen Straße spiele der Zeitfaktor eine große Rolle. „Wir wollen so schnell wie möglich beginnen“, sagt Kindermann. Deshalb versuche die Egena sich nach wie vor gütlich mit den Mietern zu einigen. Abfindungen seien weiterhin nicht ausgeschlossen.