Jetzt haben die Bürger das Wort. Vier Wochen lang können sie im Internet diskutieren, wie die Maaßenstraße in Schöneberg künftig aussehen soll. An der belebten Straße zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz soll Berlins erste Begegnungszone entstehen – ein Bereich, in dem Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger sich den Straßenraum weitgehend gleichberechtigt teilen.
Baubeginn für das Modellprojekt im Rahmen der Fußverkehrsstrategie des Senats soll voraussichtlich im Spätsommer 2014 sein, wie Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler am Donnerstag bestätigte. Weitere Zonen sind bereits geplant: an der Kreuzberger Bergmannstraße und rund um den Checkpoint Charlie an der Grenze von Mitte und Kreuzberg – allesamt Straßenzüge, in denen es durch die große Zahl an Fußgängern und Radfahrern im beengten Straßenraum zunehmend Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern gibt.
Der Umbau der Maaßenstraße soll nach den Planungen vor allem den südlichen Abschnitt zwischen Nollendorfstraße und Winterfeldtplatz betreffen. Auf den etwa 150 Metern pulsiert das Leben. Kleine Geschäfte und Cafés, der in jedem guten Reiseführer erwähnte Wochenmarkt und die Kiezkultur locken neben den Anwohnern auch Tausende Berliner aus anderen Stadtteilen und Touristen in die Straße. Und das sorgt für immer mehr Probleme.
Radfahrer sind in der Maaßenstraße in der Mehrheit
Fußgänger klagen über zu wenig Platz, weil die Gehwege mit Kneipentischen und Stühlen vollstehen. Radfahrer geraten auf dem Radweg am Rand des Bürgersteigs in Konflikte mit Fußgängern, oder – wenn sie auf die Straße ausweichen – mit Autofahrern. Jene fahren vor allem in den Abendstunden oft zu schnell.
Der Ärger ist auf allen Seiten groß. „Wir haben erhebliche Probleme“, fasste es Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) zusammen. Der Druck, etwas zu verändern, sei groß, das hätten erste Bürgerversammlungen bereits ergeben. „Wir wissen, dass wir nicht alle Probleme mit der Begegnungszone lösen können“, sagte Schöttler. „Aber wir sind überzeugt, dass sie viele Vorteile bringen wird.“
Eine Verkehrszählung hat ergeben, dass täglich gut 4000 Autofahrer in der Maaßenstraße unterwegs sind. Ihnen stehen derzeit eine mehr als zehn Meter breite Fahrbahn und zusätzliche Parkflächen zur Verfügung. Die tagsüber gezählten 5500 Fußgänger und mehrere tausend Radfahrer müssen sich auf beiden Seiten der Straße jeweils gut neun Meter teilen, von denen noch Grünstreifen und die Flächen für Außengastronomie abgehen. Senat und Bezirk wollen den Raum nun neu aufteilen.
Autos sollen deutlich weniger Platz bekommen
Drei Varianten für die südliche Maaßenstraße haben die Planer vorbereitet, zwei gibt es für den Nordabschnitt. In allen Vorschlägen bekommen die Autos deutlich weniger Platz als derzeit. Die gewonnene Fläche steht – je nach Variante – auf einem breiten Mittelstreifen oder an den Straßenseiten für andere Nutzungen zur Verfügung.
Die Vorschläge der Senatsverwaltung sollen aber bei der Bürgerbeteiligung nur als Diskussionsgrundlage dienen. Weitere Ideen sind ausdrücklich erwünscht, wie Staatssekretär Gaebler betonte. „Eigentlich brauchen wir für den Autoverkehr nur 6,50 Meter Breite“, sagte Verkehrsplaner Horst Wohlfahrt von Alm von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Mit dem Rest können wir spielen.“
Ideen gibt es schon reichlich für die Nutzung des gewonnenen Raums. Spielflächen für Kinder, Ruhebänke, vielleicht ein Boule-Platz – das sind nur einige Vorschläge, die bisher schon von den Anliegern in Schöneberg kamen. Einig waren sich die meisten laut Bürgermeisterin Schöttler, dass die Gastronomie nicht mehr Platz als bisher bekommen soll. Offen ist hingegen noch, wie viele Parkplätze und Lieferzonen es künftig noch an der Maaßenstraße geben wird.
Höchstens Tempo 20 wird erlaubt sein
Klar ist aber, dass Autofahrer – und sportliche Radler – ihr Tempo nach dem Umbau deutlich drosseln müssen. Weil es in der deutschen Straßenverkehrsordnung, anders als etwa in der Schweiz, kein Verkehrszeichen für Begegnungszonen gibt, wird die Maaßenstraße nach Gaeblers Angaben als „verkehrsberuhigte Geschäftsstraße“ ausgeschildert. Höchstens Tempo 20 ist dann erlaubt. Radfahrer und Autofahrer sollen sich die verbleibenden Fahrbahnen gleichberechtigt teilen.
Eine Radikallösung wie das in den Niederlanden entwickelte „Shared Space“-Modell, bei dem die bauliche Trennung zwischen Fuß-, Rad- und Autoflächen – und faktisch auch die normalen Verkehrsregeln – aufgehoben werden, soll es in Berlin aber nicht geben. „Das ist aus unserer Sicht für die Großstadt nicht geeignet, sagte Gaebler. „Vor allem die Berliner Autofahrer sind besondere Verkehrsteilnehmer“, bestätigte Wohlfahrt von Alm. Gemeint ist: Ohne Regeln würde es wohl schwierig.
Gegen die niederländische Variante sprechen auch Kostengründe. Sie würde nämlich einen kompletten Umbau der gesamten Straße erfordern. Berlin will sein Modellprojekt mit, so Gaebler, „überschaubarem Aufwand“ realisieren. Deshalb sollen beispielsweise die Bordsteine zwar an den Querungsstellen abgesenkt werden, aber nicht vollständig verschwinden.
Weitere Projekte in der Bergmannstraße und am Checkpoint Charlie
Um die Zone erkennbar zu machen, ist nach Informationen der Berliner Morgenpost unter anderem farbiger Asphalt im Gespräch. Die Ein- und Ausfahrten sollen besonders kenntlich gemacht werden. Die baulichen Veränderungen sollen sich hingegen in Grenzen halten, auch weil es in Berlin bisher keine Erfahrungen mit dieser Form der Verkehrsberuhigung gibt. „Wir wissen nicht, welche Maßnahmen wie funktionieren“, sagte Gaebler. „Wir werden deshalb nichts bauen, was sich nicht mehr rückgängig machen lässt.“
Das gilt auch für die zwei weiteren Zonen, die Berlin im Rahmen der Fußverkehrsstrategie ebenfalls erproben will. 2014 beginnen nach aktuellem Zeitplan die Vorplanungen für die Bergmannstraße. Baubeginn soll 2015 sein. Danach folgt das Gebiet um den Checkpoint Charlie. Dort soll voraussichtlich 2016 gebaut werden.
Auch beim Namen für die Zone der Gleichberechtigten wird es wohl noch Bewegung geben. Der aus der Schweiz stammende Begriff Begegnungszone ist den Berliner Planern in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu sperrig. Im Rahmen der jetzt gestarteten Öffentlichkeitsbeteiligung für die Maaßenstraße sind daher andere Namensvorschläge ausdrücklich erwünscht. Auch ein Logo für die Beschilderung wird noch gesucht.
Online-Plattform zur Öffentlichkeitsbeteiligung für die Begegnungszone in der Schöneberger Maaßenstraße: www.begegnungszonen.berlin.de





