„Die Bergmannstraße ist wie eine alte Frau, die sich immer wieder neu in Schale schmeißt. Ich finde die Vielfalt hier cool.“ Uwe K. sitzt vor einer Filiale des Cafés „Einstein“, rührt in seinem Espresso und mustert Passanten wie Fassaden. Mütter schieben Kinderwagen vorbei, Männer ziehen Handwagen, eine Frau mit neongrünem Kopftuch parkt einen Mercedes ein.
Wer zum Einkaufen kommt, hat die Wahl zwischen konventionellen und Bio-Supermärkten sowie Einzelhändlern für Nüsse, Taschen, Ledergürtel, Kinderspiele, Fahrräder, Weine oder Schallplatten. „Es gibt hier alles – und nichts, was ich nicht mag“, sagt der 43-Jährige. Seit sechs Jahren wohnt der Kreativdirektor einer Agentur wieder im Kiez, wo er in den 90er-Jahren schon zu Hause war.
Inzwischen ist er zweifacher Vater und fühlt sich in Kreuzberg heimischer denn je – auch weil die Straße so touristisch ist. „Neulich habe ich in einem Café etwas bestellt, und die Bedienung bat mich, Englisch mit ihr zu sprechen, weil sie kein Deutsch konnte. Das hat mir gefallen.“ HIER Informationen zum Programm des Bergmannstraßenfest 2013 in Berlin-Kreuzberg
Wildes Parken und Ignoranz gegenüber Tempolimit
Ab 22 Uhr höre man fast nur noch Englisch und Spanisch in den Kneipen an der Bergmannstraße, sagt Ümit Bayam. Der 47-Jährige ist Stadtplaner und Geschäftsführer des Vereins Stadtteilausschuss Kreuzberg. Es ist die einzige Einrichtung an der Bergmannstraße, wie Bayam hinzufügt, „die eine Bank vor dem Schaufenster hat, in der aber nichts verkauft wird“.
Der Verein hat die Räume seit 15 Jahren gemietet. Eine seiner Aufgaben ist es, Bürgerbeteiligung zu organisieren. Im Moment entwirft Bayam ein Plakat zum Thema Verkehr. Denn der ist trotz Tempo-30-Zone nicht ungefährlich: Immer wieder parken Fahrzeuge in zweiter Reihe, Autos und Radfahrer schlingern von einer Seite zur anderen, viele sind voller Ignoranz gegenüber dem Tempolimit.
Der Erste hupt, der Zweite schreit – wer die Straße überqueren will, muss verliebt sein ins Risiko. Das kann sich ändern: Die Straße soll „Begegnungszone“ werden. Damit ist eine Verkehrsberuhigung gemeint, bei der Fußgänger und Fahrradfahrer deutlich mehr Platz erhalten.
Aus Heimweh in den Kiez zurückgekehrt
Dabei nehmen Räder jetzt schon viel Raum auf den Bürgersteigen ein. „Früher war hier nichts los“, sagt Cengiz Han. Der 37-Jährige ist im Kiez geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und nach einem kurzen beruflichen Abstecher nach Leverkusen aus Sehnsucht wieder zurückgezogen. An seinem freien Tag, er ist Fernmeldetechniker, besucht er Verwandte im „Saftschubser“, neben Kaiser’s.
Der Supermarkt hat von Montag bis Freitag von sieben Uhr bis Mitternacht geöffnet und seit seiner Eröffnung vor wenigen Jahren – wie das im selben Gebäudekomplex ansässige Ärztehaus – für einen erheblichen Anstieg an Auto- und Publikumsverkehr gesorgt.
Silbrig glitzern Lenker in der Sonne, schwarze Sättel saugen Wärme auf. Auf dem Gehweg stoppt Philipp Dittmar sein Christiania-Lastenrad, vor sich Hund Bertha, 12, und Tochter Frieda, 1. Er möchte Brötchen und ein Croissant für Frieda kaufen. Dann will er in den Viktoriapark, mit Hund und Kind spielen.
Wo Tarantino früher seine Platten kaufte
Der Park ist nach Tempelhofer Feld und Gleisdreieck inzwischen die kleinste nahe gelegene Grünanlage. Philipp ist in Elternzeit. Der gebürtige Thüringer wohnt gleich um die Ecke am Tempelhofer Berg und mag die Gegend, weil sie „entspannt“ sei, „nicht so versnobt“. Dass sich das mit dem großen Neubauviertel an der Ecke Friesenstraße und Columbiadamm ändert, glaubt er nicht. Jedenfalls nicht mehr als zuvor.
„Die Mieterstruktur ist bereits monotoner geworden“, sagt Dittmar. Oder, wie Bayam es formuliert: „Man sieht weniger Charaktere, weniger Freaks.“ Vielleicht liegt es schlichtweg am Geld, der Kiez wird teurer. „Wir bekommen regelmäßig Mieterhöhungen“, sagt Dittmar. Es werde finanziell „nach oben“ aussortiert. „Die Immobilienwirtschaft bedient eine Nachfrage: Wer es sich leisten kann, zahlt. Das ist marktwirtschaftlich normal – leider.“
Einer, der dabei den Kürzeren zieht, ist Thomas Lefebre. Der 59-Jährige betreibt seit 1985 den Plattenladen Logo, wo sich schon Quentin Tarantino mit Musik eingedeckt hat. Lefebre ist einer der ältesten ansässigen Gewerbetreibenden an der Bergmannstraße. Er habe, sagt er, dafür gesorgt, dass ein damaliger Skatbruder 1988 das erste Café, das „Atlantic“, schräg gegenüber eröffnete.
Manchen ist die Bergmannstraße zu laut
Lefebre stammt aus Mariendorf, aber längst wohnt er am anderen, am ruhigen Ende der Bergmannstraße, an der Hasenheide, und radelt jeden Tag zur Arbeit. Die Aufbruchstimmung unter seinen Freunden liegt weit zurück. Vor einigen Jahren wurde das Haus, in dem sich Lefebres 45 Quadratmeter großes Geschäft befindet, verkauft. „Ich hatte einen Zehn-Jahres-Mietvertrag, mich aber nicht darum gekümmert, meine Option auf Verlängerung korrekt zu ziehen.
Nun möchte mein Vermieter, dass ich ausziehe.“ Zwei Mitarbeitern muss er kündigen, Ende des Jahres ist Schluss. Lefebre hofft, im Kiez bleiben zu können, und wünscht sich manchmal, er hätte einen Vertrag mit dem moderaten, weil städtischen Wohnungsunternehmen Gewobag – so wie Gundula Hoburg.
Die 50-Jährige führt seit elf Jahren die Geschäfte im „Herrlich“, das sich auf Männergeschenke spezialisiert hat. „Damals wurde das Straßenbild von Trödel dominiert.“ Nun gibt es viel mehr Cafés und Restaurants, was ihr immer noch gefällt. Nur wohnen möchte sie nicht an der Bergmannstraße: Die ist ihr „zu laut“.
Gastronomie ersetzt Einzelhandel
Für Benita von Behr ist es gerade diese Umtriebigkeit, die ihr das Wohnen direkt an der Bergmannstraße so lebenswert macht. „Als es mir sehr schlecht ging, habe ich gerne in meinem Erker gesessen. Ich war alleine und war es doch nicht, weil auf der Straße so viel los war.“ Die Verlagsleiterin lebt seit 2001 in dem, wie sie sagt, „Harmoniekiez“. Seitdem habe sich viel verändert, auch in ihrem Haus. „Es hat zwei mal den Eigentümer gewechselt. Der Neue will uns noch nicht mal seinen Namen verraten.“ Nachdem die alte Hausbesitzerin im Hochparterre gestorben war, wurden die Räume an eine Firma vermietet, die sich einen repräsentativen Aufgang wünschte. „Das Treppenhaus wurde renoviert – aber nur anderthalb Stockwerke hinauf. Darüber ist es so wie früher. Wir Altmieter haben nur den Kopf geschüttelt. Aber um ehrlich zu sein: Mir gefällt unser altes Treppenhaus. Es hat Patina.“
Auch im Erdgeschoss habe ein für den Kiez typischer Wechsel stattgefunden: „Die alten Geschäfte, darunter ein etwas „schnödeliger“ Klamottenladen, sind raus, ersetzt durch einen Imbiss und ein Restaurant“, sagt Benita von Behr. Sie findet es schade, dass die „bodenständige Struktur“ wegbreche, aber das Umfeld sei ihr immer noch bunt und nett genug, um dort wohnen zu bleiben. „Und wenn ich umziehen wollte, könnte ich sowieso nicht im Kiez bleiben. Die Mieten sind zu teuer geworden.“





