Großbürgerliche Unternehmer, Nazi-Verbrecher, ein Außenminister, der US-Geheimdienst und die Spione des Bundesnachrichtendienstes – die Liste der ehemaligen Bewohner der alten Villa an der Sven-Hedin-Straße 11 in Zehlendorf ist lang. Seit 2012 steht das geschichtsträchtige Luxus-Landhaus leer. Graffiti wurde auf die Grundstücksmauer an der Ecke zur Karl-Hofer-Straße gesprüht und Wildwuchs versperrt Neugierigen den Blick auf das Gelände, wo einst DDR-Flüchtlinge und sowjetische Deserteure ausgehorcht wurden. Die wichtigsten Infos zu dem unheimlichen Lost Place.
Das sind die Fakten zur Zehlendorfer BND-Villa im Überblick:
- Adresse: Sven-Hedin-Straße 11, Ecke Karl-Hofer-Straße 31, 14163 Berlin-Zehlendorf
- Geschichte: 1915 als Unternehmer-Landhaus errichtet; ab 1935 Wohnsitz des NS-Kriegsverbrechers Walther Funk (1890-1960), nach dem Krieg Sitz des Amerikanischen Presseclubs und von US-Geheimdiensten; zwischen 1999 und 2012 Dienstvilla des BND-Präsidenten; danach Leerstand
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Aktueller Lost Place
Wo liegt die Zehlendorfer BND-Villa genau?
Die BND-Villa hatte bis vor kurzem die Adresse Sven-Hedin-Straße 11 in Zehlendorf im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Vor einigen Jahren wurde das Grundstück geteilt. Ein unbebauter Teil mit Garten blieb an der Sven-Hedin-Straße 11. Das abgetrennte Eckgrundstück mitsamt der historischen Villa erhielt die neue Adresse Karl-Hofer-Straße 31.
Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man den Ort am besten vom S-Bahnhof Mexikoplatz (S1, Bus 118, 622, N3). Von dem Bahnhof ist es ein etwa siebenminütiger Spaziergang entlang der Argentinischen Allee und der Sven-Hedin-Straße bis zum Villengrundstück. Alternativ kann auch die Bushaltestelle Forststraße (622, 118) genutzt werden. Es ist nicht erlaubt das Grundstück zu betreten. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Zehlendorfer BND-Villa:
Ausgangslage: Errichtung des repräsentativen Landsitzes in der Kaiserzeit

Mit dem Bau der ersten Preußischen Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war der Grundstein für die Entwicklung Zehlendorfs als beliebter Berliner Vorort im Südwesten gelegt. Die bis 1920 eigenständige Landgemeinde entwickelte sich rasch zu einem Ausweichdomizil gestresster Hauptstädter. Terraingesellschaften begannen ganze Bauerngüter aufzukaufen, um sie parzelliert und zum Teil fertig bebaut an zahlungskräftige Kunden aus Berlin zu veräußern.
Große Landhäuser berühmter Architekten, Villen des mittleren und höheren Beamtentums und später Genossenschaftssiedlungen entstanden. In der Sven-Hedin-Straße – damals hieß sie noch Prinz-Friedrich-Karl-Straße – startete die Bebauung mit Landvillen um die Jahrhundertwende. Für die Parzelle der späteren Sven-Hedin-Straße 11 wurde im Februar 1914 – wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs (1914–1918) – der Bauantrag zur "Errichtung eines Landhauses als zweigeschossiges Einfamilienhaus" eingereicht.
Zehlendorfer BND-Villa: Spediteur aus Berlin wird erster Eigentümer
Bauherr und erster Eigentümer war der Berliner Kaufmann Robert Haberling, der 1907 ein Speditionsunternehmen gegründet hatte, das schnell expandierte und den Unternehmer im Kaiserreich zu einem wohlhabenden Mann gemacht hatte. Das Familienunternehmen existiert heute noch als Logistikbetrieb mit Sitz in Berlin-Charlottenburg.
Die Landhausvilla in der Sven-Hedin-Straße wurde im Rekordtempo nach Plänen des bekannten Schlachtenseer Architekten John Kruse errichtet. Kruse hatte sich vor allem auf große Villenprojekte im Südwesten Berlins spezialisiert. Nach seinen Entwürfen wurde unter anderem aber auch das heute denkmalgeschützte Schulhaus am Dübrowplatz 4 realisiert. Im März 1915 konnte Kruse das fertige Haus in der Sven-Hedin-Straße seinem Besitzer übergeben.
Zehlendorfer BND-Villa: Wechselnde Besitzer in der Zeit der Weimarer Republik
Haberling blieb bis 1927 Eigentümer der geräumigen Zehlendorfer Villa, die in ihren zwei Geschossen vierzehn Zimmer und zwei Bäder, mit Blick auf einen riesigen parkähnlichen Garten aufwies, der sich weit hinter dem prunkvollen Landhaus und seinem mit Säulen umrahmten Eingangsportal erstreckte. Zu dem Anwesen gehörten auch die Grundstücke Nr. 7 und 9 und ein Gärtner, später auch ein Portier, lebte auf dem Besitz.
In der Zeit der Weimarer Republik zogen verschiedene betuchte Mieter in das Luxusobjekt, bis im Mai 1927 der Eigentümer wechselte. Neuer Besitzer wurde der einflussreiche Bankdirektor Leo Scheibner – Geschäftsführer und Personalchef der Reichskreditgesellschaft AG. Er verkaufte das Anwesen im Folgejahr an die Aktiengesellschaft, in deren Vorstand er war. Nach dem Tod Scheibners 1931 stand die Landhausvilla Anfang der 1930er-Jahre leer.
Zehlendorfer BND-Villa: Hitlers Berater Walther Funk bezieht das Herrenhaus

1935 zog Walther Funk (1890-1960) in die Villa in Zehlendorf. Der Journalist und Wirtschaftsexperte hatte in der NS-Zeit als Funktionär eine steile Karriere gemacht. 1931 in die NSDAP eingetreten war er seit 1933 Reichspressechef, Adolf Hitlers persönlicher Wirtschaftsberater und Staatssekretär unter Josef Goebbels. 1938 übernahm er den Posten des Reichswirtschaftsministers und war ab 1939 Präsident der Reichsbank.
In seinen Funktionen zählte Walther Funk zur Führungsspitze des NS-Regimes und wurde später in den Nürnberger-Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt. In der Sven-Hedin-Straße residierte Funk nur kurze Zeit. Bereits 1938 zog es ihn in ein noch größeres Anwesen: der Villa Oppenheimer Am Sandwerder 17/19, in der zuvor der jüdische Bankier Hans Arnold gelebt hatte. 1939 wurde die künftige BND-Villa Sven-Hedin-Straße für 135.000 Reichsmark an das Deutsche Reich veräußert.
Zehlendorfer BND-Villa: Das Haus wird zum Quartier der Familie Chvalkovský

Ab März/April 1939 lebte der ehemaligen Außenminister der Tschechoslowakei František Chvalkovský (1885–1945) mit seiner Familie in der Zehlendorfer Villa. Chvalkovský, der 1938 seinen Ministerposten übernommen hatte, trat nach dem Münchener Abkommen für eine enge Anlehnung der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich ein.
Im März 1939 hatte er Staatspräsident Emil Hácha (1872–1945) auf seiner Reise nach Berlin begleitet und gemeinsam mit dem Staatschef unter erheblichen Druck die Unterwerfungsurkunde unterzeichnet, die der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1939 voranging. Chvalkovský wurde Gesandter des neu gebildeten Puppenstaates Böhmen und Mähren in Berlin. Ein zunehmend einflussloser Posten im goldenen Käfig seiner Zehlendorfer Villa. Er lebte dort – den einen galt er als NS-Kollaborateur, den anderen als NS-Geisel – bis 1945, als er im Februar bei einem alliierten Bombenangriff auf Berlin ums Leben kam.
Zehlendorfer BND-Villa: Legendäre Swing-Abende im US-Presseclub

Am 24. April 1945 überquerten Einheiten der Roten Armee den Teltowkanal. Einen Tag später waren die sowjetischen Soldaten bis zum Mexikoplatz, nach Zehlendorf-Mitte und Düppel vorgedrungen und besetzten die Villa in der Sven-Hedin-Straße 11. Für einige Wochen wurde das Anwesen zum Quartier des sowjetischen Bezirkskommandanten Zehlendorfs. Nach Kriegsende fiel der Südwesten Berlins in die Einflusszone der US-Armee. Die Villa wurde zum "Presseclub" ausgebaut.
Für den stolzen Mitgliedsbeitrag von 25 Dollar wurde der versammelten Presse in der Sven-Hedin-Straße einiges geboten: Kontakte zu hochstehenden Persönlichkeiten, informelle Abende und Veranstaltungen, ein Billard-Zimmer und eine stets gut gefüllte Bar aus den übrig gebliebenen Beständen der Potsdamer Konferenz. Ein rares Gut im zerstörten Berlin der Nachkriegszeit. Gäste des Presseclubs waren unter anderem Oscar-Preisträgerin Ingrid Bergmann, US-Entertainer Jack Benny, Swing-Legende Martha Tilton und der spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower (1890–1969). 1946 wurde der an die Villa angrenzende Tennisplatz als offizielle US-Sportanlage ausgewiesen.
Zehlendorfer BND-Villa: US-Amerikanische Geheimdienste übernehmen

Im Kalten Krieg wurde die Villa für neue Aufgaben gebraucht: Zwischen 1952 und 1957 diente sie der US-Militärverbindungsmission (USMLM) als geheimes "Safe House". Die alliierten Siegermächte hatten sich darauf geeinigt, Beobachter auszutauschen. Ursprünglich mit dem Ziel die Verständigung zwischen den Westalliierten und den Sowjets zu verbessern. Die Folge war ein Katz-und-Maus-Spiel gegenseitiger Spionage à la John le Carré.
Die Zehlendorfer Villa wurde zum Stützpunkt der US-Agenten auf der Route zwischen ihrem Hauptquartier in der Keitel-Villa an der Clayallee, dem berüchtigten Übergangspunkt an der Glienicker Brücke und ihrem Ostberliner Quartier im Potsdamer Missionshaus. An der Sven-Hedin-Straße liefen die Schreibmaschinen heiß. Berichte von Spionen, die aus der Kälte kamen, füllten die Regale. Auch nach 1957 wurde noch Militärpersonal des USMLM in der Villa untergebracht, aber sie mussten sich die Räumlichkeiten mit Neuankömmlingen teilen.
Zehlendorfer BND-Villa: Verhöre mit Überläufern in den Kellerräumen

Ende der 1950er-Jahre wandelte sich der Aufgabenbereich für das Zehlendorfer Landhaus erneut. Es wurde jetzt zum Standort von militärischen Geheimdienstgruppen des "Joint Allied Refugee Operations Center, Berlin" – kurz JAROC (B). Die Aufgabe: alle Personen zu überprüfen, die sich für mehr als 90 Tage in kommunistischen Ländern aufgehalten hatten. Der gesamte erste Stock des Gebäudes in Zehlendorf wurde von der 513. militärischen Geheimdienstgruppe genutzt.
Ein erstes Screening wurde im Flüchtlingsheim Marienfelde durchgeführt. Alle drei westlichen Verbündeten beteiligten sich an dem Überprüfungsprozess. Flüchtlinge und Überläufer von "nachrichtendienstlichen Wert" wurden anschließend von den US-Amerikanern in der Sven-Hedin-Straße befragt, von den Briten in Charlottenburg oder von den Franzosen in Reinickendorf. Erst danach waren deutsche Dienststellen befugt, sich der Übersiedler anzunehmen.
Hier finden Sie mehr Informationen zum Flüchtlingsheim Marienfelde
Zehlendorfer BND-Villa: Geheimdienstzentrum seit den 1960er-Jahren
Für die Befragungen waren weitere Räumlichkeiten notwendig geworden: Ende der 1950er-Jahre wurde auf dem vormaligen Tennisplatz in der Sven-Hedin-Straße 9 eine eingeschossige L-förmige Baracke errichtet. Untergebracht waren Personen von besonderem Interesse zumeist in nahegelegenen Hotels am Mexikoplatz.
Während des Kalten Krieges war alles, was mit JAROC (B) zu tun hatte, in einen Schleier der Geheimhaltung gehüllt. Das Anwesen wurde von Wachmännern des 6941. US-Arbeitsdienstbataillons gesichert. Vor dem Grundstück patrouillierten Westberliner Polizisten. Zu bedeutend war die Abschirmung der geheimdienstlichen Operationen. Ironischerweise verrieten die US-Geheimdienste selbst kritische Informationen zu ihrem Gebäude in einen Ausbildungsfilm für angehende Spione von 1969 – samt Hausnummer (Minute 22:36), Blick auf das Grundstück und Umgebungskarte (25:05).
Ein detaillierter Plan des Geländes findet sich heute auf der Internetseite berlin-brigade.com
Zehlendorfer BND-Villa: Nach der Wende zieht der Bundesnachrichtendienst ein
Zwischen 1981 und 1984 wurde die inzwischen sanierungsbedürftige Villa aufwendig renoviert und umgebaut. Das Grundstück war bereits 1955 in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland übergegangen, aber erst nach dem Fall der Mauer wurde das Anwesen für die deutschen Behörden nutzbar. Die amerikanischen Geheimdienstler übergaben die Villa 1991 an ihre Kollegen beim BND. Im September 1994 zogen die alliierten Streitkräfte aus Berlin ab.
In einem Bericht der Fraktion Bündnis90/Die Grünen heißt 1997, dass noch in den 1990er-Jahren Befragungen von sowjetischen Deserteuren durch die "Hauptstelle für Befragungswesen" in den Kellerräumen der Sven-Hedin-Straße 11 durchgeführt worden seien. Danach verwandelt sich das Areal erneut in eine Baustelle. Nach einer intensiven Umbauphase bezog der damalige Chef des Auslandsgeheimdienstes August Hanning am 2. August 1999 seine Dienstwohnung im 1. Stock. Der Baracken-Anbau in der Sven-Hedin-Straße 9 wurde abgerissen. Am 5. März 2001 wurde der Dienstsitz des BND mit einem ersten offiziellen Essen eingeweiht.
Zehlendorfer BND-Villa: Der BND-Chef lud in der Luxus-Villa zum Soiree
BND-Chef Hanning hatte das alte Landhaus mit allen gebotenen Luxus zu einer inoffizielle BND-Repräsentanz umfunktioniert und hatte dazu das Erdgeschosses zu repräsentativen Zwecken für Empfänge umbauen lassen: Bibliothek mit goldenem Kronleuchter, Kaminzimmer mit Perserteppich und ein gediegenes Esszimmer mit Stuckdecke und Platz für 20 Gäste – keine Kosten und Mühen wurden gescheut. Fortan trafen sich in Zehlendorf die Top-Spione.
Die Chefs und ihre Spione, befreundete Geheimdienstmitarbeiter und Vertreter der Politik sollten in angenehmer Atmosphäre zum Gedanken- und Informationsaustausch nach Zehlendorf kommen können. Natürlich in größtmöglicher Abgeschiedenheit und in vollkommener Diskretion. Bedient und bekocht wurden die Gäste von Mitarbeitern des BND. Von der Empfangsdame bis zum Koch waren alle Beteiligten sicherheitsüberprüfte Geheimnisträger. In jedem Zimmer gab es für den Fall der Fälle einen Alarmknopf an der Wand. Permanent wurde das Gelände und der Straßenraum von Berliner Polizisten abgeschirmt.
Zehlendorfer BND-Villa: Heruntergekommener Lost Place seit 2012
Auch die folgenden deutschen Geheimdienstchefs Ernst Uhrlau und zuletzt Gerhard Schindler residierten in der Sven-Hedin-Straße. Schwarze Limousinen fuhren vor, Polizisten kontrollierten die Zufahrten und die Anwohner der Zehlendorfer Villengegend wunderten sich, wer auf dem riesigen Grundstück ohne Klingelschild überhaupt wohnte – bis das Haus 2012 renovierungsbedürftig den Ansprüchen der obersten Schlapphüte nicht mehr genügte. Beim Auszug des BND-Präsidenten Gerhard Schindler im Jahr 2012 war das Dach undicht, es regnete in die Büros und dringende Sanierungsarbeiten standen an. Auf geschätzte 500.000 Euro hatten sich die Kosten dafür inzwischen angehäuft.
Zu teuer für den BND, der für seinen Umzug von Pullach nach Berlin gerade sparen musste. Die neue Geheimdienst-Zentrale in Berlin-Mitte war das größte Bauprojekt der Bundesrepublik nach 1945 und verschlang mehr als eine Milliarde Euro – da gab es wenig finanzielle Spielräume für die Sanierung von Dienstvillen. Die Villa an der Sven-Hedin-Straße wurde von einem geheimen, zu einem vergessenen Ort. Seit mehr als zehn Jahren steht sie inzwischen leer. Wildwuchs rankt sich an den Eingangssäulen empor und versperrt Passanten den Blick auf die verlassene Geheimdienstruine.
Zehlendorfer BND-Villa: Und wie sieht die Zukunft aus?
Vor einigen Jahren wurde das Grundstück geteilt: Der unbebaute Teil blieb die Sven-Hedin-Straße 11 und im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Der Bund plant dort Mehrfamilienhäuser zu errichten. 22 Wohnungen für Bundesbedienstete sollen auf dem rund 1800 Quadratmeter großen Areal entstehen, das einst den Tennisplatz und den US-Barackenanbau beheimatete.
Die geschichtsträchtige Ex-BND-Villa befindet sich heute auf dem Grundstück an der Adresse Karl-Hofer-Straße 31. 2020 kaufte das Land Berlin das Anwesen von der BImA. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung prüft den baulichen Zustand des Gebäudes. Nach Sanierungsarbeiten sollen soziale Projekte in dem alten Haus eine neue Heimat finden.
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