Alles am Fluss

Wie Kinder beim Segeln auf dem Wannsee zu Optimisten werden

Auf dem Berliner Wannsee können Kinder das Segeln lernen. Dabei wird ihnen permanent höchste Konzentration abverlangt, sonst endet die Fahrt schnell im kalten Wasser. Ein Besuch im Segelcamp.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Leicht macht es einem dieser Sport nicht. Nur einen Augenblick ist Mathilda unaufmerksam, schon kentert ihr Boot, sie liegt im Wannsee. Und als ob es nicht reichen würde, dass sie jetzt ganz nass ist, muss sie das Boot auch noch ganz allein wieder aufrichten. Dranhängen, kippen, auf das Schwert stellen, bis der Mast aus dem Wasser kommt, wieder reinklettern. Und dann: schöpfen.

Das könnte einer Zehnjährigen vielleicht schon mal die Laune verhageln. Aber nicht Mathilda: Sie sitzt sehr vergnügt in ihrem Boot und gießt eimerweise Wasser über den Rand. Erst als Trainer Carl in seinem Motorboot vorbeifährt und sie zur Eile mahnt – „ist gleich Start!“ – verliert sie die Gelassenheit. „Was? Ich bin doch noch vollgelaufen!“, ruft sie entrüstet. Ohne sie starten, das geht nicht. Beim Rennen will sie unbedingt dabei sein, auch wenn es an diesem Nachmittag noch drei weitere gibt und am Ende nicht einmal ein Pokal zu gewinnen ist.

Wer 25 Punkte hat, steigt auf

20 Kinder sind beim Segelcamp des Vereins Seglerhaus am Wannsee (VSaW) dabei. Die Jungen und Mädchen trainieren in der Klasse Opti B, benannt nach den kleinen Booten namens Optimist, in denen Kinder segeln. Die meisten Camp-Teilnehmer sind zehn oder elf Jahre alt, einige segeln erst seit einem Jahr, manche schon seit drei Jahren. Und alle wollen möglichst bald eine Klasse weiter, zu den Opti A’s.

Geduldig erklärt Tom (12), Segler seit 2010, den Weg dorthin: Möglichst viele Regatten müsse man mitmachen und am besten im ersten Viertel der Teilnehmer landen: Dann gibt es vier Punkte. In der ersten Hälfte nimmt man immerhin noch zwei Punkte mit, alle anderen Teilnehmer bekommen einen Punkt. Wer 25 Punkte zusammen hat, steigt auf. Bei ihm ist es soweit, nach den Sommerferien wird er mit seinem Boot „Windhunter“ in der Opti-A-Gruppe trainieren.

Wie bei einer Klassenfahrt

Dreimal in der Woche geht er dann zum Training, bisher waren es zwei Termine wöchentlich, dazu kommen die Regatten an den Wochenenden: „Früher hab ich Fußball gespielt, aber dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr“, erzählt er. Ohne jedes Bedauern, denn Tom liebt seinen Sport. Angefangen hat er mit dem Segeln, weil sein Großvater ein Boot im Verein Seglerhaus am Wannsee hatte, „deshalb wollte ich das auch mal ausprobieren“. Und er blieb dabei. In den Oster- und Sommerferien geht Tom immer ins Trainingscamp, und mit der Frage, ob ihm das nicht manchmal zu viel wird, kann er gar nichts anfangen: „Nee, wieso? Ich find’ das gut!“

Ein bisschen Klassenfahrt-Atmosphäre herrscht bei den Segelcamps im VSaW, allerdings auf hohem Niveau: Alle Kinder übernachten gemeinsam in einem Schlafsaal im Clubhaus des Seglerheims, einer 103 Jahre alten, denkmalgeschützten Villa im englischen Landhausstil direkt am Seeufer. Morgens, mittags, abends essen sie gemeinsam im Speisesaal. Versorgt werden sie vom Koch des Vereins-Casinos, in dem sonst Gerichte wie „Geeistes Gurken-Ingwer-Süppchen im Glas“ oder „Bandnudeln mit Trüffel“ auf der Karte stehen.

150 Euro zahlen die Eltern für die fünf Tage im Camp, zusätzlich zu den 190 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr. Ist ein Elternteil Mitglied im Verein (560 Euro jährlich), verringert sich der Beitrag um 30 Euro. Die Anfänger trainieren meist mit Vereinsbooten, aber schon in der Opti-B-Gruppe haben fast alle ein eigenes Boot. Ein neuer Optimist kostet mit Segel, Plane und dem Slipwagen, auf dem es bewegt wird, etwa 4500 Euro. Und wenn die Jugendlichen mit etwa 15 Jahren dem Opti-Alter entwachsen sind, wird der Sport noch deutlich teurer.

Den Gegner im Auge behalten

Fußballspielen ist billiger. Aber Mathilda, Tom und die anderen zieht es aufs Wasser. Trainer Carl kann das gut verstehen: „Beim Segeln fällt alles von einem ab“, sagt er. Der 20-Jährige war als Jugendlicher selbst bei den Trainingscamps dabei. Jetzt trainiert der Student gemeinsam mit der hauptamtlichen Trainerin Marlene Steinherr die Opti-B-Segler, „um ein bisschen was zurückzugeben“, wie er sagt. Mit seinem Motorboot umkreist er die Kinder in ihren Optimisten wie ein Schäferhund die Herde und ruft ihnen Anweisungen zu: „Timmi, Sitzposition!“, „Lenni, abfallen!“, „Johanna, anluven!“ Segeln verlange viel Koordination, erklärt er: „Der Wind, die Strömung, die Segelposition, es gibt so viele verschiedene Einflüsse. Außerdem muss man immer noch den Gegner im Auge behalten.“

Denn schließlich will jeder der 20 gewinnen, wenn sie nachmittags zu ihren Wettfahrten antreten. Vormittags trainieren sie in zwei Gruppen einzelne Manöver, dazu kommen noch Vor- und Nachbereitung: Erst wenn das Boot „getrimmt“ ist, können die Kinder aufs Wasser.

Vereinsmitglieder nehmen regelmäßig an den Olympischen Spielen teil

Carlotta (11) zählt auf, was sie alles erledigen muss, bevor sie mit ihrer „Lille Sofi“ lossegeln kann: das Segel aus dem Optischuppen holen, den Mast sichern, Ruder und Schwert befestigen. Den Neoprenanzug und die Schwimmweste anziehen. Das Boot auf dem Slipwagen bis zum Wasser ziehen. Das alles zweimal am Tag, vor dem Vormittags- und dem Nachmittagstraining, bis sie schließlich langsam zwischen den Liegeplätzen hindurch auf den See schippern kann.

Seit dreieinhalb Jahren ist sie dabei. Ihr Vater ist „früher ganz gut gesegelt“, sagt sie, deshalb wollte sie es auch ausprobieren. Inzwischen ist ihre zwei Jahre jüngere Schwester ebenfalls im Verein, der Vater ohnehin. Nur die Mutter segelt nicht. Mit aufs Boot muss sie trotzdem, denn in den Ferien geht es fast immer ans Meer. Nach dem Segelcamp macht die ganze Familie einen Segeltörn auf der Ostsee.

Danach kommt Carlotta wieder zweimal in der Woche zum Training auf den Wannsee. Der VSaW ist in der Jugendarbeit sehr aktiv, der 1867 gegründete Verein hat einen Ruf zu verteidigen: Bei Olympischen Spielen sei bisher immer mindestens ein Vereinsmitglied dabei gewesen, sagt Clubsekretär Frank Butzmann.

So weit sind die Opti-B-Segelkinder noch lange nicht. Einige von ihnen werden das Segeln irgendwann aufgeben, andere nur noch ab und zu auf Berlins Seen unterwegs sein. Aber noch können sie alle nicht genug bekommen, allein schon wegen des Moments, den sie alle so lieben: Wenn der Wind plötzlich stärker zu wehen scheint, weil das Segel perfekt steht, und das Boot so richtig Fahrt aufnimmt. Dafür sind sie hier. Auch wenn der Weg dorthin manchmal ziemlich nass ist.