Alles am Fluss

Oberbaumbrücke wird nachts zur Partymeile über der Spree

Die Oberbaumbrücke verbindet Kreuzberg und Friedrichshain. Unter ihr fließt die Spree, auf ihr strömen die Menschen durch die Nacht. Bands, Touristen und Partygänger beleben diesen ungewöhnlichen Ort.

Foto: David Heerde

Mit einer weißen, flauschigen Mütze auf dem Kopf, hockt der 50-Jährige inmitten von bunten Waren: bemalte Schallplatten, kleinen Täschchen, Meinungsknöpfe und ein Fahrradanhänger voller Schmuck. „For a better World“ steht auf einem T-Shirt, das hinter ihm von einer Wäscheleine hängt. „Wir wollen, dass das hier ein friedlicher Treffpunkt für kulturellen Austausch wird“, sagt er.

Zwei junge Frauen in High Heels und glänzend bestrumpften Beinen laufen klackernd an ihm vorbei. „Ich lass es jetzt drauf ankommen“, sagt die Dunkelhaarige. „Ich melde mich jetzt nicht mehr bei ihm.“

Ein Mann mit einem sehr großen Kopfhörer fährt auf einem sehr kleinen Fahrrad an ihnen vorbei. Wenige Meter weiter spielen Punks etwas, von dem sie vermutlich glauben, dass es Musik ist. Ein blauhaariges Mädchen verweilt bei ihnen. Lethargisch fingert sie in ihrem verfilzten Schopf herum.

Eine Party ohne Gastgeber

Die Oberbaumbrücke – sieben Bögen, 150 Meter roter Stein über der Spree – entwickelt jeden Abend ein anders Eigenleben. Einzige Konstanten sind das tiefschwarze Wasser unter und die regelmäßig über sie hinweg donnernde, gelbe U-Bahn über ihr. Im Grunde ist sie nur eine Eisenbahnbrücke: zwischen 1895 und 1897 zwischen Friedrichshain und Kreuzberg erbaut, im zweiten Weltkrieg zerstört, nach der Wiedervereinigung restauriert. Und nun regelmäßiger Austragungsort einer Party auf der Spree, zu der niemand eingeladenen hat.

Txus Parras, der Mann mit der „Eierschale“ auf dem Kopf, war einer der Künstler, die Anfang der 90er-Jahre das Tacheles besetzten. Das ehemalige Kunsthaus ist mittlerweile geräumt, größtenteils zumindest. Nun sitzt Parras auf der Oberbaumbrücke. Aber nicht jeden Abend. Gerade sei er in Marburg auf einem Unifest gewesen und habe dort Workshops gegeben. Er reise durch die Gegend. Heute Abend biete er seine Workshops auf der Oberbaumbrücke an. Was man bei ihm lernen kann? „Desto reicher die Stadt, desto besser ist der Müll, den du auf ihren Straßen finden kannst.“ Er deutet auf seine ausgestellten Kunstwerke. „Das habe ich alles aus Materialien gemacht, die ich in Berlin gefunden habe. Die Portemonnaies hier sind aus alten Jeans gemacht.“

„Authentizität ist nicht zu verkaufen“

Er verkauft seine Waren nicht. „Das dürfen wir nicht. Ich gebe die Sachen gegen Spenden ab“, sagt er. Der Mann der Portemonnaies designt, besitzt nach eigener Aussage kein Geld. Er braucht es nicht. Das Motiv, das der Künstler am häufigsten verwendet, ist das Konterfei eines Säuglings. „Das ist mein Sohn“, sagt Parras. „Der lebt in Vancouver. Ist heute vier oder fünf Jahre alt. Ich sehe ihn selten.“ Während Txus erzählt, sprüht ein Mann mit braunen Locken „Authentizität ist nicht zu verkaufen“ auf die roten Brückensteine. Als Txus das sieht, regt er sich auf: „Nicht!“, ruft er auf Englisch. „Das bringt nur Ärger. Damit erreichst du nichts. Gar nichts.“

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Der mit den braunen Locken bleibt trotzig. Er kommt aus dem Protestcamp in der Kreuzberger Cuvrystraße, das letztes Jahr entstand, um das dort geplante Guggenheim Lab zu verhindern. Das Guggenheim Lab zog auf den Pfefferberg, das Protestcamp besteht noch immer. Der Gelockte spricht gebrochenes Englisch, mag seinen Namen und sein Alter nicht sagen. „Das hat für mich alles keinen Wert. Das setzt nur Grenzen im Kopf.“ Er komme aus Rotterdam und seit November vergangenen Jahres lebe er ohne Geld. „Mir ist es noch nie so gut ergangen.“ Was er auf der Brücke mache? „Musik“, sagt er knapp.

Chirurg sucht den Kontakt zur Straße

Und wie auf Kommando beginnt Txus Akkordeon zu spielen und die junge Cellistin, die neben dem Gelockten gesessen hatte, stimmt mit ein. Ergriffen von ihrem Spiel kniet der Rotterdamer nieder. Schließt die Augen und rezitiert Gedichte. Ein Passant filmt sie. Ein weiterer Passant zückt kurzerhand seine mitgebrachte Violine und spielt mit. Später verrät er, dass er eigentlich Chirurg an einer Berliner Klinik sei. Aber zuletzt ein paar Jahre in brasilianischen Slums verbracht habe und seitdem immer wieder eins suche: den Kontakt zur Straße.

Desto später es wird, desto belebter wird die Brücke. Große Teile der jungen Menschen, die über die Brücke laufen, werden an ihrem südlichen Ende zu einem Teil der aufgerüschten Warteschlange vor dem Watergate. Weniger aufgerüschte Touristen verweilen unter den Bögen der Brücke. Schauen auf die Spree. Machen Erinnerungsfotos. Um halb eins baut eine weitere Band ihr Equipment auf. Anders als andere Straßenmusiker müssen sie nicht erst auf Publikum warten, sie bringen eine große Traube von Menschen gleich mit. Die „Make a Move Band“ ist ein Oberbaumbrücken-Phänomen. Man trifft sie hier fast jedes Wochenende. Zwei Saxophone, ein Schlagzeug, eine Gitarre, ein Bass. Valentin, Nir, Uwe, Enric und Jürgen sind Anfang 20 und kommen aus Kreuzberg. Seit vergangenem Jahr machen sie regelmäßig auf der Brücke Musik. Innerhalb von Sekunden hat sich eine Party um sie gebildet.

Und über den Köpfen donnert die U1

Rund 30 Menschen nicken mit den Köpfen, tanzen, jubeln. „Das gibt’s nur in Berlin“, freut sich ein Pärchen aus Zürich. Ein Koch aus Kreuzberg rollt auf einem blauen Mountainbike durch das Konzert. Zwischen den Bremshebeln am Lenker hat er eine Pappe geklemmt. „Zu verkaufen“, steht darauf. „Das Fahrrad stand 20 Jahre bei mir im Keller“, sagt der Koch. „Das hat bestimmt mal 2000 D-Mark gekostet. Ich verkaufe es jetzt für 500 Euro“, sagt er noch, dann herrscht plötzlich Stille. Die Polizei löst das Konzert wegen Anwohnerbeschwerden auf. Hilflos verweist die Band auf ihre Facebook-Seite. Vielleicht müsse man sich künftig einen anderen Ort suchen, überlegt sie laut.

„Ach, scheiß doch auf die Bullen“, ruft einer. „ Es gibt hier doch überhaupt keine Anwohner.“ Donnernd kracht die U1 über alle hinweg. „Wir wollen tanzen.“ Aber ohne Musik ist auch die Oberbaumbrücke einfach nur eine Brücke über der Spree.