"I Am Jonny"

Schwester von Jonny K. baut Courage-Netzwerk auf

Tina K. hat in Erinnerung an ihren zu Tode geprügelten Bruder einen Verein gegründet, um Jugendlichen Zivilcourage zu vermitteln.

Tina K. hat den Verein „I Am Jonny“ nach dem Tod ihres Bruders gegründet.

Tina K. hat den Verein „I Am Jonny“ nach dem Tod ihres Bruders gegründet.

Foto: Daniel Schaler

Spandau. Im Gespräch mit Tina K. fragt man sich manchmal, wie sie das alles schafft. Zeitlich, aber auch emotional. Die 34-Jährige ist Mutter, beruflich Übersetzerin in der Synchronbranche. Sie leitet den Verein „I Am Jonny“ und gibt deutschlandweit Zivilcourage-Workshops, bei denen sie wieder und wieder von dem Schicksal ihres kleinen Bruders berichtet, der 2012 am Alexanderplatz totgeprügelt wurde.

Jetzt baut sie in Spandau ein Schulnetzwerk auf und möchte in dem Bezirk außerdem eine Jugendeinrichtung eröffnen. „Ich finde, es ist eine tagtägliche Entscheidung, Teil der Lösung zu sein“, sagt sie. „Was wäre denn die Alternative? Ich kann mich nicht wegbeamen und bin dann auf einem anderen Planeten.“ Das Schicksal ihres Bruders Jonny hat ihr Leben für immer geprägt.

Es passierte in der Nacht zum 14. Oktober 2012. Beim Versuch, einen Streit zu schlichten, wurde Jonny K. – der Spandauer war damals 20 Jahre alt – durch Tritte und Schläge tödlich verletzt. Tina K. nennt den Tag, das Schicksal ihres Bruders ihren „persönlichen Weckruf“. Das Erlebnis hat ihre Welt verändert und bewirkt, dass Tina K. seitdem die Welt ebenfalls verändern möchte. Zum Besseren.

„Du guckst dir die Menschen an, nachdem du so einen Verlust erlebt hast, und denkst dir: Ihr beschwert euch über solche Kleinigkeiten. Aber es ist ein Mensch von uns gegangen, der mir sehr viel bedeutet hat“, sagt sie. Ihre Prioritäten und ihre Wertschätzung haben sich geändert. Weil nach jener Nacht zum 14. Oktober das Leben, das sie vorher kannte, nicht mehr existiert hat, sagt sie. „Die Musik, die vorher gespielt hat, spielt nicht mehr. Und das ist für immer so.“

Tina K. hat Workshops für 260 Schulklassen gegeben

Die Beziehung von Tina K. zu ihrem Bruder war eine besondere. Sie erzählt, eine frühere Freundin von Jonny habe ihn immer „Schwestersöhnchen“ genannt. Dennoch hat der Verlust sie nicht verbittert werden lassen, im Gegenteil. Tina K. ist auffallend herzlich. Sie erzählt von Liebe, von Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft und davon, dass die Jugendlichen heute viel besser sind, als es ihr Ruf häufig ist. „Es gibt an jeder Oberschule Schüler, die sich entweder schon engagieren oder etwas machen wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen“, sagt sie. Und hier will sie mit ihrem Verein „I am Jonny“ ansetzen.

Begonnen hat alles mit Zivilcourage-Workshops, mit denen sie inzwischen mehr als 260 Schulklassen besucht hat. Dabei geht es Tina K. darum, Gewalt entgegenzuwirken und mit Jugendlichen zu besprechen, was Zivilcourage umfasst. Und natürlich erzählt sie auch von der Geschichte ihres Bruders.

Sich damit auseinanderzusetzen ist ihr Weg, das Ganze zu verarbeiten. Auch, wenn es nicht leicht ist. „Manchmal weine ich dabei, manchmal weine ich danach, manchmal weine ich, wenn mir eine Frage gestellt wird“, sagt die Berlinerin. Aber ihr ist es wichtig, auch über Kleinigkeiten zu sprechen, die Jonny ausmachten. „Wenn ich von meinem Bruder erzähle, dann ist er in dem Moment wieder lebendig.“

Die Schüler würden oft mit Empathie und Betroffenheit reagieren. „Viele haben auch den Drang, etwas zu tun“, sagt die 34-Jährige. Deshalb ist sie nun dabei, ein Courage-Netzwerk an Spandauer Schulen aufzubauen. Unterstützt wird sie dabei von Tim Möcks – 16 Jahre alt, Schülersprecher der Wolfgang-Borchert-Schule, Vorsitzender des Bezirksschülerausschusses in Spandau und nun Koordinator des Schulnetzwerks.

Schüler sollen ausgebildet und zu Vorbildern werden

Auch der Spandauer selbst hat einen Zivilcourage-Workshop mitgemacht. „Ich kannte vorher schon Tinas Geschichte“, erzählt er. Dennoch hat ihn die Stimmung im Raum damals beeindruckt. „Alle sind in sich gegangen. Wenn Tina anfängt zu reden, sind auf einmal alle leise und hören zu.“ Vor allem habe er damals einen neuen Blick darauf bekommen, was Zivilcourage ist. Dass es nicht nur darum gehe, in Gewaltsituationen einzuschreiten, sondern schlicht im Alltag zu helfen. „Es sind auch Kleinigkeiten“, sagt Möcks.

Was die Workshops von Tina K. von anderen unterscheidet, sagt der Spandauer, sei die persönliche Geschichte, die dahintersteckt. Durch die erreiche man die Schüler, meint Möcks. Das zeigt auch die Resonanz, die es bei der Start-Veranstaltung für das Courage-Netzwerk in Spandau gab: Zu dieser seien an einem Freitagnachmittag im Oktober 70 Klassen- und Schülersprecher gekommen, sagt Tina K. „Jede Spandauer Oberschule war vertreten.“ Diese 70 Jugendlichen sollen die ersten Ansprechpartner für die „I Am Jonny“-Teams an den Schulen bilden.

Derzeit werden mit den Schülerteams Einzelgespräche geführt. „Uns ist ganz wichtig, dass man individuell guckt, was die Schulen brauchen“, erklärt die 34-Jährige. Eines hat sich bereits gezeigt: „Mobbing scheint an jeder Schule ein Problem zu sein“, sagt Tina K. Zwar habe es Mobbing auch früher schon gegeben, aber die Ausmaße hätten sich verschärft. „Wir haben den Eindruck, dass von oben versucht wird, das Problem kleinzuhalten“, sagt sie. Schüler Möcks nickt. Auch er kennt Geschichten von Mobbingopfern, die nicht ernst genommen worden seien.

Mit den „I Am Jonny“-Teams, so der Gedanke, soll es künftig einen Ansprechpartner für alle geben. Gleichzeitig sollen sie anderen Schülern helfen, Ideen umzusetzen. „Wir wollen die Teams zu Vorbildern machen, sie beim Projektmanagement unterstützen und zeigen, was alles möglich ist“, sagt Tina K. Wie „Leuchttürme“ sollen die engagierten Jugendlichen wirken. Und bei einem Courage-Netzwerk in Spandau wollen es Möcks und Tina K. nicht belassen. Noch dieses Jahr soll das Projekt in Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf starten.

Zivilcourage-Schulungen sollen weitergetragen werden

In Spandau geht parallel die Suche nach festen Räumen weiter, um dort regelmäßige Treffen für die Vereinsmitglieder anzubieten. Aber vor allem, um einen neuen Treffpunkt für die Schüler im Bezirk zu schaffen. „Ziel ist, dass die Jugendlichen eine Anlaufstelle haben, wo es Freizeitangebote gibt, wo wir die Zivilcourage-Workshops machen und wo man das Miteinander pflegt“, sagt Tina K.

Auch die Gespräche mit den Klassen- und Schülersprechern hätten ergeben, dass so ein Ort in Spandau fehlt. „Das ist die Bestätigung für uns, dass wir richtig denken“, sagt Schüler Möcks. Er klingt manchmal älter, als er ist, wenn er Sätze sagt, wie: „Wir wollen wirklich für die Jugendlichen handeln.“ Damit der Plan umgesetzt werden kann, braucht „I Am Jonny“ aber Unterstützer. „Wir finanzieren uns nach wie vor komplett über Spenden“, sagt Tina K. Alle, die sich im Verein engagieren, machen das ehrenamtlich. Den Hauptteil der Arbeit trägt sie neben ihrem eigentlichen Job allein.

Kernstück von „I Am Jonny“ sollen weiterhin die Zivilcourage-Workshops bleiben. Ihr Ziel sei es, dass alle Siebtklässler zum Beginn ihrer Oberschulzeit den Kurs durchlaufen. „Auch, wenn der Verein ,I Am Jonny‘ heißt und ich ihn nach dem Schicksal meines Bruders gegründet habe, könnten wir das alle sein“, erzählt Tina K. „Wir alle könnten in eine Gewaltsituation kommen und wir alle könnten bis zum letzten Moment Zivilcourage zeigen.“

Dabei trifft die Berlinerin bei ihren Workshops auch immer wieder auf Jugendliche, die auf der anderen Seite stehen, die selbst schon Täter geworden sind. „Sie identifizieren sich vorher nicht mit dem Opfer und denken nicht an deren Situation“, sagt Tina K. „Das ist der Gedanke, den ich gerade Tätern mitgeben möchte: Du musst nicht immer dabei sein, du kannst auch Stopp sagen.“

In Zukunft, so ist ihr Plan, sollen auch andere Menschen die Zivilcourage-Workshops geben. „Es soll nicht nur meine Geschichte sein. Wir wollen Leute ausbilden, die dann ihre Geschichte erzählen“, sagt sie. Doch daran, dass sie sich aus der Verantwortung nimmt und zurückzieht, ist noch nicht zu denken. „Es ist noch viel zu viel zu tun“, sagt sie. Trotzdem, zwischen den vielen Terminen nimmt auch Tina K. sich Auszeiten. Tage, an denen sie zu Hause bleibt, auf der Couch liegt und Filme schaut. „Man weiß nie, wann der Director ,Cut‘ schreit, welcher Tag der letzte ist“, sagt sie. „Man muss das Leben einfach genießen und dankbar sein.“

Das Schicksal von Jonny K.

Nach einem Barbesuch wurde Jonny K. in der Nacht zu Sonntag, dem 14. Oktober 2012, am Alexanderplatz von einer Gruppe junger Männer mit Tritten und Schlägen malträtiert. Die Angreifer kannte er nicht, der 20-Jährige wollte einen Streit schlichten. Alle Bemühungen der Ärzte, das Leben des Spandauers zu retten, blieben jedoch erfolglos. Am darauffolgenden Tag starb Jonny K. an den Hirnblutungen.

Neun Tage später wurde der erste Tatverdächtige (19) festgenommen. Nur einen Tag später stellten sich zwei 19 und 21 Jahre alte Komplizen der Polizei in Begleitung ihrer Rechtsanwälte, in den folgenden Monaten zwei weitere junge Männer. Im April 2013 stellte sich schließlich auch der Haupttäter Onur U. (19), der sich nach der Tat in die Türkei abgesetzt hatte. Zwischenzeitlich hatte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeschaltet und bei einem Besuch in der Türkei gedrängt, gegen den geflüchteten Tatverdächtigen zu ermitteln.

Im Mai 2013 begann am Berliner Landgericht in Moabit der Prozess gegen die sechs Männer. Drei Monate später verurteilte das Gericht den Haupttäter Onur U. wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren. Drei erwachsene Mittäter erhielten Strafen von zwei Jahren und acht Monaten, zwei weitere müssen nach Jugendrecht zwei Jahre und drei Monate in Haft. Eine Woche nach dem Urteil legten alle Verteidiger der Täter Revision ein.

Anderthalb Jahre nach der Prügelattacke, im März 2014, bestätigte der Bundesgerichtshof die Strafen. Ihre Revisionen wurden als unbegründet verworfen. Fünf Angreifer mussten ihre Freiheitsstrafen wegen gefährlicher Körperverletzung antreten. Der vorbestrafte Onur U. saß bereits hinter Gittern.

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