Wenn Familien Probleme haben und Eltern bei der Erziehung straucheln, dann sollen sie eigentlich helfen: Die Regionalen Sozialen Dienste (RSD) der Jugendämter. Die Mitarbeiter besuchen Familien zu Hause, sie sind bei Hilfekonferenzen oder familiengerichtlichen Verfahren vertreten, dokumentieren die verschiedenen Maßnahmen und kümmern sich nicht zuletzt um die Krisenmeldungen, die immer wieder reinkommen.
„Der Tag ist von Spontanität geprägt“, sagt Heike Mitić. Sie arbeitet seit vielen Jahren im RSD, seit zwei Jahren leitet sie einen von drei Standorten. Sie mag ihren Job, das ist zu spüren. „Es ist total interessant und vielseitig und ein sehr selbstständiges Arbeiten“, erzählt sie. Dennoch kennt sie auch die Herausforderungen und die Belastung, die der Beruf mit sich bringt – bedingt auch dadurch, dass seit Jahren Stellen unbesetzt sind.
Doch 14 der insgesamt rund 71 Stellen waren im Spandauer RSD mit Stand Oktober offen. Das entspricht etwa 20 Prozent. Berlinweit gab es mit Stand Juli 144 unbesetzte Stellen, besonders betroffen waren außerdem Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Marzahn-Hellersdorf. Neu ist das nicht – in Spandau seien seit Längerem immer zwischen 15 und 20 Prozent der Stellen unbesetzt. „Seitdem der RSD eingeführt wurde, gab es in Spandau keinen Stadtrat, der über einen voll besetzten RSD verfügt hat“, sagt Jugendstadtrat Stephan Machulik (SPD).
In Spandau ist viel zu tun für Sozialarbeiter

Es sei schwer, Sozialarbeiter für den Job zu finden – schließlich würden diese fast täglich mit Elend zu tun haben. Dabei gibt es in dem sozial teils schwer belasteten Bezirk ohnehin viel zu tun. Doch durch die unbesetzten Stellen steigt die Zahl der Fälle weiter an, um die sich die vorhandenen Sozialarbeiter kümmern. Etwa 85 Fälle betreut ein RSD-Mitarbeiter in Spandau im Durchschnitt. Als angemessener Wert gelten 65. „Der RSD müsste eigentlich in jeder Familie sein, die auffällig ist“, sagt Machulik. „Aber das kann er gar nicht leisten.“
Der RSD, den Mitic leitet, kümmert sich mit 17 Mitarbeitern um die Ortsteile Falkenhagener Feld, Staaken und Hakenfelde – ein Gebiet, in dem rund 90.000 Menschen leben. „Wir sind zuständig für alle Familien im Kiez, die Beratungsbedarf haben“, sagt Mitić. Doch die Beratungen sind genau das, was durch die Personalsituation stark eingeschränkt wird.
Denn die Prioritäten sind klar: „Kinderschutzmeldungen können nicht warten.“ Eine solche Meldung kann sein, dass eine Kita mitteilt, dass ein Kind seit Tagen kein Frühstück bekommt. Oder eine Schule, die anruft, weil ein Kind blaue Flecken hat. Oder Eltern, die sich selbst melden, weil sie Angst haben, ihren Nachwuchs zu schlagen. Mehrere Krisenmeldungen gibt es im Spandauer Jugendamt täglich.
Die Probleme in den Familien häufen sich
Durch die vielen akuten Krisensituationen bleibt weniger Zeit, präventiv mit Familien zu arbeiten. „Beratung ist etwas, das alle gerne machen möchten. Aber wer hier anfängt, stellt schnell fest, dass das nur eingeschränkt möglich ist“, sagt Mitić. Dabei wäre auch sie notwendig. In ihren Gesprächen mit Familien haben Mitić und ihre Kollegen festgestellt, dass die Komplexität der Fälle oft zugenommen hat. In einer Familie gebe es nicht mehr nur ein Problem, sondern gleich mehrere. „Auffällige Kinder sind heute jünger“, berichtet Mitić. „Früher haben Acht- oder Neuntklässler geschwänzt, heute sind es oft schon Fünft- oder Sechstklässler.“ Außerdem gebe es mehr psychisch erkrankte Elternteile als noch vor zehn Jahren.
Was nötig ist, um mehr Zeit für Beratungen zu haben, ist klar: neue Mitarbeiter. Der Bezirk versuche, für sich zu werben, sagt Stadtrat Machulik. Außerdem müsse sich an der Bezahlung etwas tun, das sehen auch Heike Mitić und die zuständige Senatsverwaltung für Bildung, Familie und Jugend so. „Die nächste Tarifrunde Anfang 2019 muss eine deutliche Erhöhung bringen“, sagt Pressesprecherin Iris Brennberger. Dafür setzte sich auch Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein.
Zudem wurde von den Bezirken und der Hochschule für angewandte Pädagogik ein dualer Studiengang entwickelt, der auf die Arbeit im Jugendamt vorbereiten soll. Künftig sollen zudem Stipendien an Studierende vergeben werden, die sich verpflichten, nach ihrem Abschluss in einer Berliner Verwaltung zu arbeiten. In Spandau gibt es derweil Hoffnung: Auf die letzte Ausschreibung haben sich sieben Bewerber gemeldet.



