Wer in Spandaus Süden fährt, nach Gatow und Kladow, der findet Einfamilienhäuser, eine bald dörfliche Atmosphäre und Entspannung am Wasser. Doch diese Idylle herrscht nicht überall im Bezirk vor. Im aktuellen Bericht „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ tauchen sieben Spandauer Bereiche als Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf auf. Zusammen mit Neukölln liegt der Bezirk damit im berlinweiten Vergleich an der Spitze.
In vier Kiezen ist außerdem ein Quartiersmanagement vor Ort, das in sozial wie wirtschaftlich schwierigen Umgebungen den Zusammenhalt stärken soll. Eines der Gebiete ist der Kiez Heerstraße-Nord. Er ist zugleich eines der ärmsten Viertel der Stadt. Fast jeder zweite bezieht Transferleistungen, ebenso viele haben einen Migrationshintergrund. Knapp drei Viertel der Kinder sind von Armut betroffen. In den vergangenen Jahren sind wegen der günstigen Mieten viele sozialschwache Familien hinzugekommen.
Hilfe ist nötig. Mitten im Viertel hat ein Versuch begonnen, im Medizinischen Versorgungszentrum Heerstraße Nord (MVZ). Ärzte in dem Zentrum haben in den vergangenen Jahren immer wieder eine Erfahrung gemacht: Wenn Menschen sich schlecht fühlen und zum Arzt gehen, dann beschäftigen sie nicht immer nur Krankheiten. Dann können auch Trennungsprobleme oder die Sorgen, keine Wohnung oder keinen Kitaplatz zu finden, eine Rolle spielen. Diese Erfahrung führte dazu, dass in Spandau ein Modellprojekt gestartet wurde, das Sozialpädagoginnen direkt in das Ärztehaus integriert.
300.000 Euro für das Staakener Projekt
„In der Kinderarztpraxis haben wir viele Kollegen, die sagen, dass sie mindestens genauso viel Zeit mit sozialen Problemen verbringen wie mit medizinischen“, erzählt Rüdiger Dreykluft, der viele Jahre Internist im Medizinischen Versorgungszentrum war. „Eine ältere Kollegin hat schließlich gesagt, sie halte das nicht mehr aus und ist gegangen.“ Für Dreykluft war das ein „Alarmsignal“ – und ein Zeichen dafür, dass das Zentrum nicht nur Ärzte braucht, sondern auch Menschen, die sich explizit um die Sorgen der Patienten kümmern.
Um das Projekt aufzubauen, das diese Menschen über das Medizinische hinaus unterstützen kann, wurde ein Förderantrag bei der Lotto-Stiftung gestellt. 300.000 Euro habe man für drei Jahre erhalten, berichtet Dreykluft. In diesem Sommer ist „Nestwerk Staaken“ gestartet, unter Geschäftsführung des Internisten.
Almuth Zieglschmid und Nadine Seidel haben inzwischen ihre beiden Beratungsräume bezogen. Auf deren Einrichtung wurde viel Wert gelegt, die Zimmer sollen auf keinen Fall an kühle Büros erinnern. „Die Menschen sollen merken, dass es hier nicht wie im Amt aussieht“, sagt Sozialpädagogin Seidel. Im Idealfall gibt es zwischen Arztbesuch und Sozialarbeit einen fließenden Übergang. „Wenn die Kinderärzte, aber auch die Gynäkologen das Gefühl haben, es gibt noch Gesprächsbedarf und die Probleme gehen tiefer, bringen sie die Patienten zu uns“, sagt Seidel.
„Wir sind wie ein verlängerter Arm der Ärzte“
Die Ärzte müssen dafür nur wenige Türen weiter gehen, die Patienten können im geschützten Raum der Praxis bleiben und müssen nicht an einen anderen Ort geschickt werden. Und sie als Sozialpädagoginnen würden von dem Vertrauensverhältnis profitieren, das die Mediziner zu den Menschen aufgebaut haben, so Seidel. „Wir sind wie ein verlängerter Arm der Ärzte.“ Das ist wichtig. Denn die Distanz zwischen den Klienten und anderen Institutionen, aber vor allem Behörden sei groß. Im Jugendamt anrufen oder gar dorthin gehen – „das ist eine große Hemmschwelle“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Zieglschmid.
Bislang wird das Angebot gut angenommen. Die Klienten kommen mit vielfältigen Problemen und Symptomen. Das können Bauchschmerzen sein, die trotz Medikamenten nicht weggehen – und hinter denen ganz andere Probleme stecken. „Manche kommen tränenüberströmt zum Kinderarzt. Dann kommen sie hierher, können sich ausweinen und dann ist es wieder gut“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. „Manchmal ist es simpel.“
Andererseits gebe es aber auch Fälle, bei denen die Probleme so tief gehen, dass die „Nestwerk“-Mitarbeiterinnen alleine nicht helfen können. „Unser Ziel ist es, die Probleme zu erkennen, wenn sie noch klein sind“, sagt Zieglschmid. Innerhalb von fünf Sitzungen wolle man die Menschen stabilisieren und an andere Einrichtungen anbinden.
Dolmetscher helfen bei Sprachbarrieren
Den hohen Migrationsanteil im Viertel merken auch die Sozialarbeiterinnen bei ihrer Arbeit. Die Sprachbarriere stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Mit Dolmetschern wird zurzeit nicht gearbeitet.
Stattdessen greift man auf technische Übersetzer zurück, mal helfen auch die Kinder oder Männer. „Das haben wir im Fokus, dass wir uns da wappnen“, sagt Seidel. Denn die Migranten könnten die Unterstützung oft besonders gebrauchen. „Die Menschen haben meistens noch weniger Orientierung, wer ihnen helfen kann“, berichtet die Sozialpädagogin. Das treffe vor allem auf Frauen zu. „Die Frauen müssen stärker werden.“
Mediziner spüren die Entlastung in ihrem Alltag
Bestärkt wird das Projekt auch von mehreren Parteien. So haben SPD und Grüne etwa den Antrag für Förderung durch die Lotto-Stiftung unterstützt. Durch die Verortung der Sozialarbeit in der Praxis könne man Menschen erreichen, die sonst durch das Raster fallen, erklärt die Grünen-Abgeordnete Bettina Jarasch. „Es muss ausgewertet werden, aber wenn dieses Projekt sich bewährt, sollte man schauen, dass man es verstetigt“, sagt sie.
Auch innerhalb des MVZ wird das „Nestwerk“ zunehmend anerkannt, sagt Dreykluft. Für die Mediziner sei es eine Entlastung, schnell ansprechbare Kollegen zu haben, die sich den sozialen Problemen der Patienten widmen. „So nehmen sie selbst die Probleme auch nicht mehr mit nach Hause“, sagt Drey-kluft.
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