Vonovia-Haus in Spandau

Mieter klagen: Zweifel an Asbestsanierung und Mieterhöhung

Seit Mitte Juni finden Arbeiten in dem Wohnhaus in der Straße "Am Bogen" statt und sorgen für Ärger. Sogar die Polizei war schon da.

Berlin.  Für die Mieter eines Wohnhauses in der Straße „Am Bogen“ in Spandau kommt derzeit vieles zusammen: Es geht um Asbest, um eine Modernisierung, die an allen Ecken hakt, und nicht zuletzt um eine angesetzte Mieterhöhung. Mitte des Monats haben die Arbeiten in dem Gebäude im Ortsteil Falkenhagener Feld begonnen, für 64 Wochen – also bis August 2019 – sind sie angesetzt. Doch es klappe bislang recht wenig, berichten die Bewohner. „Das ist ein Wahnsinn, was die hier mit uns machen“, schimpft ein Rentner aus dem Haus.

Bereits kurz nachdem die Modernisierung begann, gab es den ersten Ärger: Aus mehreren Wohnungen wurde bei der Erneuerung der Fenster asbesthaltiges Material ausgebaut, jedoch nicht – wie vorgeschrieben – von einer zugelassenen Fachfirma. Anschließend soll der Asbest einfach in einen Container geworfen worden sein. Anwohner erstatteten daher Anzeige bei der Polizei.

Die reagierte schnell: Mitarbeiter des Dezernats für Umweltdelikte vom Landeskriminalamt kamen vorbei, sicherten Beweismaterial, das im Labor untersucht werden sollte. Ein Ergebnis der Untersuchung liege noch nicht vor, teilte ein Sprecher der Polizei auf Anfrage mit. Die Ermittlungen, bei denen es um den Verdacht der illegalen Entsorgung von Asbest geht, dauern an.

Zettel informieren über „schadstoffhaltige“ Fensterbretter

Eigentümer des Hauses, in dem sich mehr als 100 Wohnungen befinden, ist die Vonovia AG, die in Berlin zu den größten Vermietern zählt. „Mit Start der Arbeiten haben wir festgestellt, dass Teile an den Fensteranlagen aus Asbest bestehen“, erklärte eine Sprecherin des Unternehmens auf Nachfrage. Mit den ersten Hinweisen auf das krebserregende Material, sei eine Fachfirma für den Ausbau beauftragt worden. Die Mieter habe man informiert, dass „die für den unbelasteten Teil vorgesehene Firma entgegen unseren Anweisungen gehandelt hat“. Sie wurde anschließend gekündigt.

Tatsächlich haben die Anwohner einen Zettel in ihren Briefkästen gefunden, persönliche Gespräche gab es keine. In dem Schreiben heißt es, Paneele im Balkonbereich sowie Fensterbretter seien teilweise „schadstoffbelastet“. Das Wort Asbest fällt nicht. Außerdem wird dort beschrieben, bei der Demontage der Paneele solle eine Staub- und Schutzwand Wohnbereich und Mieter schützen. Die sei jedoch nie aufgestellt worden, berichten mehrere Bewohner. „Wir haben Staub in der ganzen Wohnung“, erzählt ein junger Familienvater. „Meine kleine Tochter und meine Frau habe ich zu den Schwiegereltern gebracht.“

"Ein Asbestfenster ist noch in unserer Wohnung"

Die Mieter sind verärgert. Noch immer sei nicht sämtliches asbesthaltige Material in den Wohnungen ausgetauscht. „Ein Asbestfenster ist noch in unserer Wohnung, der Zustand ist unverändert“, sagt ein weiterer Anwohner. Hier kommen nun weitere Probleme hinzu, die den Spandauern das Leben zurzeit erschweren: Verzögerungen beim Gerüstaufbau, weil Material fehlte. Und Handwerker, die ausfallen oder zu Terminen nicht erscheinen und keine neuen vereinbaren.

„Ich habe keine Informationen, wie es hier weitergeht“, berichtet der Anwohner. In seiner Wohnung fehlt inzwischen seit einer Woche ein Fensterbrett, die Heizung steht auf dem Balkon, Möbel sind unter einer Folie verschwunden. Ein Zimmer kann damit zurzeit kaum genutzt werden.

Vonovia sind Vorwürfe der Mieter bekannt

„Der Vorwurf, dass Handwerker nicht immer zu den Terminen erschienen sind, ist uns bekannt“, erklärt Vonovia auf Anfrage. „Wir nehmen den Vorwurf sehr ernst und werden bei Nichteinhaltung und Wiederholung auch entsprechende Konsequenzen ziehen.“

Einige Bewohner der Anlage haben sich inzwischen an den Spandauer Mieterverein für Verbraucherschutz gewandt. Wegen der aktuellen Situation, aber auch wegen dem, was am Ende der 64-wöchigen Modernisierung kommen soll: die geplante Mieterhöhung. Knapp 200 Euro sind laut Auskunft mehrerer Mieter bei ihnen angesetzt.

Bei einer Modernisierung können Vermieter elf Prozent der Kosten auf den Mieter umlegen. Das wird für immer mehr Menschen ein Thema. „Als wir uns gegründet haben, ging es vor allem um Betriebskosten“, sagt Heinz Troschitz, Geschäftsführer des Spandauer Mietervereins, der zurzeit rund 1200 Mitglieder in dem Bezirk hat. „Heute sind ein Schwerpunkt die Mieterhöhungen nach Modernisierungen. Das sind längst keine Einzelfälle mehr.“

Spandauer Mieterverein erwartet weiteren Verdrängungsprozess

Zwar gibt es Härtefall-Regelungen, die Menschen mit geringen Einkommen helfen können. Dennoch haben die steigenden Mieten zur Folge, dass Mieter verdrängt werden. Auch in Spandau habe er es schon mehrfach erlebt, dass Menschen ihre Wohnungen verlassen mussten, weil sie die gestiegene Miete nicht mehr bezahlen konnten, berichtet Geschäftsführer Troschitz. „Der Verdrängungsprozess wird in die Randbezirke überschwappen und Menschen hier dazu zwingen, in umliegende Dörfer auszuweichen“, meint er.

Der Verein versuche, während einer laufenden Modernisierung für betroffene Bewohner eine Mietminderung zu erreichen. Im zweiten Schritt geht es dann darum, einer Mieterhöhung entgegen zu wirken oder diese zumindest zu vermindern. „Entscheidend ist später die Prüfung der Belege, wenn die Endabrechnung kommt“, erklärt Troschitz.

Auf die Frage, was die Mieterhöhung für sie bedeutet, antworten viele Mieter der Wohnanlage „Am Bogen“, mit Schulterzucken und Resignation. Sie werden die Mieterhöhung wohl bezahlen, sagt ein Rentner. Schließlich sei es noch schlimmer, sich zurzeit auf die Suche nach einer neuen Wohnung zu begeben.

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