Wohnquartiere

Kieze in Berlin: Zu Besuch bei den Auf- und Absteigern

Arbeitslosigkeit, soziale Probleme – 400.000 Berliner wohnen in Vierteln mit „besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“. Ein Besuch.

Der Kiez an der Jungfernheide gehört zu den Aufsteigern. Amessegher Allal (46), Altenpfleger, ist mit seinen Kindern unterwegs. Er lobt die guten Einkaufsmöglichkeiten und die Nähe zum Park

Der Kiez an der Jungfernheide gehört zu den Aufsteigern. Amessegher Allal (46), Altenpfleger, ist mit seinen Kindern unterwegs. Er lobt die guten Einkaufsmöglichkeiten und die Nähe zum Park

Foto: Annika Bauer

Berlin wächst, die wirtschaftliche Lage ist gut – doch gerade in den Randbezirken hat sich die soziale Lage in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Teilweise ist sie sogar schlechter geworden. Das geht aus einer Studie hervor, die der Senat in dieser Woche in einer Kurzfassung veröffentlicht hat. Die Zahl der Problemviertel sei gegenüber 2015 „nahezu konstant“ geblieben, heißt es weiter. Damals wurden 43 Planungsräume als „Gebiete mit besonderem Handlungsbedarf“ eingestuft, aktuell sind es 44 – gegenüber 75 Wohnquartieren, deren sozialer Status-Index als hoch bewertet wird. Wir haben Auf- und Absteiger besucht.

Aufsteiger: Teichstraße, Reinickendorf

Auf der Westseite Nachkriegshäuser mit Vorgärten voller Rosenstöcke – auf der Ostseite Bauarbeiten an einem neuen Apartmentgebäude: Die Teichstraße in Reinickendorf ist im Umbruch. Der Kiez zwischen Paracelsus-Bad und Gotthardstraße gehört zu den Aufsteigern im Monitoring Soziale Stadtentwicklung und verbesserte sich bei der Benotung von einer 3- im Jahr 2015 auf eine 2. Ebenso wie das Viertel am Hausotterplatz, das 2017 mit einer glatten 3 abschnitt, gehören die Teichstraße und ihre Umgebung nicht mehr zu den Gebieten mit „besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“, wie es in der Studie heißt.

Was bedeutet dies genau? Annette Castro lebt mit ihrer Familie seit 30 Jahren nahe der Teichstraße und ist über die besseren Noten verwundert. „Ich höre immer wieder, dass gerade ältere Bewohner unter steigenden Mieten leiden.“ Ihre Kinder, inzwischen erwachsen, hätten am örtlichen Gymnasium an Lehrermangel zu leiden gehabt. Die Neubauten, die nebenan entstehen, seien für die Stammbewohner im Viertel unerschwinglich. Trotzdem lebt Castro gern hier. Sie lobt die idyllischen Parks: „Schön grün und ziemlich sauber.“

Am Rand der Einflugschneise des Flughafens Tegel führen Bewohner wie Helmut Groß ein unaufgeregtes Leben. Der Großvater schätzt die Nähe zum Paracelsus-Bad, zum Kienhorstpark und zur U-Bahnlinie 8. Valerie Vocke ist Mutter – sie könnte sich ruhigere Wohnorte vorstellen, hofft auf eine Schließung des Airports. „Hier ist wenig zum Wohlfühlen.“ Das karge, zweckmäßige Stadtviertel aus den 50er- und 60er-Jahren gefällt ihr nicht besonders. Mit der besseren Bewertung in der Analyse kann sie wenig anfangen.

Auch aus Sicht des Reinickendorfer Sozialstadtrates Uwe Brockhausen (SPD) sind die Noten im Monitoring mit Vorsicht zu genießen. Erst eine ausführliche Fassung dieses Senatsberichtes werde Rückschlüsse auf die Lebenswirklichkeit der Menschen zulassen. „Uns fehlen noch detailscharfe Daten hinsichtlich Altersstruktur, Bildung und Migration“, sagt Brockhausen. „Die Entwicklung für die Gebiete Teichstraße und Hausotterplatz werten wir insgesamt als Erfolg. Hier ist ein Negativtrend gebrochen.“ Als mögliche Faktoren für den Aufstieg der Kieze nennt er die gute Konjunktur in Reinickendorf. Erstmals seit Jahren fiel die Arbeitslosenquote im Winter unter zehn Prozent. Andererseits seien im Gebiet der Teichstraße zahlreiche Wohnungen verkauft worden. „Dadurch sind wohl viele neue Eigentümer zugezogen. Vermieter konnten höhere Mietpreise verlangen.“ Brockhausen will nun überprüfen lassen, inwiefern eine Verdrängung von Altmietern das gute Ergebnis begünstigt hat.

Absteiger: Eiswerder und Magistratsweg, Spandau

Laut der Studie gehören in Spandau die Gebiete Eiswerder und Magistratsweg zu den neuen Problembezirken der Stadt. Auf der Insel Eiswerder fallen vor allem die schicken Eigentumswohnungen ins Auge. Armut oder sozialer Brennpunkt? Davon ist auf der Havel­insel nichts zu sehen. Eine Anwohnerin, die vor ihrem Haus fegt, sagt: „Hier ist es schon sehr idyllisch.“ Auf der anderen Uferseite sieht es anders aus. Zwar gehört das angrenzende Viertel nicht mehr zum Ortsteil Eiswerder, sondern zu Hakenfelde. Aber für die Studie wurden beide Ortsteile unter „Eiswerder“ zusammengefasst. Hier wird sichtbar, was mit „erhöhtem Aufmerksamkeitsbedarf“ gemeint ist: Häuser, die schon lange keinen frischen Anstrich mehr bekommen haben.

Ein-Euro-Shops, die sich an Kasinospielhallen reihen. Leer stehende Ladenlokale, die im Schaufenster um neue Mieter werben. „Spandau befindet sich in einer Abwärtsspirale“, sagt Frank Bewig (CDU), Spandauer Stadtrat für Stadtentwicklung. Verantwortlich für den Abwärtstrend von Spandau sei eine falsche Stadtentwicklungspolitik in der Berliner Innenstadt. „Man hat dort versäumt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Grundstücke wurden in den vergangenen 15 Jahren meistbietend an private Käufer verkloppt. Und jedes Jahr wurden Menschen, die zum Beispiel auf einen Wohnberechtigungsschein angewiesen wären, aus dem Innenstadtbereich verdrängt.“ Spandau war von den Mieten her noch erschwinglicher. Der Zuzug ärmerer Familien nach Spandau hat die Problemlagen verschärft. Wichtig ist ihm deshalb vor allem die sozialverträgliche Mischung der Kiezbewohner. „Wir müssen wieder eine Mittelschicht nach Spandau ziehen.“

Absteiger: Thermometersiedlung, Steglitz

Der Kieztreff wirkt winzig vor den großen Wohnblöcken der Thermometersiedlung. Dass sich die Situation in ihrem Kiez verschlechtert haben soll, kann die Sozialarbeiterin nicht bestätigen. Im Gegenteil, es sei sogar ruhiger geworden. Die große Stärke ihres Viertels ist für sie der Zusammenhalt innerhalb der Thermometersiedlung. Schlimm wird es nur, wenn die Bewohner eine Mieterhöhung bekommen. Auch in Steglitz-Zehlendorf wird Wohnen immer teurer: „Das sparen die Leute dann bei den Lebensmitteln“, sagt sie. Von der Stadt wünscht sie sich mehr Unterstützung bei der Freizeitbetreuung der Kinder. Das Angebot bei Sportaktivitäten sei hier sehr rar. Trotzdem will sie positiv bleiben: „Wir halten zusammen. In der Nachbarschaft hilft jeder jedem.“ Auch im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf will man für eine Bewertung die ausführliche Fassung der Studie abwarten.

Aufsteiger: Jungfernheide, Charlottenburg

Vor dem Volkspark Jungfernheide reiht sich Wohnblock an Wohnblock. Am Park liegt neben einer Grundschule ein Spielplatz. Am Rand stehen die Eltern, in der Mitte spielen die Kinder. Ein junger Vater muss fast schreien, um den Lärm der spielenden Kinder zu übertönen: „Hier soll es besser geworden sein?“ Das könne er nicht wirklich bestätigen. Die Menschen lebten nebeneinander statt miteinander. „Besonders attraktiv ist hier überhaupt nichts.“

Auch eine Mitarbeiterin des Jugendtreffs Charlottenburg-Nord hat in den vergangenen Jahren keine positive Entwicklung bemerkt. Sie erklärt, dass vor allem die jungen Menschen im Viertel keine Perspektive haben. „Mies wie immer“, sagt die junge Frau. Dann hält sie kurz inne. „Na ja, es hat sich hier auf jeden Fall beruhigt. Früher gab es mehr Probleme mit den Geflüchteten, die in der Nähe leben.“ Jetzt sei es hier schon gut auszuhalten. In der Realität sei eine Verbesserung der Lebensumstände nicht zu spüren.

Ganz anders sieht es eine junge Mutter. Sie wartet mit ihren Kindern an der Haltestelle Halemweg. Auf Englisch antwortet sie, dass sie sich hier sehr wohlfühle. Die Menschen seien freundlich, hilfsbereit, die Nachbarn kümmern sich um ihre Kinder, wenn sie arbeiten muss. Sie stört sich dagegen daran, dass die Busse zu selten fahren, alltägliche Dinge wie Einkaufen oder Kinderarztbesuche seien zu umständlich.

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