Sie balancieren über den Schwebebalken, spielen Ball oder rutschen ausgelassen durch den Stufenbarren über die Weichbodenmatte. Auch Luca-Emilio kann es kaum abwarten, dass er die große Laufkugel endlich durch die Turnhalle rollen darf.

Der Zweijährige kommt an diesem Sonntag schon zum fünften Mal in die Halle der Spandauer Siegerland-Grundschule an der Westerwaldstraße. Nicht alleine. Seine Eltern haben das Angebot der „bewegten Winterspielplätze“ über einen kleinen Zettel am Schultor entdeckt und freuen sich genauso wie ihr Sohn jeden Sonntag darauf, sich dort zusammen mit anderen austoben zu können.

„Wir wohnen ganz in der Nähe. Ich mache eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Da hat man als junge Familie nicht so viel Geld. Deshalb freuen wir uns über dieses tolle Angebot“, erzählt Familienvater Sebastian Domschky, 26. Genauso begeistert von dem kostenlosen Sporttreff ist seine Frau Pamela Chirindza, 27. Das vier Monate alte Baby im Kinderwagen turnt zwar noch nicht, aber die junge Mutter freut sich über die Möglichkeit, andere junge Eltern aus der Nachbarschaft kennenzulernen. Gerade im Winter, wenn die Kinder nicht die Möglichkeit haben, sich auf dem Spielplatz auszutoben, sei solch ein Bewegungsangebot etwas Besonderes. Eben nicht einfach nur spazieren gehen.

„Schauen Sie in ihr Gesicht“

Das findet auch Afshin Tayarani. Der 53 Jahre alte Iraner kam vor 20 Jahren nach Berlin, studierte hier Luft- und Raumfahrttechnik. Er selbst ist müde, gibt seiner Tochter Mina, 5, auf der Tarzan-Schaukel aber immer wieder den nötigen Schub und sagt: „Schauen Sie in ihr Gesicht. Das macht ihr so viel Spaß. Deshalb bin ich hier.“ Das Projekt der Winterspielplätze ist nur ein Baustein von vielen des bereits im Herbst 2011 gestarteten Projekts „Netzwerk Gesundheitsförderung und Präventionsmedizin im Kindes- und Jugendalter“.

Betreut wird es vom Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, dessen Träger die Paul Gerhardt Diakonie ist. Den Anstoß gab der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Frank Jochum. Viele Krankheiten, die er behandelt, sind vermeidbar, so seine Einschätzung. So stürzen Kinder schneller, wenn sie eine schlechte Koordination im Bewegungsablauf haben oder eben übergewichtig sind. Probleme, die im Falkenhagener Feld bei den Einschulungsuntersuchungen immer wieder festgestellt werden. Auch unversorgte Zähne sind bei vielen Abc-Schützen ein Problem.

Umso mehr freut es alle Beteiligten, dass das Winterspielplatzangebot inzwischen so gut ankommt. An diesem Sonntag sind rund 75 Kinder gekommen. Mit mindestens einem Elternteil. Denn das ist Pflicht. Alle müssen mitmachen und schon beim Aufbau der Geräte helfen. Auch Hilfestellung können die Erwachsenen geben. Und wer sich wie Sebastian Domschky traut, darf auch selbst an den Ringen schaukeln. Die Übungsleiter vom Sportverein, Viola und ihr Mann Axel Dobberphul, sind für alle da.

Der Bezirk Spandau widmet sich bereits seit einigen Jahren verstärkt der Förderung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. „Der Zusammenhang, dass soziale Probleme dazu beitragen können, eher krank zu werden, ist wissenschaftlich heute belegt“, sagt Frank Jochum. Deshalb sei es so wichtig, gerade in Problemgebieten mit Aufklärung und Angeboten dagegen etwas zu unternehmen.

Im Bezirk Spandau sind elf Prozent der Kinder übergewichtig, davon sogar vier bis fünf Prozent adipös (fettleibig). Im Ortsteil Falkenhagener Feld bringen sogar 18 Prozent der Kinder zu viel Gewicht auf die Waage. Gesundheitsstadtrat Frank Bewig (CDU), der am Sonntag die bewegten Winterspielplätze besuchte, will deshalb gesundheitsfördernde Programme in ganz Spandau ins Leben rufen. „Wir wollen eine Kultur der gemeinsamen Verantwortung fördern“, sagte er der Berliner Morgenpost. Das Waldkrankenhaus und der Bezirk wollen deshalb ein eng zusammenarbeitendes Netzwerk der Gesundheitsförderung und Prävention in Spandau schaffen. Die Angebote, die es gibt – wie der Arbeitskreis Kinderschutz –, seien bereits vernetzt, sagt Bewig. Jetzt ginge es darum, jede kleine Maßnahme als Teil des Netzes zu koordinieren, damit als Ziel dann alle Bereiche mit Angeboten abgedeckt sind – von vor der Geburt bis nach der Schule.

Gesundheitsunterricht für alle

Neben den bewegten Winterspielplätzen, die der Gesundheitsförderung von Eltern und Kindern dienen, versprechen sich Bezirk und das Evangelische Waldkrankenhaus auch Erfolge durch Gesundheitserziehung in der Schule. Erarbeitet wurden dazu bereits Materialien für Lehrer, mit denen sie Themen wie Zähne, Ernährung und Bewegung, Impfungen, Schmerzen und Medikamentengebrauch kindgerecht unterrichten können. Im Falkenhagener Feld unterrichten die Grundschullehrer im Rahmen des naturwissenschaftlichen Unterrichts danach. „Die Lehrer sind froh über den Lehrstoff zur Gesundheitserziehung der Kinder, weil es das Material sonst nicht gibt“, sagt Kinderarzt Frank Jochum. In den nächsten Monaten sollen auch die übrigen Spandauer Grundschulen die Unterlagen für den Gesundheitsunterricht erhalten. Im Februar sollen diese den Kontaktlehrern der schulischen Prävention vorgestellt werden. Auch das war eine Frage des Geldes, das erst besorgt werden musste. Die Paul Gerhardt Diakonie ist deshalb froh, dass die Erwin Fey Stiftung den Druck von 150 Büchern finanziell unterstützt hat.