Berufsvorbereitung

Wie Berliner Schüler für das Leben lernen

Mit einem Tweet sorgte die 17-jährige „Naina“ für Aufsehen: Sie habe keine Ahnung von Steuern oder Mieten, schrieb die Gymnasiastin. An der Borchert-Schule in Spandau könnte das nicht passieren.

Foto: Massimo Rodari

Safi hat natürlich von der 17 Jahre alten Gymnasiastin Naina gehört, die über Twitter klagte, keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen zu haben. „Das kann uns nicht passieren“, sagt er.

Der 16-Jährige besucht eine zehnte Klasse an der Wolfgang-Borchert-Schule in Spandau. Dort ist er Schul- und Klassensprecher. „Berufsorientierung und Bewerbungstraining werden bei uns groß geschrieben“, sagt Safi. Es gebe viele Projekte, in denen es vor allem darum geht, die Schüler so gut wie möglich auf das spätere Leben vorzubereiten.

Naina hingegen hatte gepostet, dass sie zwar eine Gedichtsanalyse in vier Sprachen schreiben könne, sich im wirklichen Leben aber nicht auskenne. Mit ihrem Tweet hatte die Schülerin eine bundesweite Debatte darüber ins Rollen gebracht, was Schüler in der Schule lernen sollten.

Schule erhält 5000 Euro

Die Wolfgang-Borchert-Schule hat für ihr lebensnahes Konzept jetzt im bundesweiten Wettbewerb „Starke Schule. Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“ den ersten Platz (5000 Euro) auf Landesebene gewonnen. Zusammen mit Schulleiterin Anja Tempelhoff und vielen Mitschülern konnte Safi am Montagnachmittag diese Auszeichnung entgegennehmen. „Wir freuen uns nun auf den Bundeswettbewerb“, sagte er. Den zweiten Platz belegte die Zehlendorfer Biesalski-Schule, eine Förderschule für körperbehinderte Kinder. Platz drei ging an die Nikolaus-August-Otto-Schule in Lichterfelde. Die Gemeinschaftsschule Reinickendorf Campus Hannah Höch landete auf Platz vier.

Die Jury hatte die Auszeichnung der Wolfgang-Borchert-Sekundarschule damit begründet, dass dort in allen Fächern Sprachförderung stattfinde und die Motivation der Schüler gestärkt werde, indem sie selbstständig Arbeitsgemeinschaften organisieren und leiten könnten. „Natürlich kann ich etwas“ heißt dieses Projekt. Zudem setze die Schule auf stetige Weiterbildung der Lehrkräfte und intensive Elternarbeit, heißt es in der Begründung der Jury weiter. Schulleiterin Anja Tempelhoff sagte, kaum noch Schüler würden ohne Abschluss ihre Schule verlassen. „2014 haben 36 Prozent unserer Mädchen und Jungen zudem die Empfehlung für den Besuch der Oberstufe erhalten“, sagte sie. Die Schule arbeite eng mit vielen Unternehmen wie Vattenfall, Telekom oder Siemens zusammen, biete für schwache Schüler viel praktisches Lernen an. Wichtig sei auch das Projekt „Verantwortung“. Ein Jahr lang helfen die Schüler der achten Klassen einmal pro Woche in Kitas, Grundschulen, Senioreneinrichtungen oder bei der Berliner Tafel und übernehmen Verantwortung für andere.

Bundesweit haben sich 2014/15 649 Schulen um den Titel „Starke Schule“ beworben, der seit 1999 von der Hertie-Stiftung, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Deutsche Bank Stiftung vergeben wird. Im Land Berlin nahmen zwölf Schulen an dem Wettbewerb teil. Der Preis soll Schulen stärken, die Ausbildungsreife und Berufsorientierung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen, um ihre Schüler so gut wie möglich auf das Leben vorzubereiten. Bis Ende April werden sämtliche Landessieger ausgezeichnet.

Schule ohne Mensa

Die Borchert-Schule bekam zusätzliches Lob von der Jury, der Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Schule angehörten. Die Schule leiste sehr gute Arbeit, obwohl die Bedingungen schwierig seien, sagte Bernd Becking von der Bundesagentur für Arbeit. Mehr als die Hälfte der Schüler hätten einen Migrationshintergrund und häufig Sprachprobleme. Außerdem gebe es räumliche Schwierigkeiten, da die Schule auf zwei Standorte verteilt sei, die eine große Straße trenne. Schulleiterin Tempelhoff fügte hinzu, dass die Schule keine Mensa habe und keinen großen Versammlungsraum. „Wir warten dringend auf den Schulneubau, der uns versprochen worden ist.“

Platz zwei für die Biesalski-Schule begründete die Jury damit, dass sich die Schule um jeden einzelnen Schüler kümmere, und Berufsorientierung, Sport und Teilhabe Schwerpunkte des Schulalltags seien. Das führe dazu, dass viele Schüler nach der Schule eine duale Ausbildung machten.