Bildung

Oberstufenzentren bieten den anderen Weg zum Abitur

In Berlin gibt es 48 berufsbildende Schulen, davon 28 Oberstufenzentren mit vielen Fachrichtungen. Doch ihre Akzeptanz im Hinblick auf die Hochschulreife lässt noch zu wünschen übrig.

Foto: Massimo Rodari

Schon als kleines Mädchen hat sie mit ihrem Vater Modellautos gebaut. „Mit richtigen Miniaturschraubern“, sagt Victoria Büttner. Basteln, Bauen – überhaupt alle handwerklichen Dinge hätten ihr immer Spaß gemacht. Deshalb habe sie sich nach der zehnten Klasse für das Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik in Charlottenburg entschieden, sagt die 17-Jährige. Metalltechnik und Fahrzeugtechnik stehen jetzt auf ihrem Stundenplan für das Fachabitur. Ein Praktikum in einer Autowerkstatt hat sie bereits absolviert. Im dritten Jahr will sie noch die allgemeine Hochschulreife erwerben und dann studieren. Sie weiß, dass sie dann bestens vorbereitet sein wird. „Man sollte eine Idee davon haben, wie etwas aussieht oder funktioniert, wenn man es weiterentwickeln will“, sagt Victoria Büttner.

Sozialdemokratische Bildungsidee in den 70er-Jahren

In Berlin gibt es 48 berufsbildende Schulen, davon 28 Oberstufenzentren (OSZ) mit vielen Fachrichtungen, wie Bekleidung und Mode, Druck- und Medientechnik oder Maschinenbau. Es war die sozialdemokratische Bildungsidee in den 70er-Jahren, verschiedene Bildungsgänge an einer Schule anzubieten. So können Schüler am OSZ eine Berufsvorbereitung, eine Berufsausbildung, die Fachhochschulreife und das Abitur sowie eine Weiterbildung machen.

Heute kooperieren die Oberstufenzentren auch mit den Integrierten Sekundarschulen (ISS). Sie bieten den Schülern an, nach der zehnten Klasse das Abitur in drei weiteren Jahren abzulegen. Allerdings müssen sie dann auch eine Prüfung in einer beruflichen Fachrichtung ablegen. „Das bietet die Chance, sich bereits beruflich zu orientieren“, sagt Ronald Rahmig, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigungen der berufsbildenden Schulen und Leiter des Oberstufenzentrums Kfz-Technik.

Dennoch wollen immer mehr Integrierte Sekundarschulen (ISS) nicht mehr mit den Oberstufenzentren kooperieren, sondern eine eigene gymnasiale Oberstufe einrichten. „Wir schließen daraus, dass die Oberstufenzentrum für die Erlangung der Hochschulreife noch nicht richtig akzeptiert worden sind“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin in der Senatsbildungsverwaltung. Offenbar würden einige glauben, dass an den Oberstufenzentren kein richtiges Abitur abgelegt werde.

Beim Bekanntheitsgrad der Oberstufenzentren gibt es Nachholbedarf

Jetzt soll ein Experte die Akzeptanz der Sekundarschulen und der Oberstufenzentren stärken. Ronald Rahmig sieht tatsächlich Nachholbedarf, was den Bekanntheitsgrad der Oberstufenzentren angeht. Es sei ein bisschen wie mit den Ausbildungsberufen. Insgesamt 354 gibt es. „Doch am meisten nachgefragt sind immer noch Kfz-Mechatroniker und Friseuse“, sagt Rahmig. An seiner Schule werden Kfz- und Zweiradmechatroniker sowie Fahrradmonteure ausgebildet.

Aber das ist bei Weitem nicht alles. Kadir Acar zum Beispiel macht sein Fachabitur an dem OSZ und hat schon in einer Vertragswerkstatt geschraubt. „Das hat mir die Augen geöffnet, wie so ein Arbeitstag wirklich abläuft“, sagt der 18-Jährige. Jetzt überlegt er, ob er an einer Fachhochschule Fahrzeugtechnik oder Maschinenbau studiert oder das dritte Jahr am OSZ dranhängt und die allgemeine Hochschulreife ablegt. „Dann könnte ich auch spontan etwas ganz anderes studieren“, sagt er.

Große Vielfalt bei den Ausbildungsmöglichkeiten

In der Vielfalt der Ausbildungsmöglichkeiten sieht Ronald Rahmig auch den Vorteil eines Oberstufenzentrums. Ein Jugendlicher könnte ohne Schulabschluss an ein OSZ kommen und es nach sieben Jahren mit dem Abitur verlassen. Dazwischen liegen Stationen wie die Ausbildungsvorbereitung, die Berufsbildungsreife, die Berufsausbildung und die Berufsoberschule. „Es gibt kein Abitur erster oder zweiter Klasse“, sagt Rahmig. Die Hochschulreife am OSZ sei vergleichbar mit der am Gymnasium.