Altstadt

Wie Spandaus historische Mitte wiederbelebt werden soll

Spandaus Zentrum leidet unter Leerstand und Billigläden. Nun wird der alte Kern des Havelbezirks in das Bund-Länder-Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ aufgenommen - eine Chance für Investitionen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Eine gelbe Linie führt vom Rathaus Spandau direkt in die Altstadt. „Keine Ahnung, was das sein soll“, sagt ein Passant mit graublauem Sakko und grau meliertem Haar. Er betrachtet nachdenklich den gelben Streifen auf dem Kopfsteinpflaster der Carl-Schurz-Straße und geht kopfschüttelnd weiter. Die Linie ist Bestandteil des Spandauer Altstadtsommers.

Stadtmarketing-Gesellschaft „Partner für Spandau“ und Wirtschaftshof wollen mit dem gelben Band Besuchern den Weg zu Veranstaltungsorten und Sehenswürdigkeiten weisen, um das Spandauer Zentrum zu beleben. Denn schon seit Jahren beklagen Händler und Besucher den Abstieg von Spandaus historischer Mitte. Politiker, Vereine, Wirtschaftsvertreter kämpfen an gegen Leerstand, Billigangebote und Schmuddelecken. Jetzt wird der alte Kern des Havelbezirks in das Bund-Länder-Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ aufgenommen. Spandaus Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU) rechnet mit jährlichen Zuwendungen von rund fünf Millionen Euro über zehn bis 15 Jahre.

Erstmals könne systematisch in den öffentlichen Raum der Altstadt Spandau investiert werden, sagt Kerstin Schmiedeknecht zufrieden. „Wir kriegen viel Geld, um etwas zu tun.“ Seit Oktober 2012 ist die Architektin im Auftrag des Bezirks Projektleiterin des Spandauer Altstadt-Managements. Mit einer Kollegin sucht sie seither nach Lösungsansätzen für chronische Probleme im alten Zentrum: den Weggang alteingesessener Geschäfte, ein wenig attraktiver Branchenmix, uneinheitliche Öffnungszeiten der Geschäfte, leere Straßen nach Ladenschluss und Wirtschaftsvertreter, die sich nicht immer einig sind.

„Etwas verstaubt“, sei ihr erster Gedanke gewesen, als sie zum ersten Mal mit professionellem Blick durch Berlins größte Fußgängerzone gelaufen sei, erinnert sich die Teltowerin Schmiedeknecht. Dabei biete der Standort mit seiner historischen Bausubstanz, Fußgängerzone und Wasserlage hervorragende Möglichkeiten. Besonders die Eingangsbereiche zur Fußgängerzone und die Plätze, vom Rathausvorplatz über den Markt bis zum Reformationsplatz, aber seien wenig einladend. In drei Gruppen erarbeitet das Altstadt-Management mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Kultur ein Leitbild für die Zukunft der Altstadt, Ideen für die bauliche und für die wirtschaftliche Fortentwicklung des Spandauer Stadtkerns.

Sinkende Kaufkraft

Konsens herrscht in den Arbeitsgruppen schon jetzt darüber, dass eine bessere Beleuchtung her soll, die auch die vielen Baudenkmale besser in Szene setzt. Baustadtrat Röding hofft zudem, dass aus dem Fördertopf „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 der Platz um die Nikolaikirche verschönert werden kann. Kurfürst Joachim II. soll sich in dem Gotteshaus am 1. November 1539 zum evangelischen Glauben bekannt und so die Reformation in Brandenburg eingeleitet haben. Einig sind sich die Arbeitsgruppen auch darüber, dass die Wochenmärkte vor dem 100 Jahre alten Spandauer Rathaus und auf dem Marktplatz anspruchsvoller werden könnten.

Zunehmende soziale Probleme, sinkende Kaufkraft in Berlins noch immer bedeutendem Industriebezirk und leere öffentliche Kassen wirken sich auf das Spandauer Zentrum negativ aus. Zwar stehen von den beinahe 300 Ladenlokalen aktuell nur zehn leer. Doch die Fluktuation ist groß, und das Angebot wird zunehmend von Billigläden, Friseuren, Nagelstudios und Telefonanbietern dominiert. Viele der alteingesessenen Geschäfte haben aufgegeben oder sind in das Einkaufszentrum Spandau Arcaden am Rande der Altstadt gezogen, die mit ihren rund 22.000 Quadratmetern annähernd soviel Verkaufsfläche bieten wie alle Altstadt-Geschäfte zusammen.

Bangen um das Karstadt-Haus

Wichtiger Kundenmagnet ist noch immer das Karstadt-Haus an der Carl-Schurz-Straße. Sollte der neue Eigner der angeschlagenen Warenhauskette, René Benko, den Standort schließen, wäre das „ein herber Schlag“ für die Altstadt, weiß auch Kerstin Schmiedeknecht. Doch sie hofft das Beste. Nach Auskunft der örtlichen Geschäftsleitung gehöre Spandau zu den profitablen Karstadt-Häusern. Zudem sei die lokale Karstadt-Geschäftsführung für die Altstadt aktiv. Sie sponsere die großen Feste vom Altstadtfest an diesem Wochenende bis zum überregional bekannten Weihnachtsmarkt und beteilige sich an der Debatte über Zukunftsfragen. Keine Selbstverständlichkeit im Spandauer Stadtkern.

Die Mehrzahl der Händler überließ lange die Organisation von Veranstaltungen und Aktionen lieber den Vereinigungen. Altstadt-Managerin Schmiedeknecht betrachtet es als große Herausforderung, „aus einer Vielzahl von Einzelkämpfern eine wirkliche Standortgemeinschaft zu machen“. Baustadtrat Röding jedenfalls sieht Fortschritte. Der Altstadtsommer mit der gelben Linie als Erkennungsmerkmal, Palmen und Liegestühlen vor den Läden habe einige Geschäftsleute mobilisiert, die sich früher nicht an gemeinsamen Aktivitäten beteiligt hätten. Einer von ihnen ist Holger Wolinski. Seit vier Jahren führt der 46-Jährige das Öl- und Spirituosengeschäft „Vom Fass“ an der Breite Straße. Die Schließung des Parkplatzes Lindenufer habe sich sofort negativ auf seine Umsätze ausgewirkt, betont Wolinski. Seine Einsprüche beim Bezirksamt hätten nichts bewirkt.

Vor wenigen Wochen wurde der altstadtnahe Parkplatz am Lindenufer geschlossen. Denn die Uferbereiche werden umgestaltet, Altstadt-Besucher sollen an den Havelsaum gelockt werden. Parkgebühren mussten am Lindenufer aber nicht wie sonst auf parkraumbewirtschafteten Straßen rund um die Altstadt vorab am Automaten, sondern konnten nachträglich nach der tatsächlichen Abstellzeit gezahlt werden.

Roter Faden statt gelber Linie

Großen Handlungsbedarf sieht Holger Wolinski auch bei der Ordnung in seinem Kiez. Da würden abends Liegestühle vor dem Geschäft gestohlen, Palmen umgeknickt. Autofahrer würden am helllichten Tag ungeniert durch die Fußgängerzone rasen. „Es kümmert sich niemand darum“, wettert er. Mit Blumeninseln oder einem Brunnen könnte der Bezirk illegalen Rasern die Durchfahrt versperren und zugleich die Altstadt verschönern, stellt sich Wolinski vor.

Es gebe viele gute Ideen, aber vieles sei auch unkoordiniert und nicht konsequent umgesetzt, sagt Kerstin Schmiedeknecht. Statt einer gelben Linie, die nahezu alle Punkte der Altstadt anlaufe, müsse man sich auf einige Highlights konzentrieren, empfiehlt die Fachfrau. „Ein roter Faden wäre besser“, sagt sie vieldeutig. „Man müsste den Reset-Knopf drücken, sich von einigen alten Zöpfen verabschieden“, sagt die Altstadt-Managerin, die bereits in Neukölln das Quartiersmanagement Schillerpromenade aufgebaut hat. Das fange beim Wald aus Aufstellern an und ende beim Angebot vieler Feste. „Einen Mann im Ritterkostüm oder eine Bimmelbahn durch die Altstadt zu schicken, das mag in Touristenhochburgen funktionieren“, glaubt Kerstin Schmiedeknecht. „Hier funktioniert das nicht.“