Ob Bertold Just manchmal im Traum ein Schloss sieht? Na ja, jedenfalls rechnet er in preußischem Fuß, der später durch die rheinische Maßeinheit ersetzt wurde. „31,38 Zentimeter.“ Blitzschnell schiebt er die Zahlen nach, weil er genau weiß, keiner kennt mehr die Umrechnung. Seit 2011 beschäftigt er sich mit nichts anderem als mit preußischem Barock und Andreas Schlüter, jenem Architekten, der dem Schloss seine Fassade gab. Somit ist er komplett eingetaucht in die Welt aus Stein, die aus imposanten Posaunenengeln ohne Posaune, Kehlungen für das Portal 3 und der mächtigen Fama besteht.
Just ist Bauhüttenmeister, er steckt im weißen Kittelhemd, die stabilen Schuhe sind weiß gepudert. Viele Kilometer von der Berliner Mitte, vom geschäftigen Sommertrubel der Touristen entfernt, besuchen wir ihn in seinem Büro in der Schlossbauhütte, Askanierring 74/74A, Spandau. Überall hängen Aufrisse des Schlosses an den Wänden, die verschiedenen Fassaden, die einzelnen Portale. Im Regal stehen schwarze, strenge Ordner mit den Aufschriften: Eckrondel, Portal III, Mittelbogen, Figuren vom Schlüterhof. Just, 52, kennt einfach jedes Detail und jedes Fragment des Schlosses. Seinem Blick wird wohl kein Fehler entgehen.
Das „Who is who“ der Götter
Einst hatten die Briten dort ihr Domizil, in dem funktionalen Gebäude reparierten sie ihre Militärfahrzeuge. Just führt uns in die Werkstatt, zeigt auf meterhohe Regale. Dort lagert das „Who is Who“ der Götter – lauter massive Fragmente etwa von Herakles und Jupiter. Doch sie sind so fragil in ihrer Substanz, dass sie nicht mehr an die Fassade des Schlosses kommen. Ihren göttlichen Auftritt aber werden sie in einer eigenen Ausstellung haben. An der Fassade werden ihre Kopien zu sehen sein, die in einem aufwendigen, mehrteiligen Ton-Gips-Stein-Verfahren gefertigt werden. Wenn Ton nämlich austrocknet, bröselt er. Und die endgültige Umsetzung in Stein kann schon einmal bis zu zwei Jahre dauern.
Just war zuletzt Chef der Kunstformerei der Staatlichen Museen in Charlottenburg. Eigentlich ist er Stuckateur-Meister, machte in den 80er-Jahren eine Ausbildung zum Bildhauer, bei Jürgen Klimes, ehemaliger Chef der Bildhauerwerkstatt in Weißensee, die zum VEB Stuck und Naturstein gehörte. Die Werkstatt restaurierte und rekonstruierte damals Unter den Linden alles „rauf und runter“. Zeughaus, Gendarmenmarkt, Postmuseum, das heutige Museum für Kommunikation.
„Super Schule“, sagt Just. Mit vielen alten Kollegen arbeitet er nun in Spandau wieder zusammen, schließlich sind alle „im preußischen Barock trainiert“. Doch wer mit dem Meißel die Götter in Stein beschwören möchte, muss – wie bei einer Aufnahmeprüfung in der Akademie – eine Mappe vorlegen, beweisen, dass er große Figuren, Reliefs oder Putti auf die Reihe bekommt. Barock kann schließlich nicht jeder, allein am Faltenwurf kann man scheitern. Manchmal kommt der Architekt vorbei, Frank Stella, die Expertenkommission sowieso, die hebt den Daumen. Erst dann kann der Bildhauer seinen Preis angeben. Mittlerweile sind von den 300 Modellen für die 3000 Fassadenelemente die Hälfte fertig.
Außer dem Chef sind alle freischaffend
Die Schlossbauhütte, erläutert Just, sei so etwas wie ein „großer Bahnhof“, ein Kommen und Gehen von Bildhauern, Steinmetzen, Modellbildnern, Stuckateuren und Restauratoren. Alle sind freischaffend, nur er, der Chef, ist fest angestellt. Um die Kosten zu deckeln. Das Schloss finanziert sich aus Steuergeldern und Spenden. Die Erklärung ist ihm wichtig, gerade jetzt, wo die Diskussion um fehlende Spenden wieder einmal aktuell ist.
Manchmal „tut es mir schon ein bisschen weh“, sagt Just. Er selbst kann „so wenig zupacken“. Wahrscheinlich hat er Entzugserscheinungen, dieses Jahr hat er noch gar keinen Ton in der Hand gehabt. Aber ein Chef hat bekanntlich viele Dinge zu regeln: Verwaltung, Rechnungen, Gespräche mit den Bildhauern. Er ist so etwas wie ein Mittelsmann zwischen Werkstatt, Schlossmanagement und dem Architekten. Jedenfalls lässt Justs Smartphone ihn an diesem späten Spandauer Morgen nicht in Ruhe.
Einleben in die Schlüter-Zeit
Die Fassadengestaltung des Schlosses sei kein Projekt, bei dem sich ein zeitgenössischer Bildhauer verwirklichen kann, das sei „noch eins oben drauf“, hier muss man sich „in die Schlüter-Zeit einleben“. Da geht es um Kunstgeschichte, Architektur, auch darum, wie Friedrich I. gelebt und gedacht hat, all das spiegelt sich schließlich in der Fassade wider. Im Haupteingang beispielsweise wurden die Gäste des Königs von den Göttern im Olymp empfangen. Also darf Just historische Fotos anschauen, Skizzen, Notizen vergleichen und durcharbeiten, alte Filme angucken, wo man einige Skulpturen erkennen kann. Oder Ölbilder, auf denen etwa Details der Architektur erkennbar sind. „Und all das muss dann in Stein da stehen“, sagt Just.
Ganz schöne Anstrengung, das Stadtschloss war ein Koloss. Just und sein Team müssen allein 90 Widderköpfe fertigen und 43 Adler mit einer Spannbreite von bis zu zwei Metern, und „keiner ist wie der andere“. Und diese Rekonstruktionen benötigen eben 1:1-Modelle. Für Schlüter war es da leichter, der hatte sein „Ur-Schloss“ und seine Hofbildhauer, die seinen Stil kannten, wussten, welcher Adler fliegen soll oder hocken. Zumal Schlüter dem Schloss eine Art imaginäres Raster eingezogen hatte, ein cleveres Koordinatensystem, mit dessen Hilfe „Architektur und Bildhauerei als Einheit zusammenflossen“, meint Just. Und so kann man auch „das neue Berliner Stadtschloss als Einheit begreifen, und nicht als Ufo, das da gerade gelandet ist“.
Diskussion um das Stadtschloss
Nicht alle mögen das Schloss, finden das Humboldt-Forum mit seinem Sammlungskonzept vom Anspruch überspannt. Wie geht er um mit dieser Diskussion? Trifft ihn das? „Die Politik hat entschieden“, sagt er. Er will lieber die persönliche Ebene ansprechen. Zu seinen Führungen kämen oft die Menschen rein mit Vorurteilen, sie gingen „dann umgekrempelt wieder raus, wenn sie sehen mit welcher Ernsthaftigkeit wir arbeiten“. Na ja, ohnehin sei die Welt voller Rekonstruktion, Dresden, die Frauenkirche, der Zwinger. „Oft wissen wir gar nicht, was alles nach dem Krieg zerstört war.“ Schließlich hätte auch Schlüter „fröhlich kopiert“ , er war Italien-Fan, orientierte sich am römischen Barock, liebte Bernini, den großen Bildhauer der dramatischen Skulptur.
Mit der Dramatik eines Faltenwurfs beschäftigt sich gerade Peik Wünsche, er hat seine Werkstatt draußen unter einem großen Dach. Der Mann sieht ein bisschen aus wie Puderzucker. Er hat eine Liaison mit Borussia, der mächtigen Schutzheiligen Preußens, die Dame misst 2,98 Meter und sie gibt es als Doppelpack. Als Gipskopie, die gleich daneben steht. Wünsche braucht eine Erhöhung, um auf Augenhöhe mit den Ladys zu arbeiten. Schlag für Schlag, das ist Millimeterarbeit.
Im März, nächstes Jahr, geht’s dann ab nach Mitte. Wünsche und Just müssen rauf auf die Schlossbaustelle, ran mit dem Schmuck an die Fassade.

