Sänger

Adel Tawil kehrt zurück an die Orte seiner Spandauer Kindheit

Am Sonnabend tritt er mit seinem ersten Soloalbum „Lieder“ in der Wuhlheide auf. Aufgewachsen ist Sänger Adel Tawil in Spandau. Ein Spaziergang mit dem 36-Jährigen im Berliner Westen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ein schmaler Weg führt an einem Zaun entlang hinter den tristen siebenstöckigen Neubau am Popitzweg in Siemensstadt. Adel Tawil klettert den verwilderten Bahndamm zu den stillgelegten Gleisen hinauf und plötzlich ist alles wieder wie vor 25 Jahren. „Hier habe ich meine erste Zigarette geraucht: eine Dunhill von meinem Papa. Die sind so stark, dass ich kotzen musste“, erzählt der Sänger und lacht.

Er ist lange nicht hier gewesen. Der 36-Jährige, der am Sonnabend mit seinem ersten Soloalbum „Lieder“ die Wuhlheide füllen wird und als Sänger des Popduos Ich + Ich für einige der einprägsamsten Ohrwürmer der vergangenen Jahre verantwortlich ist, wohnt heute an der Charlottenburger Kantstraße. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Ägypters und einer Tunesierin mit zwei jüngeren Geschwistern in Spandau.

Der Bezirk, der gemeinhin als eine der uncoolsten Gegenden für eine Jugend in Berlin gilt, verbindet uns. Ob er nicht Lust habe, bei einem Spaziergang in der alten Heimat über gemeinsame Bekannte, Kindheitsanekdoten und prägenden Orte zu plaudern? Klar, sagt Adel Tawil und unterbricht dafür sogar seine Auszeit am Schwielowsee bei Potsdam, wo er gerade an neuen Songs für ein zweites Album arbeitet.

„Mein Leben bestand aus Rumhängen“

“Was macht man schon in Siemensstadt?“, versucht sich der Musiker zu erinnern, als wir auf dem Parkplatz eines Einrichtungshauses gegenüber des Wohnhauses stehen, das rund 20 Jahre sein Zuhause war. „Mein Leben bestand aus Rumhängen, zur Tanke fahren und Getränke holen, wieder zurückfahren und auf Spielplätzen abhängen. Ein typisches Jugendlichen-Leben in Spandau. Es gab hier nicht so viel zu machen.”

Deshalb sind die Gleise hinter dem Haus für ihn in besonderer Ort geblieben. „Wenn wir dort hochgestiegen sind, waren wir für uns. Meine Mutter hat immer aus dem Fenster nach uns gerufen, aber dort konnte uns niemand sehen. Dort habe ich mein erstes Bier getrunken und noch viele andere Dinge zum ersten Mal gemacht. Man konnte die Schienen über das Siemens-Gelände bis nach Charlottenburg laufen. Dort enden sie über der Spree. Wir sind dann auf ein Gerüst geklettert und von dort aus ins Wasser gesprungen.”

Begrüßt wie ein Familienmitglied

Erlebt hat Adel Tawil diese Abenteuer mit Sergio, der noch heute sein engster Freund ist. “Meine besten Freunde sind alle noch von früher. Wir sind wie aus dem Film ‘Stand by me’. Wir haben den ganzen Tag nur Scheiße gebaut und das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert. Ein bisschen gesitteter vielleicht.” Treffpunkt für ihre Zusammenkünfte ist heute Sergios Restaurant „Trattoria Battista“ in der Altstadt Spandau. „Er selbst arbeitet heute in einer Bank, aber freitags ist er immer da und ich auch. Dann treffen wir uns mit Freunden in der Küche, essen, trinken, quatschen und packen alle mit an“, verrät er.

Als wir den Italiener in der Havelstraße betreten, wird Adel Tawil begrüßt wie ein Familienmitglied. „Wir sind beide Gastro-Kinder. Mein Vater hat zehn Jahre lang bei Sergios Vater im Restaurant gearbeitet“, erzählt er beim Essen. Später hatten die Tawils selber verschiedene Restaurants. Eine Tradition, die auch der berühmte Sohn eines Tages fortführen möchte. “Ich komme von der Gastronomie nicht los. Für mich gehört das zu einer Kindheit in der Großstadt dazu. Nach der Schule bin ich ins Restaurant zu meinem Vater, habe mir eine Spezi gemacht, Pizza bestellt und Hausaufgaben gemacht. Dann die Schürze an, kellnern und mit 20 oder 30 Mark nach Hause gehen. Das war ein geiles Leben, mir hat das Spaß gemacht”, sagt er im Rückblick.

Vorerst kam Adel Tawil jedoch die Musik dazwischen. „In der Grundschule gab es für mich nur Michael Jackson. Das war mein Gott“, erzählt er, als wir wieder ins Auto steigen. Unsere nächste Station ist das Jugendzentrum „Steig“ in Staaken – für den Berliner ein Erinnerungsort auf dem Weg zu seiner späteren Leidenschaft Hip Hop. “Zu der Zeit als ich auf dem Freiherr-von Stein-Gymnasium war, habe ich mit dem Skaten angefangen. Mein Freund Delano hat mich zum ‚Steig‘ gebracht. Ich habe mir am Kudamm mein erstes Board gekauft und wir liefen rum in Vision Hosen, karierten Hemden und Airwalks. Das war eine ganz eigene Phase in meinem Leben, die mich sehr geprägt hat“, sagt er. „Die Jungs dort haben mir ganz andere Musik nahegebracht: Nirvana, Rage Against the Machine … Mit Rock wollte ich nichts zu tun haben. Aber im ‚Steig‘ hat sich mir eine ganz neue Welt eröffnet. Ich war jeden Tag dort und habe mich da sehr wohlgefühlt. Und dort habe ich auch meine erste Freundin kennengelernt.”

Wegen Graffitis von der Schule geflogen

Wegen Graffitis flog Adel Tawil in der neunten Klasse von dem Spandauer Gymnasium mit dem Ruf einer strengen Eliteschule und wechselte auf die Heinrich-Böll-Oberschule. „Ich dachte damals, mein Leben wäre vorbei: von der Schule geflogen, hängengeblieben, die Eltern sauer“, sagt er heute mit einem Schmunzeln. Der Wechsel sollte sich jedoch als goldrichtig erweisen. „Das war die beste Zeit. Wenn ich das von Anfang an gehabt hätte, wäre ich ein guter Schüler geworden“, glaubt er und klingt dabei fast ein bisschen wehmütig.

Manchmal bereue er, dass er niemals Abitur gemacht habe. Doch in der zwölften Klasse bekam er das Angebot, bei der Boyband The Boyz einzusteigen. Nach kurzem Zögern sagte er schließlich zu und kehrte nicht auf die Schulbank zurück, auch wenn ihn das Konzept nicht vollends überzeugte. „The Boyz waren Entertainment, das war keine Musik. Auch wenn ich immer versucht habe, Musik zu machen und da ein bisschen Hip Hop reinzubringen“, sagt er im Nachhinein. „Aber ich habe damals gemerkt, dass ich schreiben kann und dass ich das weitermachen will.“

Als der Erfolg Ende der 90er-Jahre nachließ, begann für Adel Tawil eine karrierefreie Durststrecke, in der er zusammen mit seinem ehemaligen Bandkollgen Florian Fischer ein eigenes Tonstudio gründete und glaubte, nie wieder auf einer Bühne zu stehen: „Ich war schließlich ein Boyband-Fuzzi, den kann ja keiner ernst nehmen.“ Das änderte sich erst wieder, als er auf Annette Humpe traf und mit ihr Ich + Ich gründete. „Annette hat mir die notwendige Glaubwürdigkeit zurückgegeben. In dem Moment, als unsere erste Platte rauskam, hat niemand mehr nach meiner Vergangenheit gefragt”, erklärt er.

Durch und durch Stadtmensch

Derzeit arbeitet Adel Tawil an der nächsten musikalischen Herausforderung: sein zweiten Soloalbum. Dafür kehrt er an diesem Abend wieder in die Abgeschiedenheit des Schwielowsees zurück. „Wenn ich dort bin, will ich aus Berlin rauskommen und mir die Zeit für neue Ideen nehmen“, sagt er. Ein Haus im Grünen kommt für ihn dennoch nicht in Frage: „Dafür bin ich dann doch zu sehr Stadtmensch.“ Mit einer Kindheit in Spandau hat man in diesem Bereich schließlich einiges nachzuholen.