Alles am Fluss

So versorgt der Tankwart der Kapitäne die Havelschiffer

Ingo Gersbeck betreibt in Spandau eine von drei Wassertankstellen Berlins. Und hier hat er auch den ersten Terminal für Kreuzfahrtschiffe eröffnet. Sein jüngstes Projekt ist ein Yachthafen.

Foto: Reto Klar

Auf dem Landweg zu Ingo Gersbecks Tankstelle zu kommen, ist gar nicht so einfach. Die Zufahrt ist von Baggern und anderen Baufahrzeugen belegt. Leichter geht es auf dem Wasserweg. Das ist aber auch der übliche Zugang. Ingo Gersbeck betreibt keine Tankstelle für Autos, sondern für Schiffe.

Im „Schiffsservice Berlin Ingo Gersbeck“ in Spandau werden Tanks von Motorbooten mit Diesel befüllt, Bootsprüfungen durchgeführt, Kapitäne mit Propangasflaschen und allem, was sie sonst noch so brauchen, versorgt. „Wir haben hier allen möglichen Schnickschnack“, sagt Gersbeck und zeigt auf die vielen Karten, Seile, Reinigungsmittel, Schrauben und Souvenirs im Haus der Servicestation an Land.

Nur die belegten Brötchen, den heißen Kaffee und die Lebensmittelabteilung, die man aus Auto-Tankstellen kennt, gibt es nicht bei ihm. „Das kauft keiner“, sagt er. An Bord klappt die Verpflegung offenbar aus eigenen Kräften.

Viele Stammkunden

Ein großes Shell-Tankstellenschild hängt am Ufer der Unteren Havel-Wasserstraße, zwischen Schulenburgbrücke und Ruhlebener Straße. Aber die meisten Schiffsleute, die hierherfinden, wissen ohnehin, wo es langgeht, denn viele sind Stammkunden. Wie zum Beweis winkt Gersbeck gerade einem Kapitän zu, der die Tankstelle ansteuert.

Und ohne dass jemand gerufen hätte, steht auch schon einer der acht Mitarbeiter auf dem Bunkerschiff, um ihn zu bedienen. In der Hand hat er eine Propangasflasche. Man kennt seine Kundschaft und deren Wünsche. Zu erkennen ist der Mitarbeiter gleich an seinem Shirt mit Firmenaufdruck. In Rot und Blau gibt es die. Ingo Gersbeck ist stolz darauf, dass die Mitarbeiter die Shirts eigentlich immer tragen. „Ist nämlich freiwillig.“ Der 49-Jährige selbst hat heute ein blaues angezogen.

Zehn Prozent der Kunden sind Freizeitkapitäne, 90 Prozent Berufsschiffer. Bunkerstation heißt die Tankstelle eigentlich, denn auf See hat vieles seinen eigenen Namen, und so heißt Tanken im Schifffahrtsdeutsch Bunkern. Drei Tankboote gibt es hier. Die „Eurotank“ liegt immer am Spandauer Ufer.

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Die zwei anderen, „Dintel“ und „Shell 5“, sind meist unterwegs, weil auch das zum Service gehört: Wer selbst nicht zu Gersbeck kommen kann, weil seine Route hier nicht entlangführt oder das Schiff nicht durch die Wasserstraße passt, zu dem kommt die mobile Tankstelle. Die „Shell 5“ beliefert zum Beispiel die Woche über alle Boote der Stern und Kreisschiffahrt von Grünau bis zum Wannsee.

Schon kommt ein zweites Schiff, das Fahrgastschiff „Liberté“, das Passagiere und deren Fahrräder an die Müritz fährt. Der Chef bedient diesmal selbst. Das macht er gern, „da lernt man doch immer wieder neue Leute kennen“, und so richtig chefig wirkt er auch gar nicht. Auch wenn hinter dem Verkaufsraum in seinem Büro so etwas wie ein Chefsessel steht. Aber oft schafft er es ohnehin nicht, dort zu sitzen. Und darum ist er auch froh. Gesessen hat er nämlich schon genug in seinem Berufsleben.

Ingo Gersbeck war mal Bankkaufmann. 1981 machte er eine Lehre bei der Bank für Schiffahrt in seiner Heimatstadt Hannover. 1986 wurde ihm die Filialleitung in der Hauptstadt angeboten, und so zog er nach Berlin. Seitdem ist Gersbeck Spandauer. Irgendwann saß ein Kunde vor ihm, der in den Ruhestand gehen wollte und für seinen Bunkerservice einen Nachfolger suchte. Ob Gersbeck vielleicht eine Idee hätte. In seiner ruhigen Art dachte der nach und sagte schließlich: „Ich mache das.“

Der Banker wurde also Tankstellenleiter. Vor 16 Jahren war das. Zunächst blieb er noch bei der Bank. Aber auf längere Sicht war der Tag für zwei Jobs einfach zu kurz. Frau und zwei Kinder hat er ja schließlich auch. Und viele Pläne mit der Bunkerstation. Aus einem Tankschiff wurden bald drei, dann kam die Idee mit dem Kreuzfahrt-Terminal. So etwas gab es in Berlin noch nicht, „dabei steuern durchaus viele Flusskreuzfahrtschiffe die Hauptstadt an“, sagt Gersbeck. Aus Prag, Dresden, Stralsund und Stettin kommen die meisten.

Aber weil viele Schiffe groß, Havel und Spree im Stadtgebiet jedoch oft schmal und die Brücken zu niedrig sind, machten viele Schiffe nur in Potsdam halt und schickten ihre Passagiere von dort in die Hauptstadt. Ein Terminal in Spandau mit dem nah am Wasser gelegenen Fernbahnhof wäre doch eine gute Alternative, dachte sich Gersbeck.

Die Zuständigen im Bezirksamt Spandau waren gleicher Ansicht und unterstützten das Projekt. 2004 wurde in Spandau der erste Kreuzfahrt-Terminal Berlins eröffnet. Die Anlegestelle lag neben Gersbecks Tankstelle. Für Schiffe mit einer Länge bis 85 Metern war hier Platz.

Kampf um den Terminal

Das ging auch alles gut, bis 2007 eine Seniorenresidenz gebaut wurde und die neuen Bewohner über zu viel Lärm und Müll durch den Terminal klagten. Obendrein wurde auch noch festgestellt, dass Gersbeck zwar eine Genehmigung zum Betreiben des Anlegers, nicht aber für das Ein- und Aussteigen der Passagiere hatte.

Dass er so etwas extra brauchte, hätte er nicht gedacht: „Was sollten die Passagiere wohl sonst an einem Anleger machen?“ Aber geduldig hat er verhandelt, und nun gibt es neben der Tankstelle die Baustelle. Im Herbst soll hier der Terminal ein zweites Mal eröffnen – mit allen Genehmigungen und noch etwas größer und schöner. Zwischendurch hatte er einen provisorischen Anlegeplatz schräg gegenüber, damit die Kreuzfahrtschiffe nicht abwandern. Inzwischen gibt es nämlich in Tegel einen zweiten Kreuzfahrtterminal.

Schiffstankstelle, Terminal, das ist noch nicht alles. Da gibt es auch noch die „Dschingis Khan“, ein Hausboot, das Gersbeck gehört und auf dem RTL 2 die Pseudo-Doku-Soap „Berlin Tag und Nacht“ dreht. Und dann hat er auch noch Ämter in allen möglichen Berliner Gremien und Vereinigungen, die mit Schifffahrt zu tun haben. „Oft bin ich bis in die Nacht hinein hier“, erzählt Gersbeck. Immerhin aber mit Blick aufs Wasser, das hat nicht jeder Arbeitsplatz zu bieten.

Sein jüngstes Projekt war ein Yachthafen im Osthafen, mit schwimmendem Restaurant und Steganlagen, aber er fand keinen Investor. Dafür geht es nun in Spandau weiter. Während auf der einen Seite von seinem Schiffsservice gerade der neue Terminal gebaut wird, hat er auf der anderen Seite ein Grundstück dazugekauft, um dort ein Kompetenzzentrum Schifffahrt zu entwickeln.

Die Bank für Schifffahrt wird hier einziehen und eine Versicherung auch. Und es sollen auch Schiffsführerlehrgänge stattfinden. Vielleicht besucht Gersbeck ja selber mal einen solchen Kurs. Ein eigenes Boot – das ist auch so eine Idee von ihm. Aber bis er es schafft, mit der eigenen Yacht über Havel und Spree zu schippern, müsste der Tag wirklich mehr als 24 Stunden haben.