Reinickendorf
Vereine in Berlin

Hart, spannend, fair: Was Berliner am Handball lieben

Die Berliner sind im Handball-Fieber - nicht nur zur WM, die am Donnerstag beginnt. Ein Besuch bei einem Verein in Reinickendorf.

Handballtraining der B-Jugend vom SG Hermsdorf-Waidmannslust.

Handballtraining der B-Jugend vom SG Hermsdorf-Waidmannslust.

Foto: David Heerde

Am Donnerstag beginnt die mit Spannung erwartete Handball-Weltmeisterschaft (WM) in Deutschland und Dänemark. Gespielt wird auch in Berlin. Die deutschen Spieler um Kapitän Uwe Gensheimer werden alles dafür geben, damit sich das Wintermärchen von 2007 wiederholt. Zur Einstimmung auf die WM hat am Dienstag ein öffentliches Training der Nationalmannschaft stattgefunden.

Dass Handball nicht nur Fernsehzuschauer begeistert, sondern auch viele Jugendliche über Generationen hinweg und den Zusammenhalt in der Gruppe befördert, hat die ehemalige Handballspielerin und Autorin Sophie Passmanns in der vergangenen Woche in ihrem Bekenntnis im „Zeit-Magazin“ beschrieben. „Handball ist der wichtigste Sport der Welt, das wissen alle, die mal Handball gespielt haben“, so Passmann. Sie habe viele wichtige Lektionen aus ihrer aktiven Zeit mitgenommen. Zum Beispiel, dass eine gute Sporthalle kleben müsse – vom Harz, das den Ball an den Fingern hält. „Das Schönste aber“ sei, „dass Handball charakterstark“ mache. Jeder auf dem Feld sei zu jeder Sekunde wichtig.

Passmanns Artikel löste in den sozialen Netzwerken große Begeisterungsstürme aus. Prompt überlegten sich Juso-Chef Kevin Kühnert, Justizministerin Katarina Barley (SPD) und die Autorin selbst, ob sie nicht eine eigene Mannschaft gründen sollten.

Die Jugendlichen pflegen einen respektvollen Umgang

Passmanns Leidenschaft für Handball teilen auch viele Berliner. Insgesamt üben nach Angaben des Handball-Verbandes Berlin 11.718 Menschen in den Vereinen diesen Sport aus. Fast die Hälfte – 4909 – ist unter 18 Jahren. Einer von ihnen ist Ole Lenz. Der 16-Jährige spielt in der B-Jugend der SG Hermsdorf-Waidmannslust. Er ist ein höflicher, groß gewachsener junger Mann. „Zum Handball kam ich über einen Lehrer an meiner Schule“, erzählt er. „Er hat mir Karten für ein Spiel geschenkt“. Davor habe er sich beim Fußball ausprobiert. Das habe ihm zwar auch Spaß gemacht, aber Handballspielen sei für ihn einfach was ganz anderes. „Ich trainiere mit einer super Truppe, mit zwei super Trainern“, schwärmt der 16-Jährige.

Außerdem liebe er am Handball, dass der Kopf einfach mitarbeiten muss. „Positionsangriffe und Abwehr sind viel Kopfarbeit“, erzählt der Elftklässler und beginnt einzelne taktische Manöver zu erklären. Sofort wird klar: Handball ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung. Selbst Zuschauen begeistert den Spieler Ole Lenz: „Die Atmosphäre in der Sporthalle ist beim Handballspielen total mitreißend. Es gibt kein Spiel, das nicht spannend ist“, berichtet der Schüler. „Es werden immer viele Tore geworfen. Im Gegensatz zum Fußball – da fallen vielleicht drei Tore, und dann war es das schon.“

Beim Training zeigt sich, dass Oles Schwärmereien über seine „super Truppe“ berechtigt sind. Die Spieler, alle zwischen 14 und 16 Jahre alt, pflegen einen außerordentlich respektvollen und aufmerksamen Umgang miteinander. Die Atmosphäre ist locker und witzig, ausgeschlossen wird niemand. „Wir sind ein Team“, sagt Trainer Harry Schneider.

Für ihn ist Handball das halbe Leben

Er ist durch seinen Onkel zum Handball gekommen, der ihn auch trainiert hat. Wie sein Onkel damals ihn, trainiert er nun seinen Sohn Laurence. „Da geht einem natürlich das Herz auf, wenn der Sohn für die gleiche Sache brennt“, strahlt Schneider. „Schließlich ist Handball für mich das halbe Leben – Spiel, Spaß, Spannung, mit viel Schweiß und Ehrgeiz.“ Dafür ist vor allem eines nötig: Disziplin. Und die zeigt sich auch im Training. Bereitwillig sprinten die Jugendlichen anderthalb Stunden durch die Halle. Sie werfen Bälle, üben sich in der Verteidigung und verfeinern ihre Torwürfe. Auch Ole wirft aufs Tor. Zuerst trifft er nicht, der Trainer ruft: „Ole, dein Arm, der muss höher sein.“ Beim zweiten Versuch dann: Treffer! „So ist es gut“, erkennt der Trainer an. Ole lächelt zufrieden.

Der Elftklässler und die anderen Spieler meckern nicht, wenn es anstrengend wird. „Meckern passt eher zum Fußball“, schmunzelt Ole. Und das, obwohl es auch beim Handball heiß hergehen kann. „Handball ist sehr körperbetont, man teilt zwar aus, muss aber auch einstecken können“, berichtet der andere Trainer Alexander Thurm, „das zeugt einfach von der Fairness des Sportes“. Und er muss es wissen, schließlich spielt der gerade 33-Jährige seit 27 Jahren Handball.

Auf die Frage, ob sie Harz in der Halle verwenden dürfen, lacht Schneider. Er habe den Passmann-Artikel auch gelesen. „In den meisten Berliner Hallen ist Harz leider verboten“, bedauert er. Damit „haben wir einen echten Nachteil gegenüber anderen Mannschaften, die überregional spielen“. Und das wird – wenn alles nach Plan läuft – nächstes Jahr relevant werden. Da will die B-Jugend in die Ostsee-Spree-Liga aufsteigen. Also hoch hinaus, denn darüber ist nur noch die Bundesliga. „Die Chancen dafür stehen gut“, sagt Schneider. „Denn es ist ja eine super Truppe.“

Auch Konstantin Büttner, Geschäftsführer des Handball-Verbandes Berlin, sieht den Sport als „ehrlich und authentisch an“. Er sei „zwar hart und anstrengend, aber auch fair“. Die vielen Tore beim Spiel stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl. Von der WM erhofft er sich, dass „viele begeisterte Zuschauer in unseren Berliner Vereinen mit dem Handballspielen beginnen“.

Wo man in Berlin Handball spielen und schauen kann

In Berlin gibt es 73 Vereine, in denen Handball gespielt wird – sechs sind Spielgemeinschaften. In jedem Bezirk gibt es also mehrere Möglichkeiten, den Sport auszuüben. Wir geben einen Überblick.

Wie findet man einen Verein?

Hier bieten sich zwei Onlineplattformen an. Zum einen gibt der Handball-Verband auf seiner Internetseite unter https://hvberlin-handball.liga.nu einen Überblick über alle Berliner Handballvereine. Hier kann man einfach seinen Bezirk angeben und erhält einen Überblick über die einzelnen Vereine in seiner Nähe. Über die angegebenen Kontaktdaten kann man sich zu einem Probetraining anmelden. Eine Anmeldung dazu ist erwünscht, sodass sich der Trainer auf das neue Teammitglied vorbereiten kann. Zum anderen kann man auch Auskunft über die Vereinsfinder-App „Es lebe der Sport“ unter www.es-lebe-der-sport.de erhalten. Hier gibt man einfach seine Postleitzahl in die Suchzeile ein und erhält einen Überblick über Vereine in seiner Nähe. Wenn der passende Verein gefunden ist, kann man ein Probetraining vereinbaren. Der 16-jährige Ole Lenz, ein Spieler der SG Hermsdorf-Waidmannslust, rät, keine Scham bei der Verabredung von Probetrainings zu haben. „Spieler sind eigentlich immer gesucht und auch herzlich willkommen“, sagt er. Dem schließt sich sein Trainer Harry Schneider an.

Welche Ansprechpersonen gibt es außerhalb des digitalen Angebots?

Natürlich kann man sich an den Trainer seiner Bezirksmannschaft wenden. Wenn man noch unsicher ist, welche Mannschaft am besten zu einem passt, ist der Berliner Handball-Verband ein guter Ansprechpartner und erklärt, worauf man bei der Vereinsauswahl achten muss. Denise Westhäusler ist für den Freizeitsport Handball zuständig. Sie ist unter Tel. 89 09 09 88 zu erreichen.

Gibt es um die WM Extraangebote des Berliner Handball-Verbandes?

Der Berliner Handball-Verband bietet während der WM eine Fanzone an. Auch wer bisher keine WM-Karte gekauft hat, findet ein Angebot um das Spielgeschehen, das in der Verti Music Hall stattfindet. Hier kann man sich beispielsweise selbst am Ball probieren oder mit den anderen Gästen ins Gespräch kommen. In der Lounge kann man das Spielgeschehen auch mit weiteren Handballbegeisterten analysieren. Außerdem kann man sich mit ihnen über die eigenen Spielerfahrungen austauschen. Des Weiteren gibt es Terminalstationen, an denen man mithilfe seiner Postleitzahl einen Verein in seinem Wohnbezirk finden kann.

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