WM-Start in Berlin

„Der Handball ist nicht aufzuhalten“

Die DHB-Bosse Michelmann und Hanning sprechen im Interview über die Chancen der Heim-WM und den Status als Nummer eins hinter Fußball.

Handball-Macher: DHB-Vize und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning und Verbandspräsident Andreas Michelmann

Handball-Macher: DHB-Vize und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning und Verbandspräsident Andreas Michelmann

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Am Dienstag versammelt sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Berlin. Am Donnerstag trifft das Team von Bundestrainer Christian Prokop im ersten Gruppenspiel der WM auf ein vereintes Team aus Korea (18.15 Uhr, Mercedes-Benz Arena und live im ZDF). Vor dem Anwurf zu den Titelkämpfen in Deutschland und Dänemark (10. bis 27. Januar) sprechen DHB-Boss Andreas Michelmann (59) und DHB-Vizepräsident Bob Hanning (50), zugleich Geschäftsführer der Füchse Berlin, über die Chancen der Heim-WM, den Status als Nummer eins hinter Fußball und ein neues Leistungszentrum.

Herr Michelmann, Herr Hanning, zum Auftakt gegen das vereinte Team aus Korea schaut die Sportwelt auf Berlin.

Andreas Michelmann: Dieses Ereignis ist in der Tat sportpolitisch kaum zu toppen. Es war eine geniale Idee von Weltverbandspräsident Hassan Moustafa, dieses Spiel in Berlin stattfinden zu lassen, einer Stadt, die ja auch ewig geteilt war. Und natürlich bringt uns diese Begegnung weltweit eine mediale Aufmerksamkeit, wozu ein normales WM-Eröffnungsspiel sonst bei Weitem nicht in der Lage gewesen wäre. Es erfüllt uns mit Stolz, in unserer Sportart solch ein Zeichen zu setzen.

Bob Hanning: Es ist wunderbar zu sehen, dass wir die integrative Kraft des Sports zu diesem herausragenden Ereignis nutzen können. Das macht uns glücklich. Ohne Hassan Moustafa würde der Handball nicht da stehen, wo er jetzt steht. Er ist ein Mann, der die Sportart visionär und mit großem Verhandlungsgeschick vorantreibt. Er war es auch, der uns damals geraten hat, für die Bewerbung um die WM 2019 mit Dänemark als Ausrichter zusammenzugehen.

Sportlich sollte Korea eine überwindbare Hürde sein.

Hanning: Wir sind auf allen Positionen klar besser besetzt. Aber so ein Auftaktspiel ist auch immer ein bisschen wie ein Start bei einem Autorennen: du musst den richtigen Gang und nötigen Grip finden, um als Erster durch die Kurve zu kommen. Das ist schon eine Herausforderung. Mit dem Publikum im Rücken sind wir aber klarer Favorit.

Die fünf Vorrundenspiele in Berlin finden vor ausverkauftem Haus statt. Auch der Zuspruch in Hamburg Köln, Hamburg und München ist groß. Eine richtige Wahl der Ausrichterstädte?

Michelmann: Wir haben uns für die vier größten Städte in Deutschland entschieden mit den entsprechend großen Hallen. Und wir sehen uns mit dem Kartenvorverkauf in unserer Wahl bestätigt. Wir werden bei der WM volle Hallen haben.

Berlin stellt mit Fabian Wiede, Paul Drux und Silvio Heinevetter als einziger WM-Standort drei Nationalspieler im deutschen Kader. Das hört sich nach Handball-Hauptstadt an?

Michelmann: (lacht) Jede Stadt, in der ich war, reklamiert für sich, die deutsche Handball-Hauptstadt zu sein. Hamburg mit dem jährlichen DHB-Pokal-Final-Four sowie Köln als Ausrichter der Endrunde der Champions League. Und Berlin jetzt als Vorrunden-Spielort der deutschen Auswahl. München fällt da freilich raus. Berlin ist auf jeden Fall in Deutschland die Handball-Hauptstadt, was die Nachwuchsentwicklung angeht. Die A- und B-Jugend der Füchse feiern hier seit Jahren große Erfolge, zudem kommen viele Nachwuchsspieler auch tatsächlich in der Profimannschaft der Berliner an, da sind die Füchse ein Vorbild für die ganze Liga.

Sie setzen als WM-Botschafter mit den Berliner Legenden Torsten Mattuschka (1. FC Union) und Andreas Neuendorf (Hertha BSC) sowie Bayern-Star Javi Martinez und Kölns Ikone Lukas Podolski auf große Fußballnamen. Ebenso wie auf den Hamburger Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste. Was ist die Idee dabei?

Michelmann: Wir wollten sportartübergreifend für die Handball-WM werben. Unsere Strategie war, über unseren Sport hinauszugehen. Javi Martinez passt als Münchener Botschafter perfekt, da dort auch die Spanier dort ihre Gruppenspiele austragen. Das war ein doppelter Impuls.

Und in Hamburg Moritz Fürste?

Michelmann: Die Hockeyspieler haben uns bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro sehr imponiert. Ich würde behaupten, dass Hockey von den Mannschaftssportarten die effektivste ist – wenn man die Anzahl der Spiele ins Verhältnis zu den Erfolgen setzt. Das sind schon starke Typen.

Hanning: Im Lager der Hockeyspieler habe ich in der kurzen Zeit bei Olympia viel gelernt, da ich viel mit den Jungs im Mannschaftsbus saß. Dort konntest du hautnah erleben, was du über den Geist eines Teams gemeinsam erreichen kannst. Den Hockeyspielern geht es nicht im Ansatz so gut wie es uns Handballern geht in Sachen Popularität und öffentlicher Wahrnehmung. Dabei handelt es sich in Deutschland um die erfolgreichste olympische Mannschaftssportart. Hockey ist eine herausragende Sportart mit herausragenden Menschen. Von daher passt Moritz Fürste perfekt als WM-Botschafter.

Trotzdem fällt die Nähe zum Fußball auf.

Hanning: Wir wollen die WM dazu nutzen, den Status von Handball als Nummer eins hinter Fußball in Deutschland zu festigen und die Nähe zum Fußball zu verringern. Bei den Hallensportarten liegen wir sogar vor Fußball. Für Letzteres haben wir ehrlicherweise aber nichts getan, denn Handball ist eine bodenständige deutsche Sportart, die sich über Jahre über das Feld in die Halle entwickelt hat.

Michelmann: Durch das schlechte Abschneiden bei der WM Russland hat der Fußball vielleicht auch so einen kleinen Dämpfer erhalten und wir sind mit der Heim-WM im Aufwind. Die Topklubs in Europa haben wir ja schon lange.

Beim WM-Kader fällt in der Tat auf, dass mit Uwe Gensheimer von Paris St. Germain nur ein Spieler im Ausland unter Vertrag steht. Das ist in anderen Sportarten kaum denkbar.

Hanning: Unser Vorteil ist, dass wir - vergleichen wir das jetzt mal mit dem Basketball - die NBA in Deutschland haben. Die Bundesliga ist die stärkste Handball-Liga weltweit. Von den 400 stärksten Handballern spielen 300 in Deutschland. Du musst nicht US-Basketball gucken, um die Topstars deiner Sportart zu sehen, sondern bekommst sie im Handball jede Woche in der Bundesliga. Das ist unser großer Trumpf.

Michelmann: Jetzt wollen wir die Heim-WM auch dazu nutzen, wieder neue Mitglieder zu gewinnen. Ein erfolgreiches Abschneiden würde uns da natürlich sehr helfen, das haben wir schon nach dem WM-Triumph 2007 in Deutschland gemerkt. Aber auch der EM-Titel 2016 hat uns einen Schub verliehen. So konnten wir den Abwärtstrend stoppen und uns stabilisieren.

Hanning: Dazu kommt die Strukturreform des Verbandes, die wir erfolgreich abgeschlossen haben. Weg vom Ehren- hin zum Hauptamt. Diese Professionalisierung ist Andreas Michelmann in seiner Amtszeit sehr gut gelungen. Nach dem Motto: Wer Macht abgibt, der gewinnt. Wir dürfen jetzt aber nicht zufrieden sein. Und Andreas denkt schon weiter, obwohl die WM noch gar nicht begonnen hat.

Michelmann: Wir haben den Olympiasieg 2020 in Tokio als visionäres Ziel im Blick. Dann kommt die EM der Männer 2024 im eigenen Land. Zudem ist Beachhandball voraussichtlich 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris im Programm, das würde uns als DHB die Chance auf vier Medaillen geben. Zudem kann Handball damit zu einer Ganzjahressportart werden. Von September bis Juni in der Halle und Juli/August dann am Strand. Das können wir dazu nutzen, Handball noch populärer zu machen.

Den Abstand zum Fußball verringern zu wollen, setzt eine erfolgreiche WM voraus. Wie lautet die Vorgabe des Verbandes?

Michelmann: Wir haben in der Vorrunde in Berlin fünf Heimspiele. Gesetzt den Fall, dass wir die Hauptrunde in Köln erreichen, sind das dann noch einmal drei Heimspiele. Von daher muss es unser Ziel sein, das Halbfinale in Hamburg zu erreichen.

Hanning: Wir wissen um die Drucksituation bei einer Heim-WM, aber ich will unbedingt nach Hamburg - und zwar nicht als Zuschauer. Alles andere außer das Halbfinale wäre für mich ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis. Mir ist es lieber, später zu sagen, wir haben unser Ziel nicht erreicht, als das Ziel so tief zu stecken, dass man locker rüberhüpft.

Frankreich hat Deutschland zuletzt den Rang abgelaufen. Was machen die Franzosen besser?

Michelmann: Frankreich hat uns gegenüber tatsächlich einen Vorsprung, weil sie dort schon länger auch strategisch am Erfolg arbeiten. Vor den Toren von Paris wurde gerade das sogenannte „Haus des Handballs“ eröffnet. Für 40 Millionen Euro, mit Geschäftsstelle, mit einer Sporthalle, die mit 45 Kameras ausgerüstet ist, sodass jede kleinste Bewegung eines Spielers durch die ganze Halle analysiert werden kann. Dazu kommen eine Akademie und ein Hotel. Das ist eine geniale Idee, so eine Zentrale zu bauen. Das ist Frankreichs Herz und Hirn.

Ist so ein Modell in Deutschland denkbar?

Michelmann: Schwer, denn ein Zentralstaat wie Frankreich lässt sich sportlich besser steuern als ein föderalistischer Staat wie Deutschland. Hinzu kommt erschwerend, dass wir insgesamt 22 Landesverbände haben, dazu noch einen Regionalverband. Unser Ziel ist deshalb, die Landesverbände zunächst auf 16 und dann weiter auf zwölf zu reduzieren. Es kann ja nicht sein, dass ein Land wie die Niederlande, die gerade einmal 150.000 Handballer hat, uns vormacht, wie Frauen-Handball geht.

Was kann der DHB tun?

Michelmann: Wir müssen in die Lage kommen, selber wieder stärkere Akzente zu setzen. Deshalb wollen wir, dass die DHB-Strukturreform jetzt auch in den Landesverbänden durchgesetzt wird. Wir brauchen Strukturen, die groß und stark genug sind, dass wir aus dem Verwalten bei den Landesverbänden herauskommen und dafür richtig und effektiv gestalten. Und zwar den Leistungssport und die Mitgliederentwicklung. Wir wollen quasi die Struktur des Bundesverbandes in den Landesverbänden wiederfinden. Also eine Professionalisierung, Konzentration und Verdichtung, damit wir alle in eine Richtung marschieren.

Wird es in naher Zukunft ein Haus des deutschen Handballs geben?

Michelmann: Ja, Ziel ist auch für uns eine Zentrale nach dem Vorbild Frankreichs, eine Heimat für den deutschen Handball, mit Halle, Akademie und Geschäftsstelle. Eine Basis, von der aus wir starten. Als Standort dafür kommen beispielsweise Berlin, Frankfurt oder eine Stadt an Rhein und Ruhr in Frage.

Hanning: Wir müssen uns den Aufgaben der Zeit stellen und nicht wie die Buffet-Raupen Positionen verteidigen.

Die Zuschauer können die WM vor dem Fernseher verfolgen, es gibt langfristige Verträge im öffentlich-rechtlichen TV. Wie wichtig ist das für den Handball?

Michelmann: Wir sind überglücklich, dass ARD und ZDF bei Welt- und Europameisterschaften die Rechte bis 2025 gesichert haben. Eine bessere Planungssicherheit kann es nicht geben, und eine bessere Verbreitung unserer Sportart kann ich mir im Moment nicht vorstellen.

Hanning: Der in der Tat visionäre Verkauf der Übertragungsrechte von Vermarkter Lagadère an ARD und ZDF ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt die Chance haben, den Abstand zum Fußball zu verringern. Dieser Vertag ist elementar für uns. Auch die Bundesliga-Übertragungen bei Sky sind ein großer Erfolg. Wir sind quasi ausvermarktet. Der Handball ist, wenn er erfolgreich funktioniert, nicht aufzuhalten. Wir müssen dafür sorgen, dass er sportlich reüssiert.

Mehr zum Thema:

Heiner Brand: „In dieser Mannschaft fehlen Führungsspieler“

Handball: Deutschlands Abwehr ist schon in WM-Form

Uwe Gensheimer, der Unvollendete