Reinickendorf
Industriespaziergänge

Touristen sollen Geschichte von Reinickendorf entdecken

Das Wirtschaftsarchiv bietet Industriespaziergänge durch Reinickendorf an. Damit sollen mehr Touristen kommen.

Historisches Foto des Hauptgebäudes der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) in Wittenau_1939

Historisches Foto des Hauptgebäudes der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) in Wittenau_1939

Foto: Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv

Berlin. Jeder, der an den Eichborndamm denkt, dem kommt vermutlich als Erstes das Rathaus in den Sinn. Doch jenseits der Querstraße Am Nordgraben erstreckt sich ein geschichtlich interessantes Ensemble aus Backsteinhäusern. Heute sind dort neben dem Landes- und dem Wirtschaftsarchiv mehrere Firmen angesiedelt.

Vor circa 80 Jahren war dort der Sitz der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik. „Hier war beispielsweise die Gewehrmanufaktur“, sagt Björn Berghausen, Geschäftsführer des Wirtschaftsarchivs und lässt dabei seinen Arm durch den Raum kreisen, in dem Dokumente gelagert werden. Auch Geschosshülsen für Panzer, Kugellager oder Flugabwehrkanonen wurden am Eichborndamm hergestellt – 20.000 Menschen haben dort gearbeitet. Nach dieser Zeit wurden Doppeldeckerbusse und U-Bahnen gebaut.

Solche geschichtsträchtigen Orte gibt es in Reinickendorf einige. Daher hat sich Björn Berghausen etwas überlegt. Zum einen, um den Reinickendorfern zu zeigen, was damals in ihrer Nachbarschaft los war, zum anderen, um Touristen in den Norden Berlins zu locken. „Menschen kann man gut für Geschichte begeistern, wenn man ihnen eine Geschichte erzählt“, weiß Berghausen.

„Hinter der Fassade – Industriekultur in Reinickendorf entdecken“

Die Idee, Spaziergänge unter dem Titel „Hinter der Fassade – Industriekultur in Reinickendorf entdecken“ zu bedeutenden Orten anzubieten, stand schnell fest. „Wenn man näher rangeht, dann sieht man auch mehr“, so der Fachmann. Und so erfahren die Teilnehmer nicht nur etwas über die Architektur der Fa­brikgebäude, sondern auch etwas über die Produkte und die Menschen, die hinter den Namen der Firmen stecken.

Sieben Spaziergänge sind es derzeit, vor gut einem Jahr von Senioren aus dem Ehrenamtsnetz und Arbeitslosen entwickelt worden – das Wirtschaftsarchiv arbeitet eng mit der Ehrenamtsagentur und der Agentur für Arbeit zusammen. Die ersten Informationen zu bedeutenden Orten hat der Heimatforscher Klaus Schlickeiser geliefert, die Teilnehmer sind diese Strecken dann abgelaufen, haben mehr Informationen gesammelt und Fotos gemacht. So sind die Routen entstanden.

Wie die entlang der Roedernallee im Ortsteil Reinickendorf oder auch genannt als die Straße der versteckten Champions, in der viele Weltmarktführer angesiedelt waren oder auch immer noch sind. Dort sind ein spannendes Nebeneinander von Historie und Industriekultur der Gegenwart vereint, sagt Björn Berghausen.

Die Spaziergänger erfahren dort etwas über S- und Güterbahnhof, die ehemalige Asbestfabrik, wie bei Knittex der Handstrickapparat hergestellt wurde, vieles über die Berliner Seilfabrik, eine ehemalige Margarinefabrik und die Firma Kranbecker, mit der sich Eduard Becker im Jahr 1897 an der Roedernallee Nummer 8 angesiedelt hat.

Der Grund für die Industriekultur Reinickendorfs liegt darin, dass die in Berlin-Mitte angesiedelten Firmen sich aufgrund des enormen Einwohneranstiegs zwischen 1880 und 1914 von 1,4 Millionen auf vier Millionen nicht mehr vergrößern konnten – in Reinickendorf gab es in der Zeit einen Anstieg von 15.000 auf 10.000 Einwohnern. „Viele Firmen sind hier her ausgewichen, da es die Bahnstrecke sowie den Spandauer Schifffahrtskanal bereits gab“, erklärt Berghausen. Nach und nach zogen Zulieferer nach, Siedlungen für die Mitarbeiter wurden gebaut. Ein Beispiel ist Borsigwalde als Resultat der Borsigwerke in Tegel, in denen Dampflokomotiven gebaut wurden, heute unter anderem die Menschen zum Einkaufen gehen.

Viele Firmen gingen nach dem zweiten Weltkrieg pleite, sonst würde es die geschichtsträchtigen Gebäude wohl nicht geben, weil die Firmen diese abgerissen hätten, um sich zu vergrößern. Stattdessen sind dort Wohnungen gebaut worden oder andere Firmen haben sich angesiedelt.

Virtuelle Karte

Derzeit arbeiten die Initiatoren der Spaziergänge an einer virtuellen Karte. „So bieten wir die Möglichkeit, auch alleine die Strecken abzulaufen. Angst, dass die Touristen anstatt an den Spaziergängen teilzunehmen, sich nur online informieren und nicht nach Reinickendorf kommen, hat Björn Berghausen nicht. „Ein authentischer Ort fasziniert mehr als ein virtueller Raum“, ist er sich sicher.

Die Spaziergänge werden individuell durchgeführt, einzelne Interessenten oder Gruppen melden sich direkt beim Wirtschaftsarchiv, Eichborndamm 167, unter (030) 41190698 oder mail@bb-wa.de

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