Pure Energie strahlen Constanza Macras’ Choreografien aus. Sie sind Explosionen aus Tanz, Livemusik, Theater, Mode, Film. Supernova des Tanztheater. Flamboyante Cocktails der Künste. Macras mixt Virtuosität, Unterhaltung, Ernsthaftigkeit, Trash, Humor – und von allem ist zu viel geboten. Die schiere Häufung gleichzeitiger Schauwerte verwirrt das Wahrnehmen.
Als perfekte Sinnbilder für den Turbokapitalismus könnte man Macras’ Bühnenstücke lesen, aber damit würde man ihnen nicht gerecht. Thematisch spielen Globalisierung, Megastädte, soziale Medien oder Finanzspekulation eine Rolle, ja, und international ist die Ästhetik der gebürtigen Argentinierin ohnehin. Tänzer findet sie in aller Welt, gastiert global.
Aber so showtauglich ihr Bunt-Laut-Viel auch ist – Macras’ Ansatz ist kritisch. Tanz versteht sie als politisches Instrument. Theatrale Szenen oder Filmbilder künden von Armut, Rassismus und Gewalt, von der Brutalität der Megacitys oder der Diskriminierung von Sinti und Roma. Bei kaum einer anderen zeitgenössischen Choreografin dürfen Tänzer so bei sich und ihren Fertigkeiten bleiben wie bei Macras. „Die beste Headhunterin für außergewöhnliche Tanztalente“ wurde die 48-Jährige denn auch schon genannt.
Zahlreiche Kooperationen mit Berliner Theatern
Seit 1995 arbeitet die gelernte Tänzerin und Modedesignerin in Berlin. 1997 hat sie hier ihre Kompanie TamagotchiY2K gegründet, 2003 dann die Folgetruppe DorkyPark. In der schnelllebigen Tanzmetropole gehört sie zu den Alteingesessenen. Bald hatte Constanza Macras Erfolg: War sie 2001 noch als Newcomerin zu den Berliner Tanztagen in den Sophiensaelen eingeladen, zeigte sie Teil 3 von „MIR. A Love Story“ 2002 dann schon beim internationalen Festival Tanz im August – wo in diesem Jahr „Chatsworth“ Premiere hat.
Macras hatte immer wieder Gespür für Themen und Ästhetiken. Gewohnheitsmäßig ist sie Avantgarde: Mitgeprägt hat sie den Berliner Trash-Trend der späten 90er-Jahre. Anfang der 2000er-Jahre produzierte sie wie selbstverständlich postmigrantisches Theater; da hatte das HAU sich der Thematik eben erst zugewandt, und es sollte noch dauern, bis das Ballhaus Naunynstraße und das Maxim Gorki Theater den Begriff dem Mainstream einprägten.
Nomadin ist Macras nicht nur intellektuell, sondern auch räumlich. Ihre Kompanie tourt weltweit, sie arbeitete mit Stadt- und Staatstheatern in ganz Deutschland. Kaum eine hiesige Choreografin dürfte mit so vielen unterschiedlichen Berliner Theatern kooperieren: An der Schaubühne dockte sie 2001 an, kreierte neben eigenen Stücken mit Thomas Ostermeier einen betörenden „Mittsommernachtstraum“ und arbeitet seither immer mal wieder am Lehniner Platz. Am Gorki ist sie regelmäßig zu sehen, das HAU war ein langjähriger Partner – und die Volksbühne bestärkte mit der „Rollenden Roadshow“ Macras’ Lust, in die Stadt hinauszugehen und den unterschiedlichsten Menschen zu begegnen.
Voneinander lernen, statt sich voneinander abzugrenzen
Eine Konstante in der Berliner Tanz- und Theaterszene, sah es dennoch eine Weile so aus, als würde Macras’ aus dem Spiel gedrängt. An zu wenig Bühnen konnte sie ihre Arbeiten zeigen. Eine gewisse Müdigkeit angesichts ihrer zwar hervorragend besetzten, aber thematisch wie dramaturgisch mitunter diffusen Arbeiten schien bemerkbar. Die Choreografin spricht von einem „rough patch“, einer rauen Phase. Doch Auf- und Abschwünge sind normal, und seit einiger Zeit läuft es für Constanza Macras wieder bestens.
Vielleicht liegt es daran, dass sie einen neuen Arbeitsfokus erschlossen hat: Ihre letzten beiden Stücke, „On Fire“ und „Hillbrowification“, die am Gorki herauskamen, sind in Südafrika mit dortigen Tänzern sowie Kompaniemitgliedern entstanden. Wie ein Adrenalinstoß wirkte der diverse, in südafrikanischen wie zentraleuropäischen Tanzsprachen gleichermaßen virtuos bewanderte Cast von „Hillbrowification“. Verblüffend für das hiesige Tanztheater, das bei Sasha Waltz mitunter in die kunstgewerbliche Richtung abdriftet.
Lebendige Kunstszene in Südafrika
Wie Berlin Ende der 90er-Jahre, ist derzeit Johannesburg ein Hotspot der Erneuerung: „Während Europa sich immer weiter abschottet, ist die Kunstszene in Südafrika unglaublich lebendig“, erzählt Constanza Macras beim Skype-Interview. Derzeit probt sie vor Ort, lebt und arbeitet in einem Haus mit ihrer Assistentin, der Videokünstlerin und ihrem neunjährigen Sohn. Bis spätnachts wird gearbeitet, demnächst steht die Johannesburger Vorpremiere von „Chatsworth“ an.
Leidenschaftlich bewegt Macras ihr Thema, die tanzbegeisterte indische Community in Chatsworth, einem Stadtteil von Durban. Identifikationsstiftend wirkte und wirkt für die Community von Chatsworth der Tanz. Weil sich Macras für festgelegte Identitäten aber weniger interessiert, experimentiert ihr Cast mit unterschiedlichen Tanzstilen: Manesh Maharaj, einer der lokalen Tänzer, ist in Kathak bewandert, und so lernen die DorkyPark-Tänzer Mudras, die klassischen indischen Fingerhaltungen. Umgekehrt üben sich die Südafrikaner in der zeitgenössisch-europäischen Improvisation. Voneinander lernen, statt sich voneinander abzugrenzen: Das erscheint wie eine Utopie. Mit „Chatsworth“ könnte Constanza Macras der festgefahrenen Debatte über das Eigene und Fremde einen nötigen Energiestoß verleihen.
iHAU Hebbel am Ufer (HAU1), Stresemannstraße 29, 10963 Berlin, 25.8. 21 Uhr, 26.8., 17 Uhr.


