Wo ist bloß die Bühne? Ein wenig Ratlosigkeit herrscht, wenn man auf der riesigen Wiese steht. An einer Stelle ist ein Käfig zu entdecken, ein gutes Stück weiter ein Holzthron mit Phallussymbolen, in der Ferne steht einsam eine Dusche. Hier auf dem Tempelhofer Feld sollen sich am heutigen Donnerstag Hunderte Besucher einfinden, um das neue Nachtstück „Dreamer“ des Berliner Theatermacherehepaars Bille und Stefan Behr zu erleben.
Die beiden machen so kurz vor der Premiere einen erstaunlich entspannten Eindruck. Auch als während unseres Gesprächs ein Mitarbeiter kommt und nach dem großen Hasen fragt. Zu dem Zeitpunkt wollen die Theaterleute aber noch nicht über die überdimensionale Hasenstatue und die Stummelschwanzgesellschaft reden. Fürs Foto posieren sie zunächst am Phallusthron der schwarzen Königin. Den Ort hat Autor Stefan Behr, Jahrgang 1967, aber nicht für seine Schauspielerin Bille Behr, Jahrgang 1981, vorgesehen. Sie spielt in dem 90-minütigen Stück die Mutter und herrscht gewissermaßen über den Käfig. Vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen sind in der Produktion zu erleben.
Das Ehepaar Behr leitet das Theater Anu. „Wir sind Anu“, sagt Bille Behr irgendwann. Gegründet in Heppenheim hat die Compagnie seit 2007 ihren Hauptsitz in Berlin. Zwei Jahre später wird geheiratet. „Das Theaterprojekt ist eine Herausforderung“, sagt Bille Behr: „Das muss man zusammen wollen.“ Es ist also ein Familien- und zugleich bemerkenswerter Off-Theaterbetrieb. Auf dem Tempelhofer Feld waren bereits ihre Stücke „Ovids Traum“ und „Die große Reise“ zu erleben. Insgesamt haben sie sieben Produktionen in Berlin gezeigt.
Die Behrs sind Spezialisten für poetisches Theater im öffentlichen Raum, also überall dort, wo es keine festen Bühnen gibt und eine andere Art von Fantasie gefragt ist. „Bühnen interessieren uns überhaupt nicht“, sagt Stefan Behr. „Es gibt große Open-air-Inszenierungen, und die tausend Leute stehen meist ziemlich weit weg von der Bühne. Uns hat immer interessiert, wie man es schafft, den Blickkontakt zwischen Schauspielern und Besuchern zu finden.“ Und Bille Behr fügt hinzu: „Wir machen ein Angebot ans Publikum, reichen die Hand, aber es ist kein Mitmachtheater.“
Manches wird man bei Freud nachschlagen müssen
Installationen und Performances lassen sich meist nur schwer erklären. Aber „Dreamer“ sei eine neue Konzeption, erklärt Bille Behr, „weil es ein Ensemblestück ist, in dem eine Figurenkonstellation entfaltet wird“. Es gibt tatsächlich eine Handlung, die man erzählen kann. Autor Behr versucht es und wird dabei mehrfach von seiner Frau unterbrochen, ergänzt, verbessert. Traumerzählungen machen es niemandem leicht. „Es geht um das Wilde in uns“, sagt sie. „Alles ist verknüpft mit einer philosophischen Idee, die klar durch die Szenerie durchscheint“, sagt er. Darüber hinaus muss man bei Sigmund Freud nachschlagen.
Zurück zur Handlung. Das Publikum kommt also auf die grüne Wiese und muss erleben, wie ein Dorf niederbrennt. Das ist eine Videoprojektion. „In der Mitte dieses Dorfes gab es einen uralten Turm“, sagt Stefan Behr. „In dem Turm war ein Käfig, in dem Käfig eine Bestie, die jahrhundertelang dort gehalten wurde. Jetzt ist sie ausgebrochen. Es ist klar, diese Bestie muss wieder eingefangen werden. Das Publikum geht mit den Akteuren auf die Jagd.“ Praktisch werden die Besucher in vier Gruppen aufgeteilt. Deshalb gibt es eine Obergrenze: Maximal 450 Besucher können dabei sein, insgesamt sind acht Vorstellungen geplant.
Es ist übrigens die Mutter der Bestie, die die Jagd ausruft. „Es gibt nur einen Grund, warum wir Mütter unsere Söhne jagen“, sagt Bille Behr. „Wir wollen sie vor den Wilden bewahren.“ Ihr eigener Sohn ist kürzlich zwei Jahre alt geworden. Ausgangspunkt für das Stück sei ihre Auseinandersetzung mit der Traumforschung, sagt der Autor. Als Quellen gibt er das Grimm-Märchen „Eisenhans“ an, dann kam das gleichnamige Männerbuch von Robert Bly dazu. All das ist in das Kaleidoskop, so nennen sie ihre Theaterarbeit, eingeflossen. Die beiden gehören zu jenen Theaterleuten, die für alles eine Erklärung suchen und auf viele Quellen verweisen können.
Auf der Suche nach der Magie von Orten
Stefan Behr hatte Theaterpädagogik in Bayern studiert, einiges beim peruanischen Regisseur Mario Delgado abgeschaut und ein Studienjahr am Kreuzberger Michael-Tschechow-Studio absolviert. Er betont, dass das Theater Anu kein übliches Regietheater ist, sondern die Akteure herausfordert.
Bille Behr hat Literatur- und Medienwissenschaften in Mannheim und Berlin studiert, nebenher Schauspielunterricht genommen und später sogar vier Sommer lang bei den Nibelungen-Festspielen in Worms mitgespielt. Jetzt ist sie mit ihrem Mann in ganz Deutschland unterwegs, um bei Projekten nach dem Zauber von Orten zu suchen.
Ein Projekt fand 2014 an der Edersee-Talsperre statt, am Fuße der 48 Meter hohen Staumauer. Im Spreewald machen sie alle zwei Jahre Theater. Das Publikum fährt dann an ihnen vorbei. „Das Magische ist die Lautlosigkeit der Kähne“, sagt Stefan Behr.
Tempelhofer Feld (Eingang Columbiadamm 124) Termine: 9.-12., 16.-19.8. jeweils 21,30 Uhr. Karten: 24 Euro, ermäßig 16 Euro


