Reinickendorf
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Rettung vor Zerfall: Ur-Mauer steht unter Schutz

Das Bezirksamt sichert das 80 Meter lange Stück vor der Witterung. Die Polizei kontrolliert das Gebiet regelmäßig.

Mauerfinder Christian Bormann freut sich über die weiteren Sicherungsmaßnahmen des Bezirksamtes Reinickendorfs.

Mauerfinder Christian Bormann freut sich über die weiteren Sicherungsmaßnahmen des Bezirksamtes Reinickendorfs.

Foto: Janine Richter

Reinickendorf.  Heimatforscher Christian Bormann streift mal wieder über „sein“ Areal am S-Bahnhof Schönholz. Erleichtert erzählt er vom Masterplan, wie es mit der Berliner Ur-Mauer von 1961 weitergeht. Im Februar hatte er öffentlich gemacht, dass es das Mauerstück gibt, weil es zusehends zerfiel. Kürzlich fand ein runder Tisch statt, der sich mit der Zukunft befasste.

„Ich musste erst Briefe an die Kanzlerin, Kulturministerin, den Regierenden Bürgermeister und an alle Baustadträte schreiben, bis sich etwas bewegte“, erzählt der 37-Jährige. Der Brief enthielt die Drohung, dass er im Ausland um Hilfe bitten werde, wenn das von ihm gefundene Kulturgut nicht weitreichender gesichert würde. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur ein Zaun um die Mauer gezogen worden.

An dem runden Tisch nahmen Reinickendorfs Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) und Grünflächenamtsleiter Rüdiger Zech teil. Es gab auch eine Begehung vor Ort an der Schützenstraße. Denn der Bezirk Reinickendorf ist für das 80 Meter lange Mauerstück zuständig, weil die Bezirkszuschnitte heute anders verlaufen als zu Mauerzeiten.

Das Ergebnis der Gespräche: Bevor das Gelände zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte ausgebaut werden kann, sichert das Bezirksamt die Mauer und das Areal weiter ab. Teile der Grenz-Signalanlage sind vom Bezirk schon abgebaut und eingelagert worden. Sie drohten abzustürzen. Instabile Mauerteile wurden abgestützt. Der Zaun wird einmal wöchentlich durch das Grünflächenamt kontrolliert und gesichert. „Stadträtin Schultze-Berndt hat versprochen, sich um die Beantragung des Europäischen Kulturerbe-Siegels zu kümmern“, sagt Bormann.

Mauerteile sind Glücksbringer für Koreas Wiedervereinigung

Das Amt reagiere jetzt vorbildlich. „Sie haben sogar schon erste Pfeiler für das Wellblechdach gesetzt“, erklärt Bormann mit Blick auf seinen Fund. Das Dach soll die Mauer künftig vor Verwitterung schützen. Auch über eine gesamte Verkleidung der Mauer werde nachgedacht, damit der Regen nicht die Steine ausspült. Diese Sicherungsmaßnahmen hätten derzeit „höchste Priorität“, heißt es dazu aus dem Bezirksamt Reinickendorf.

Der Zaun hält, wie Christian Bormanns beobachtet hat, provisorisch Mauerspechte und Diebe fern. Doch lange Zeit war das Areal von Seiten der Polizei ein weißer Fleck auf der Landkarte und wurde nicht kontrolliert. „Das war ein Problem. Denn nachdem der Fund in der Welt bekannt wurde, ist das so ausgeartet, dass hier Südkoreanerinnen mit verstärkten Fahrrädern und Körben mehrmals am Tag angeradelt kamen und Mauerteile einluden, um sie zu verticken. Denn das sind jetzt Glücksbringer für die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea“, erzählt Bormann.

Doch ein Anruf bei der Polizeipräsidentin habe genügt. Nun kontrolliert die Polizei der Direktion 1 wenigstens das Grundstück in unregelmäßigen Abständen, wie die Pressestelle bestätigt. „Die hätten sonst die Mauer Stück für Stück abgetragen“, sagt Bormann. Nach seinen Schätzungen pilgern bis zu 1000 Menschen im Monat zur Ur-Mauer, um sie anzuschauen. Auch auf Google Maps ist das Mauerstück seit wenigen Tagen als „Berlin Wall“ eingetragen, sodass nun auch die letzten Interessenten das Denkmal im Dickicht finden werden.

Das Bezirksamt konnte in der Zwischenzeit klären, wem das Mauergrundstück gehört. Die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) ist der Eigentümer. „Gegenwärtig bemüht sich das Bezirksamt um die Rückübertragung des Grundstückes“, bestätigt eine Sprecherin. Laut Bormann soll spätestens im Oktober, nach Ablauf der Vogelschutzzeit, der Wildwuchs auf dem gesamten Gelände gerodet werden. „Sobald das Grundstück komplett beräumt ist, lässt sich auch wieder alles sortieren und Stein für Stein aufmauern.“

Das Bezirksamt hat bisher noch kein konkretes Konzept für eine spätere Nutzung des Areals erarbeitet. Es geht laut Sprecherin davon aus, dass die Fläche „im Entwicklungskonzept Mauergrünzug“ enthalten ist. Laut Senat sei das Mauerstück seit März 2018 in die Denkmalliste Berlins eingetragen. Das Landesdenkmalamt betonte den „Seltenheitswert und die außergewöhnliche Authentizität des vermutlich ältesten Abschnitts der Berliner Mauer“. Laut vorliegendem Schriftstück habe die Stiftung Berliner Mauer die Absicht, den Mauerabschnitt in das „Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer“ mitaufzunehmen.

Gedenkstättenkonzept nicht einfach erweiterbar

Die Sprecherin der Stiftung, Gesine Beutin, stellt indes klar, dass das Gedenkstättenkonzept 2006 vom Abgeordnetenhaus verabschiedet worden sei und nicht einfach erweitert werden könne. „Aber unsere Stiftung wird sich gerne an Gesprächen beteiligen und daran mitwirken, diesen Fund nachhaltig zu sichern und zugänglich zu machen“, sagt sie. Man wisse bisher nichts über die Pläne des Bezirks, stehe aber mit dem Landesdenkmalamt in Kontakt.

„Aus unserer Sicht muss es nun darum gehen, eine Strategie zu erarbeiten, wie dieses Denkmal langfristig erhalten werden kann, ob und in welcher Form man es vermitteln möchte. Dabei gibt es eine ganze Reihe offener Fragen zu diskutieren, und dabei bringen wir unser Know-how gerne ein. Das wird aber sicherlich ein längerer Prozess.“

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