Mit leuchtenden Augen klettert Heimatforscher Christian Bormann auf sein Fundstück. „Die Mauer wurde offiziell beräumt. Dass sie hier noch steht, wusste keiner“, erzählt der 37-Jährige. Bereits vor 18 Jahren hatte er das Mauerstück gefunden. Der Zustand sei seitdem immer derselbe geblieben. Doch seit dem letzten Winter verfalle dieses Stück Geschichte zusehends, und er sehe nun dringend Handlungsbedarf. „Die Teile der Mauer kippen langsam ab. Ich wäre stolz, wenn ich die Anlage retten und sichern könnte.“ Am Donnerstag treffe er einen EU-Parlamentarier und versuche, an Fördergeld zu kommen.
Mauer wurde einfach vergessen
Drei Jahre lang hat er in historischen Aufzeichnungen recherchiert, ob es ein Original-Mauerstück ist. „Ich habe jedes einzelne Bauteil abgeglichen und bin mir sicher.“ Für den Bau der ersten Generation der Mauer habe die DDR-Führung damals häufig bestehende Gebäude oder Mauern in die Sperranlagen miteinbezogen. „Die Mauer wurde hier auf den Resten der Außenmauern der Wohnhäuser Schützenstraße aufgemauert“, erklärt er. Die Häuser waren bei einem Angriff auf den Bahnhof Schönholz im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Bormann ist sich sicher, dass das 80 Meter lange Mauerstück am 13. August 1961 entstand und bis heute auf dem Grundstück nahe der Schützenstraße und des Bahnhofs stehen blieb. „Beim Beräumen der Mauer wurde die Anlage nicht mehr als Grenzstreifen angesehen, und man hat daran vorbeigeräumt“, sagt er.
„Das ganze Areal ist einzigartig“
Vielleicht gehört das Grundstück zu Pankow, vielleicht zum Reinickendorfer Bahngelände. Auch Christian Bormann weiß es noch nicht. Das Bezirksamt Pankow kläre gerade die Eigentumsrechte für das Grundstück. Auf jeden Fall steht das Mauerstück auf dem einstigen Grenzverlauf zwischen Ost und West. „Für mich ist das eine kleine, historische Sensation, auf die ich all die Jahre aufgepasst habe. Beide Bezirke können sich ja die Steine teilen“, scherzt er. Bei einem Spaziergang erläutert er akribisch, wo Teile der alten Stacheldrahtanlage montiert, wo Melde- und Signalanlagen und sogar noch Drähte im Original vorhanden sind. „Das ganze Areal ist einzigartig und so, wie wir es von den ersten Bildern des Mauerbaus kennen.“
Seit Bormann 14 Jahre alt wurde, ist er in den Ruinen Pankows unterwegs und sammelt seine „Zeitkapseln“, wie er die geschichtlichen Funde nennt. Seit 2014 betreibt er den Blog „pankowerchronikdotde.wordpress.com“, wo er seinen Mauerfund zuerst meldete.


