Reinickendorf
S-Bahnhof Schönholz

Denkmalschutz für die Mauerreste in Reinickendorf

Der Bezirk will den 80 Meter langen Abschnitt als Lernort erlebbar machen – und dies mit EU-Mitteln finanzieren.

Heimatforscher Christian Bormann hatte bereits vor 18 Jahren das Stück der Berliner Mauer in Reinickendorf entdeckt

Heimatforscher Christian Bormann hatte bereits vor 18 Jahren das Stück der Berliner Mauer in Reinickendorf entdeckt

Foto: Janine Richter / BM

Berlin.  Jetzt ist es amtlich. Berlin ist um einen geschichtsträchtigen Ort reicher. Der von Heimatforscher Christian Bormann entdeckte, 80 Meter lange Abschnitt der Berliner Mauer gegenüber dem S-Bahnhof Schönholz wird unter Denkmalschutz gestellt. Das Landesdenkmalamt werde entsprechende Schritte einleiten, teilte Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Montag mit. Damit revidierte die Behörde ihre erste Einschätzung. „Es dokumentiert, wie in der ersten Zeit des Mauerbaus vorhandene Strukturen für die schnelle Absperrung der Grenze genutzt wurden“, sagte Lederer. Diese Bauphase sei sonst an keiner Stelle mehr in Berlin authentisch überliefert.

Bormann hatte, wie berichtet, das Mauerstück bereits vor 18 Jahren gefunden, aber dies erst vor zwei Wochen bekannt gemacht. „Die Mauer wurde an dieser Stelle eigentlich offiziell beräumt“, erzählte der 37-Jährige. Der Zustand sei in den letzten Jahren immer unverändert geblieben, doch seit dem letzten Winter kippten manche Mauerteile ab. Der Hobby-Forscher sah dringend Handlungsbedarf. Er zweifelte nie daran, dass die Mauer echt ist. Drei Jahre lang hat er in historischen Aufzeichnungen recherchiert, um das zu belegen. „Ich habe jedes einzelne Bauteil abgeglichen.“

Bormanns Recherchen von Fachleuten bestätigt

Seine Recherchen wurden nun von Senatsfachleuten bestätigt. Für den Bau der ersten Generation der Mauer habe die DDR-Führung in den 60er-Jahren die länger bestehende Grundstücksmauer aus Ziegelsteinen in die Sperranlagen integriert, erhöht und zusätzlich mit Sperrelementen versehen, hieß es von der Senatsverwaltung für Kultur. So sollten Fluchten von DDR-Bürgern in den Westen verhindert werden. „Die Mauer wurde hier auf den Resten der Außenmauern der Wohnhäuser Schützenstraße aufgemauert“, erklärte Bormann. Die Häuser waren bei einem Angriff auf den Bahnhof Schönholz im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

Ob der Abschnitt schon beim Mauerbau am 13. August 1961 oder erst in den Tagen darauf Teil der Sperranlagen geworden ist und damit das letzte erhaltene Stück „Ur-Mauer“ darstellt, ist nach Angaben des Landesdenkmalamtes und der Berliner Mauer-Stiftung aber noch offen. Christian Bormann ist hingegen davon überzeugt.

Mittlerweile ist auch geklärt, welcher Bezirk für den neuen Mauerfund zuständig ist. Die Ziegelmauer lag bis 1988 auf DDR-Gebiet im heutigen Bezirk Pankow und kam dann im Zuge einer Grenzbegradigung zum Bezirk Reinickendorf im damaligen Westteil Berlins. Das sei auch der Grund, warum sie nach der Wiedervereinigung trotz umfangreicher Forschungen zum Mauerverlauf in Vergessenheit geriet, schrieb die Senatsverwaltung. „Man hat einfach nach der Wende daran vorbeigeräumt“, bestätigte Bormann.

Die Anerkennung seines Fundes macht den Pankower Heimatforscher „sauglücklich“. Seinem Hund habe er zur Freude des Tages eines extragroße Bulette spendiert. Den Fund zu sichern, war sein großes Herzensanliegen. Hinter ihm liegen turbulente Wochen. Ihm schlugen viele Zweifel entgegen. Er wurde als Lügner, der nur berühmt werden wolle, beschimpft. Zudem verlor er seinen Job, erzählte er der Berliner Morgenpost. Fast jeden Tag gab er Interviews für Kamerateams und Journalisten aus aller Welt am Fundort. Oft musste er sich rechtfertigen. „Dass ich jetzt bestätigt werde, macht mir Gänsehaut und nimmt mir enormen Druck. Es ist eine Generalamnestie“, sagte er. „Ich habe schon mein Ansehen und meine Nachforschungen vernichtet gesehen.“

Der einzige Politiker, der ihm bisher bei seinem Anliegen geholfen und vor Ort getroffen habe, sei Arne Gericke, Europaabgeordneter der Freien Wähler gewesen. Er sieht in dem Mauerfund ein „geschichtliches Dokument von europäischem Rang“ und setzt sich dafür ein, dass das Mauerstück EU-Kulturerbe wird und damit das Siegel „European Heritage Label“ erhält, schreibt er auf seiner Facebookseite. Das Siegel wurde bisher nur 29 Stätten weltweit verliehen, darunter der Kaiserlichen Hofburg in Wien. „Dann könnte EU-Geld fließen, die Mauer gesichert und zugänglich gemacht werden“, sagte Bormann.

Bezirk stellt Zaun zum Schutz vor „Mauerspechten“ auf

Angesichts zahlreicher Pilger, die die Mauer jetzt in Reinickendorf besuchen, handelte das Bezirksamt Reinickendorf vorsorglich. „Um ,Mauerspechte‘ zu verhindern, die die Mauer beschädigen, haben wir einen provisorischen Bauzaun aufstellen lassen“, sagte die zuständige Kultur- und Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). Sie freut sich über den Fund in ihrem Zuständigkeitsbereich. „Wir haben immer Interesse daran, historische Orte zu bewahren und erlebbar zu machen.“ Sie könne sich gut vorstellen, dass man einen „authentischen Lernort“ für Schüler daraus mache. Dabei könne das EU-Geld vielleicht helfen. „Sobald die Eigentümerrechte des Grundstückes geklärt sind, braucht es ein Treffen von Fachleuten des Bezirks und Senates mit Herrn Bormann und Historikern. Das wird unsere nächste Aufgabe.“

Christian Bormanns Traum ist, die Mauer mit anderen, historischen Funden in der Schönholzer Heide zu einer großen Begegnungsstätte zu vereinen. In der Heide, auf dem Gelände des ehemaligen Luna Park (Nachfolger vom Traumland), befänden sich ein Bunker des Zwangsarbeiterkomplexes „Luna Lager“aus dem Zweiten Weltkrieg und zwei alte Geschütztürme, die auch schützenswert seien. Gerne würde er an einem Gesamtkonzept mitarbeiten.

Zu den Touristen, die zur Mauer pilgern, gehört auch Reinhard Worch. Er war mit seinem Sohn Hagen und den zwei Enkelinnen Nala und Janna hierhergekommen und schwelgte in Erinnerungen. „Für uns ist der Tag des Mauerfalls ein Tag, der tief in unseren Lebenslauf eingebrannt ist und da wollte ich sie einmal zeigen“, sagt der 72-Jährige. Die Familie, die jetzt in Zürich wohnt, macht gerade in Berlin Urlaub. „Ich finde die Tatsache verrückt, dass man mitten in Berlin ein solches, nicht erfasstes Juwel findet“, sagte Hagen Worch. Beide wünschen sich, dass die Mauer als Gedenkstätte erhalten bleibt. In Zeiten neu gebauter Mauern in der ganzen Welt, sei dieses Mahnmal wichtiger denn je.

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