Zirkeltag

Eine Zukunft ohne Mauer: An diesem Montag ist Zirkeltag

Am Montag steht die Berliner Mauer genauso lange nicht mehr, wie sie die Stadt geteilt hat. Eine Bestandsaufnahme zum Zirkeltag.

Zirkeltag

Zirkeltag

Foto: Getty Images / Hagens World Photography

Es war vor etwa zehn Jahren, als ein Schlacks ehrfürchtig zur Decke unserer Schöneberger Altbauwohnung blickte und murmelte: "Sind die Zimmer hier alle so ...?" So? So was? Was meinte der Junge? So nachlässig renoviert mit dem dutzendfach übergepinselten Ex-Stuck? Nein, es waren die mehr als drei Meter hohen Decken, die den jungen Besucher beeindruckten. Unser Sohn ging damals in Hohenschönhausen zur Schule. Manche seiner Klassenkameraden waren in der Ost- Berliner "Platte" aufgewachsen, wo die Raumhöhe nun mal etwas niedriger ausfällt, was den Vorteil hat, dass mehr Stockwerke übereinanderpassen.

"Ach ja, die Ossis", dachten wir West-Berliner mit jener milden Marktwirtschaftsarroganz, die bisweilen mit leiser moralischer Überheblichkeit gekontert wird. Und wieder waren wir in dieser ebenso bequemen wie dämlichen Denkfalle gelandet: Ost/West, die/wir, gut/böse. Der Mauerbau hat zwei, drei Generationen von Deutschen eine Polarität in den Kopf betoniert, die zäh über den Zirkeltag am morgigen Montag hinaus lebt: Wir Altbau, ihr Platte. Ihr Doping, wir nicht. Trabi gegen Golf. Ihr Gefangene des Systems, wir freie Demokraten. Hier funktioniert's, drüben nicht.

Polarisieren, auch "Morbus Trump" oder das "Von-Storch-Syndrom" genannt, ist sexy, aber falsch. Auch im Westen standen wuchtige Wohnsiedlungen, übrigens weitaus besser als ihr Ruf, und im Osten Altbauten. Es gab keinen Ost-West-Zusammenprall in unserer Wohnung, sondern eher einen sozial-kulturellen, der in Duisburg, Leipzig oder München ebenso hätte geschehen können: Kind aus Hochhaus trifft Kind aus Altbau. Da begegnen sich nicht besser/schlechter, richtig/falsch, sondern einfach andere.

Zirkeltag: Ich hatte immer Angst, dass ich da bleiben muss

Als Carola Wozniak ein Baby war, wäre ihre Mutter am Tag des Mauerbaus fast nicht mehr in den Westen zurückgekommen.
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Leider liebt unser Gehirn das schubladenhaft Einfache. Schwarz und Weiß sind schnell und scheinbar zuverlässig einzuordnen. Dummerweise werden Entweder-oder-Merkmale der Realität fast nie gerecht. Geht es wirklich um Ost gegen West? Nein, entscheidend ist, wer ein anständiger Mensch ist. Ureinwohner gegen Neue? Nein. Wichtig ist, wer Regeln achtet. Mann gegen Frau? Nein, Lernbereite gegen Betonköpfe. Hertha gegen Union? Unsinn. Union ist ein klassischer Robin-Hood-Verein wie St. Pauli, Freiburg, Mainz, und den Fans egal, welche Liga, welcher Rang. Hertha dagegen ist der Prototyp des erfolgsabhängigen Klubs wie Stuttgart, Frankfurt, Leipzig wo der Zuspruch eher von Siegen abhängt. Die beiden großen Berliner Klubs sind nicht Gegner, sondern Fußballgeschwister, die sich einfach anders entwickelt haben.

So ist es mit den Berlinern auch. Ost und West wird als Unterscheidungsmerkmal maßlos überbewertet. Denn unsere Gene haben sich in den vergangenen 57 Jahren ebenso wenig auseinanderentwickelt wie unsere Bedürfnisse. Die Guten sind sich viel näher als sie denken, und die anderen auch. Ob Karlshorst oder Reinickendorf, so ziemlich alle Bewohner dieser Stadt wollen ihr Auskommen, Sicherheit, Zusammenhalt, Zuversicht, schnelles Internet und Respekt. Eben den aber haben wir im Westen, so viel Ehrlichkeit muss sein, nicht immer gezeigt. Mauerbau und -fall hat den Menschen im Osten unterm Strich eine höhere Anpassungsleistung abverlangt; teilungsbedingte Lebensbrüche gab es überall, sie fielen für ehemalige DDR-Bürger aber naturgemäß heftiger aus. Einige haben die neuen Möglichkeiten genutzt und sind Bundeskanzlerin geworden. Andere haben hart und manchmal vergeblich um Arbeit und Sicherheit, Zusammenhalt und Zuversicht gerungen, während Westler schon über den Soli stöhnten, den übrigens alle gezahlt haben.

Während wir Berliner aus alter Gewohnheit auf den Mauerstreifen starren, zerteilt sich die Gesellschaft dramatischer, als es der Todesstreifen je geschafft hat. Immer feinere Polaritäten verwandeln die ehemalige Mehrheitsgesellschaft in 82 Millionen atemlose Hyperindividualisten, jede/r mit Diskriminierungsanspruch. Diese "Gesellschaft der Singularitäten" wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz nennt, ist kaum noch steuerbar wie Berlins Drei-Parteienregierung beweist. R2G bedient viele ihrer hoch spezialisierten Fanklubs, was den Bedürfnissen der Mehrheit aber nur noch zufällig entspricht.

Ein frommer Wunsch für den 4. Mai 2046, wenn ein schlauer Rechner den Doppelzirkeltag ausruft: Bis dahin haben die Berliner, als Vorbild für ganz Deutschland, den Blick geschwenkt; weg von trennenden Kleinigkeiten, hin zu gemeinsamen Zielen. Nur wenn viele fordernde Ichs und ein starkes Wir harmonieren, gibt es eine Zukunft ohne Mauern.

Die Berliner Morgenpost veröffentlicht zum Zirkeltag in der heutigen Ausgabe eine achtseitige Sonderbeilage. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg berichtet rund um den Tag in seinen Programmen von TV, Radio und online.

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