Fluchtversuch aus der DDR

Wie die Mauer ein Baby für elf Jahre von den Eltern trennte

Angelika Weinstein und ihr Mann waren unterwegs im Wedding - dann wurde die Grenze geschlossen und die kleine Tochter unerreichbar.

Liane Weinstein und ihre Mutter Angelika waren durch die Mauer über Jahre getrennt

Liane Weinstein und ihre Mutter Angelika waren durch die Mauer über Jahre getrennt

Foto: David Heerde

Berlin. Ein Mauertunnel in Mitte wurde bei Kanalarbeiten der Berliner Wasserbetriebe gefunden, ein archäologischer Experte gerufen, der den Tunneleingang für echt befand – Mitte Januar stand die Geschichte vom Fluchttunnel am Mauerpark in allen Zeitungen, auch in der Berliner Morgenpost.

Carl-Wolfgang Holzapfel, einer der ehemaligen Tunnelbauer, erzählte dann die Geschichte dahinter. Der Tunnel wurde 1963 gebaut, um eine Familie wieder zusammenzuführen, die am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, getrennt worden war. Während Angelika und Gerhard Weinstein damals gerade in Wedding ihre erste Wohnung als Ehepaar renovierten, hatten sie ihr Baby Liane, keine drei Monate alt, übers Wochenende bei den Großeltern in Prenzlauer Berg gelassen. Am nächsten Morgen wollten sie die Tochter abholen. Doch am nächsten Morgen war alles anders. Ost-Berlin war abgeriegelt, das Kind unerreichbar.

Die verzweifelten Eltern kamen an ihr Kind nicht mehr ran. 1963 beschloss Vater Weinstein, einen Tunnel zu graben. Durch ihn wollte man Liane samt Großeltern nach West-Berlin holen, andere schlossen sich an. 80 entscheidende Meter zwischen West und Ost, Ziel war ein Keller in der Eberswalder Straße 1. Man war schon fast drüben angekommen, es fehlten nur noch wenige Meter, da flog der Tunnelbau im Sommer 1963 auf. Alle 20, die darüber fliehen wollten, wurden verhaftet – auch Lianes Großeltern. Was wurde aus Liane, dem Baby von damals? Wie ging es weiter?

„Ich liebe sie. Aber nicht so wie eine Mutter“

Wer glaubt, das mit der Mauer sei doch ewig her, verstaubte Historie, der muss nur Liane Weinstein kennenlernen, die heute, seit ihrer Heirat, einen anderen Nachnamen trägt. Im Juli 1961 kam sie zur Welt, jetzt ist sie 56 Jahre alt. Eine attraktive blonde Berlinerin, sie arbeitet schon lange im öffentlichen Dienst in Mitte und hat drei erwachsene Kinder. Eine Frau, die mitten im Leben steht.

„Meine Mutter“, sagt sie, während wir in einem Café am Lietzensee sitzen, „ich liebe sie. Aber nicht so wie eine Mutter.“ Sie sagt diesen Satz, während neben ihr diese Mutter sitzt – Angelika Weinstein. Und die nickt bestätigend. Beide schauen hilflos.

Dies ist das Leben von ganz normalen Berlinern, die von der Geschichte überrollt wurden. Die zu viel Schicksal erlebt haben. Und bei denen durch die deutsche Teilung etwas unwiederbringlich zerstört wurde – eine intakte Familie. Alle Beteiligten bemühen sich, die Bruchstücke wieder zusammenzusetzen. Aber es kann nie wieder ganz heil werden.

Irgendwann knüppeln die Polizisten auf die Leute am Grenzübergang ein

„Wir wollten sie, wenn wir fertig sind mit der Renovierung, am späten Nachmittag abholen. Dann habe ich das Radio angemacht“, beginnt Angelika Weinstein zu erzählen. Der Sowjetsektor ist abgeriegelt, von West-Berlin aus nicht mehr erreichbar. „Wir sind hin zur Bernauer“, erzählt sie weiter, und jetzt beginnt die heute 75-Jährige zu weinen. Soldaten, Polizei, eine aufgebrachte Menge. Viele wollen eingreifen, sind empört. Irgendwann knüppelten die Polizisten auf die Menschen ein. „Da bin ich nach Hause gegangen. Es hatte sowieso keinen Sinn.“

Zu Hause, das ist jetzt Berlin-Gesundbrunnen. Westen. Die einzige Beruhigung – Liane, die kleine Tochter, ist im Ostteil gut aufgehoben bei den Großeltern, den Eltern von Angelika.

Tochter Liane holt ein Paket Taschentücher raus, reicht es ihrer Mutter. Sie haben ihre Geschichte noch nie öffentlich erzählt. Lange wollte auch Liane nichts davon wissen. „Als es noch ganz frisch war, wolltest du nie davon hören“, sagt Angelika. „Mir hat es einfach wehgetan, Mama. Da habe ich abgeblockt“, antwortet Liane.

Die Tochter solle es besser haben, nicht von der Mauer eingesperrt

Im Sommer 1961 haben die Eltern Weinstein noch die Hoffnung, dass alles nur vorübergehend ist. Doch die Monate ziehen sich. Und alle Versuche, Liane auf legalem Weg herauszuholen, scheitern.

Da kommt die Idee mit dem Tunnel. Es ist der Einfall von Gerhard Weinstein. „Er war die treibende Kraft, er hat fest daran geglaubt“, erinnert sich Angelika Weinstein an diese Zeit. Sie selbst war ängstlicher. „Ich habe immer gedacht – wenn das schiefgeht und sie schießen.“

Man muss verstehen, was Gerhard Weinstein getrieben hat. Er hatte selbst eine schreckliche Kindheit hinter sich. Als jüdischer Junge, 1932 in Berlin geboren, überlebte er den Nationalsozialismus nur, weil er in der Landesanstalt Görden versteckt wurde – einer großen, berüchtigten Psychiatrie. Niemand kümmerte sich um ihn, nach dem Krieg, 1945, lebte er zwar noch, aber war ein 14-jähriger Analphabet. Eine Schule hatte er nie besucht. Seiner Tochter Liane soll es besser gehen. Sie soll in Freiheit aufwachsen. Nicht von einer Mauer eingesperrt.

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Die Besuche bei der Tochter in der DDR waren wie Weihnachten

Nach dem Tunnelverrat werden die Großeltern verhaftet. Liane kommt ins DDR-Kinderheim Königsheide. Zwei Jahre ist sie alt. Erinnern kann sie sich daran kaum, nur, dass es ihr sehr schlecht ging. Das Mädchen hört auf zu essen, trinkt kaum. Die Großeltern sind ohnmächtig – Opa sitzt in Rummelsburg ein, Oma in Hoheneck. Am Ende ist es die resolute Urgroßmutter, die Liane aufspürt und zu sich holt.

„Ach meine liebe Omi, Du kannst Dir gar nicht denken, wie tief ich das alles bereue. Ich habe Euch damit nur unglücklich gemacht“, schreibt Angelika im Januar 1964 ihrer Großmutter. „Ich war noch sehr jung“, sagt sie heute. Gerade 20.

Ab 1964 wird alles besser. Die Großeltern werden aus der Haft entlassen, Liane lebt nun bei ihnen. Ab und zu schaut die echte Mutter vorbei, dank eines westdeutschen Ausweises, ausgestellt auf einen falschen Namen. Im Kalten Krieg eine nicht untypische Praxis. Wie Weihnachten seien diese Besuche gewesen, sagt Liane heute. Trotzdem, eine echte Nähe kann so nicht entstehen. Dafür waren die Besuche zu selten. Angelika versucht weiterhin, ihre Tochter zu sich zu holen. Antrag auf Antrag. Die Ehe mit Gerhard Weinstein ist da schon zerbrochen.

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Die Koffer stehen schon gepackt im Flur

Und dann, 1972, ist es so weit. Willy Brandt hat Bewegung in die Ostpolitik gebracht, es ist das Jahr des Grundlagenvertrages. Liane darf ausreisen, die Entscheidung trifft völlig überraschend per Telegramm ein. Jetzt muss es ganz schnell gehen, innerhalb weniger Stunden. „Ich bin von der Schule gekommen, die Koffer standen im Flur und Opa war leichenblass“, erzählt Liane. „Ich wurde abgeholt.“ Mutter Angelika ist da, aber was hilft es? Ihre Eltern, so empfindet Liane bis heute, sind die Großeltern. Die lässt die Elfjährige jetzt im Stich.

Was ein so langersehntes Glück war, es will sich nicht einstellen. Wenige Stunden später fahren Mutter und Tochter mit dem Auto durch West-Berlin. Es ist hell, viel heller als im Osten findet Liane. Aber sie will wieder rüber, nach Hause. Auch zum Vater findet sie keinen Draht, er auch nicht zu ihr. Sie sieht ihn nur zwei, drei Mal. In der neuen Schule wird sie als „Zoni“ gehänselt.

Es ist bewundernswert, wie die Familie versucht, zusammenzubleiben. Trotz allem. Seit zehn Jahren hat Liane regelmäßigen Kontakt zum Vater, Gerhard Weinstein, dem es nicht mehr sehr gut geht. Sie sorgt für ihn. Und die Großeltern? Sie konnten 1979 ausreisen. Allerdings starb der Großvater während der Ausreise auf dem Bahnhof Friedrichstraße am Herzinfarkt.

So viele gebrochene Herzen, so viel Schicksal. Haben sie mal darüber gerätselt, warum ausgerechnet sie so viel Schicksal aushalten müssen? Beide nicken. „Ja“, sagt Liane. Eine Antwort haben sie noch nicht gefunden.

Bislang werden Kinder wie Liane, deren Eltern politisch verfolgt wurden und die deshalb ins Heim kamen, nicht als Opfer anerkannt. Offen ist, ob die nächste Regierung daran etwas ändert. Dann wäre eine regelmäßige Opferrente von 300 Euro im Monat möglich

Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Version des Textes hatten wir in der Überschrift geschrieben, dass Eltern und Kind 28 Jahre getrennt gewesen seien. Es waren nur elf Jahre. Wir haben dies korrigiert und bitten den Fehler zu entschuldigen.

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