Von außen eher unaufdringlich klassizistisch, ist die in Weiß gehaltene, langgestreckte Tegeler Humboldt-Bibliothek innen ein wahrer Augenöffner mit beeindruckender Architektur. Die 90 Meter lange Halle mit spektakulärer Dachkonstruktion ist einmalig: Das äußere Tonnengewölbe verweist mit sichtbaren Stahl- und Betonpfeilern auf die industrielle Vergangenheit des Hafengeländes, auf dem die Bibliothek steht. Von innen ist das Dachgewölbe holzgetäfelt. Claudia Arndt arbeitet seit sechs Jahren hier, gerät aber noch jeden Tag ins Schwärmen. Für sie steht fest: „Ein Besuch lohnt immer. Die Architektur erinnert mit der dreischiffigen Halle an Kirchenbauten, spielt aber auch an den Regalen mit Barockelementen, die man von alten Bibliotheken kennt.“
Entworfen wurde die Zentralbibliothek des Bezirks Reinickendorf von US-Stararchitekt Charles Moore im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Berlin 1984-1987. Seit der Eröffnung 1989 nutzen bis zu 1500 Leser täglich die Bücherei, die als Juwel der Postmoderne aber auch überregionale und internationale Besucher anzieht. „Gerade hatten wir eine Gruppe von Architekturstudenten aus Stuttgart hier. Sie waren der Meinung, die Humboldt-Bibliothek altert mit Charme“, sagt Claudia Arndt stolz, die für Interessierte auch Führungen durch die Bücherei anbietet.
Die großzügigen Glasfronten und die Galerien rings um die Halle lassen den Raum federleicht wirken. „Ein imposanter Bau. Dennoch fühlt man sich wohl. Wir haben sogar einen funktionsfähigen Kamin und einen Steinway-Flügel“, verrät die 58-Jährige und verweist damit auf einen Gemütlichkeitsfaktor, der von vornherein für eine weitere Form der Nutzung eingeplant war. „Von Beginn an ist die Humboldt-Bibliothek ein Ort der Begegnung und ein kultureller Treffpunkt“, so Claudia Arndt. Die Diplom-Bibliothekarin ist nicht nur Lektorin für Belletristik, Hörbücher und den Kunstbereich, sie ist auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Autoren lesen aus ihren Büchern, Künstler stellen ihre Werke aus
In diesem Rahmen organisiert sie auch das breitgefächerte Kulturprogramm des Hauses. Mehr noch: Sie sorgt auch für eine derart angenehme Durchführung der Veranstaltungen, dass es zahlreiche Wiederholungstäter unter den Besuchern gibt. Daran ist sicherlich nicht nur das vorzügliche Catering Schuld. Denn wo gibt es schon im öffentlichen Raum die Möglichkeit, nach einer Lesung bei Wein und kleinen Snacks ganz ohne Zeitdruck noch mit dem Autor zu plaudern? „Ich habe die Schlüsselgewalt“, sagt Claudia Arndt lachend. Für sie ist es ganz normal, dass eine Veranstaltung nicht mit dem Schlusspunkt endet, sondern in angeregten Gesprächen vor Ort fortgeführt wird. Mit Open End. Selbst, wenn es unter der Woche mal bis nach Mitternacht dauert.
Für die Bibliothekarin geht es darum, den Reinickendorfern, und darüber hinaus natürlich auch allen anderen Berlinern, ein gutes kulturelles Angebot zu machen. „Wir sind schließlich verkehrstechnisch hervorragend angebunden“, sagt sie. Für die Veranstaltungen greift sie gern auf ihr gutes Netzwerk zurück aus internen Mitarbeitern, der bezirklichen Volkshochschule, Verlagen, Schriftstellern und Künstlern.
Dass sie neben ihrer intensiven Arbeit mit Büchern einmal die Aufgaben einer Kulturmanagerin übernehmen würde, hätte die 1957 im niedersächsischen Salzgitter-Bad geborene dreifache Mutter wohl nicht gedacht. Nach dem Studium an der Freien Universität arbeitete Claudia Arndt im Buchhandel, später in der rollenden Grundschulbibliothek im Wedding, einem zwölf Meter langen Bus. Nach der Geburt ihres dritten Sohnes 1991 studierte sie ab 1994 noch Skandinavistik, bevor sie drei Jahre später in den Bibliotheksbereich zurückkehrte. Seit 2010 arbeitet sie in der Humboldt-Bibliothek.
Roman-Novitäten des Frühjahrs, frisch von der Leipziger Buchmesse
Das Programmkonzept hat sie von ihrer Vorgängerin übernommen: „Was es an Medien bei uns gibt, spiegelt sich in den Veranstaltungen.“ Unter den rund 130.000 Medien finden sich neben DVDs, Hörbüchern und Musik-CDs, Spielen, Comics und Zeitschriften selbstredend jede Menge Literatur, die Stoff für verschiedensten Events bietet. Dabei setzt Claudia Arndt auch neue Akzente. Etwa mit der Vorstellung von Roman-Novitäten des Frühjahrs, frisch von der Leipziger Buchmesse. Unter dem Titel „Von Leipzig bis Berlin“ stellt die Bibliothekarin am 7. April gemeinsam mit je zwei Kolleginnen und Auszubildenden brandneue Lektüre vor. „Die große Kunst für uns ist es, dabei die Balance zwischen Schmökern und literarischem Anspruch zu finden. Das ist die Bandbreite, die unser Publikum wünscht“, weiß Claudia Arndt.
Am Abend zuvor wird die streitbare Autorin Karen Duve zu Gast sein, die in der Reihe „Lesezeichen“ aus ihrem neuen Roman „Macht“ liest. Daneben veranstaltet die Bücherei noch eine weitere regelmäßige Reihe, den „Reinickendorfer Dialog“. Der Förderverein für Deutsch-Französische und internationale Beziehung lädt wieder am 12. April zu Gespräch und Diskussionen ein.
In der variabel nutzbaren und bestuhlbaren Halle finden sogar Preisverleihungen statt. Die schönen Räumlichkeiten werden überdies auch für Kunstausstellungen genutzt. Aktuell stellt der polnische Künstler Jurek Kozieras seine Schau „In Scherben gefallen – Assemblagen aus dem alten Breslau“ aus. Ab dem 25. Mai folgt mit „Into The Wind“ eine Ausstellung von Kinderbuch-Illustrationen aus den nordischen Ländern. Stargast bei der Vernissage ist Sven Nordqvist, der Erfinder der Kinderbuchreihe „Petterson und Findus“.
Renner sind die Zitherkonzerte mit dem Collegium Concertante
Die Ausstellungen bieten eine wunderbare Möglichkeit, um durch die Bibliothek zu flanieren. Die Bücherei ist schließlich ein lebendiger, öffentlicher Ort. Nicht nur in den gewohnt turbulenteren Kinder- und Jugendabteilungen. „Bei uns heißt es nicht Psst“, erklärt Claudia Arndt. Wesentlich lauter geht es in der Bibliothek nur noch bei den Konzerten, Liederabenden und Tanzvorführungen zu. Als geheimer Renner hat sich dabei das Zitherkonzert mit dem Collegium Concertante erwiesen, das wieder am 23. April stattfindet. Zuweilen ist Claudia Arndt vom Zuschauerandrang selbst überrascht: „Ein Trend hat sich aber herauskristallisiert: Die Leute gehen verstärkt in ihren Bezirken zu Veranstaltungen.“
Die Humboldt-Bibliothek ist ein starker Pfeiler der Kulturszene in Reinickendorf. Eine Veranstaltung indes erfreut sich allbezirklich größter Beliebtheit: Die Kriminacht im November. Dann werden deutsche und internationale Krimiautoren zu einem Lese-Marathon erwartet. Zudem wird der renommierte „Krimifuchs“-Preis vergeben. „Die Nachfragen dafür beginnen schon im Spätsommer“, sagt Claudia Arndt. „Wir sind die älteste Veranstaltung dieser Art in Deutschland.“
Humboldt-Bibliothek, Karolinenstr. 19, Tegel, Tel. (030) 437 36 80, reguläre Öffnungszeiten Mo.-Fr. 11-19 Uhr, Sbd. 11-16 Uhr, Infos im Internet www.stadtbibliothek-reinickendorf.de




