KulturMacher

Bis die Teekanne qualmt

In sechs Jahren hat sich der Club „Ritter Butzke“ in Kreuzberg zur angesagten Party-Location in der Stadt entwickelt. Hier feiern hier junge Gäste aus aller Welt

Foto: Massimo Rodari

Donnerstag geht das Publikum zwischen Anfang und Ende Zwanzig in Kreuzberg nicht vor Mitternacht aus. Getanzt wird in den Räumlichkeiten des Clubs „Ritter Butzke“ bis sechs oder sieben Uhr morgens. Dort vermischen sich die lauten Bässe der Verstärker mit dem künstlichen Nebel und den reflektierten Lichtern von Scheinwerfern und Diskokugeln zu genau dem Erlebnis, auf das hunderte junge Leute so scharf sind, dass sie eine Viertel- bis halbe Stunde bei kühlen Temperaturen im Freien warten.

Denn bevor es zu den Tanzflächen, neudeutsch Dancefloors, geht, müssen Besucherinnen und Besucher des „Ritter Butzke“ an Ted Herold und seiner Crew vorbei. „Die Tür“ ist der Einlass, das Nadelöhr, an dem sich entscheidet, wer von den Wartenden reinkommt, und wer draußen bleiben muss. Ted Herold ist ein großer Kerl und macht allein durch seine Erscheinung klar: Diskutieren ist hier zwecklos.

Die Türpolitik des Clubs ist vergleichsweise liberal

„Ohne Tür geht es leider nicht“, sagt Reinhold Köhler, der für „die Butzke“, wie die meisten verkürzt sagen, Marketing und Pressearbeit macht. Der 41-Jährige trägt Vollbart und dichtes, gescheiteltes Haar, Arme und Hals zieren zahlreiche Tattoos. Eines am Unterarm zeigt eine Feder mit Schreibkiel und ein langes Messer. „Write or fight“ steht darunter, Schreibe oder Kämpfe. Köhler war Journalist, bevor er zum „Ritter Butzke“ stieß. „Wenn man mit Tattoos einmal angefangen hat, werden es immer mehr“, erklärt er. Der gebürtige Stuttgarter kam 1996 nach Berlin.

Die Türpolitik des Clubs sei „im Berliner Vergleich liberal. Wir wollen grundsätzlich mit unseren Gästen einen guten Abend haben und wilde Partys feiern. Wer darauf Lust hat, mit einem freundlichen ‚Hallo‘ und guter Laune hier ankommt, passt auch in unseren Club“, führt Robert Weidemann aus. Der Zweimetermann aus Treptow zeichnet für das Programm des „Ritter Butzke“ verantwortlich. Schon mit 19 Jahren hat er zum ersten Mal in den Räumen als DJ gearbeitet, House, Disco und Indie aufgelegt, Partys organisiert.

Happenings, Ausstellungen und jede Menge Konzerte

„Der Laden ist ein Kollektiv, das im Laufe der Jahre organisch gewachsen ist“, sagt er. „Und wächst weiter“, ergänzt Reinhold Köhler. Das liegt daran, dass hier mehr als hundert Menschen arbeiten, und „jeder kann seine Ideen, Träume, auch Verrücktheiten mit einbringen.“ So entstehen Happenings, Ausstellungen, Konzerte, Partys und vieles mehr.

Wir sitzen in der „Hütte“, einem großen ebenerdigen Raum mit Bar, der mit viel Holz, Hirschgeweihen und diversen Lichtobjekten ein gemütliches alpines Flair ausstrahlt. Die Gäste können auf alten Sofas und in 70er-Jahre-Sesseln fläzen, Holzkabelrollen dienen als Tische. Wer will, kann rauchen. „Wir sind ein Club für Erwachsene, unter 21 Jahre kommt deshalb keiner hier rein“, erklärt Reinhold Köhler.

Das „Ritter Butzke“ hat ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn

An den Wochenenden kostet der Eintritt 12-15 Euro, donnerstags 8 Euro. Damit liegen die Betreiber des Clubs im Mittelfeld der Berliner Szene. Die leidet seit Jahren stark unter Anwohnerbeschwerden wegen Lärm. Das „Ritter Butzke“ hat jedoch ein vergleichsweise gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn und konnte sich daher bislang immer behaupten.

Ab 1898 befand sich in dem heute denkmalgeschützten, backsteinernen Fabrikgelände mit mehreren Höfen ein Bad-Armaturenhersteller, der in den 20er-Jahren mit der Metallwarenfabrik Butzke fusionierte. Bis zur Betriebsverlagerung 1997 der nunmehr Aqua Butzke heißenden Firma nach Ludwigsfelde wurden hier Armaturen produziert. Daran erinnert der Name des Clubs, der in den letzten Höfen des Gewerbegebietes an der Ritterstraße liegt.

Als Aqua Butzke das Gelände verlassen hatte, gab es zuerst Pläne, aus den Fabrikgebäuden teure Loftwohnungen zu machen. Dies wurde jedoch wieder verworfen und stattdessen von den Besitzern modernisiert und zu einem Kreativzentrum umgebaut.

Zur Geburtstagsparty kam auch die 70-jährige Oma

In den Jahren des Leerstands entdeckten junge Leute wie Reinhold Köhler und Robert Weidemann die Räumlichkeiten und begannen, sie für Partys zu nutzen. Reinhold Köhler erinnert sich: „Wir waren die ersten, die hier in der Gegend wieder was gemacht haben. Ende der Nullerjahre war das hier alles ziemlich tot, und wir haben dafür gesorgt, dass wieder Leben reinkam – auch wenn nicht alles, was wir damals gemacht haben, den gängigen Betriebsvorschriften entsprach.“

Die Zeiten sind vorbei, mittlerweile hat das „Ritter Butzke“ einen langjährigen Nutzungsvertrag und beschäftigt rund 100 Mitarbeiter, „die meisten davon fest“, betont Reinhold Köhler. „Wir wollen, dass unsere Gäste bekannte Gesichter hinter den Bars sehen, denn wir legen Wert auf unser familiäres Ambiente“, erklärt Familienmensch Robert Weidemann. Er hat zu seiner letzten Geburtstagsparty im „Ritter Butzke“ auch seine 70-jährige Oma eingeladen. „Nachdem die ungewohnte Uhrzeit überwunden war, hat sie sich sehr wohlgefühlt“, freut er sich.

Erinnerungsfotos in einem kleinen Birkenwäldchen

Donnerstags findet hier seit rund einem Jahr die Reihe „Donners Ducks“ statt. Jeweils fünf DJs legen dann auf zwei Floors auf. Für die Auswahl der DJs wie Kotelett & Zadak oder Tashi Louis ist Dan Yoel verantwortlich, ein 27-jähriger Israeli, der für die „geilste Clubszene Europas“, seine Heimatstadt Tel Aviv verlassen hat. „Dieser Club ist ein Gesamtkunstwerk“, schwärmt er, und flitzt zum Dancefloor nebenan, der nach seiner früheren Bestimmung Ölfasslager heißt. Dort stehen an den Technics 1210-Plattenspielern mittlerweile Kotelett & Zadak und beschallen die benebelte Tanzfläche

Einen Raum weiter kommt man auf dem Weg zu den Garderoben im Wildwest-Stil an einem kleinen Kiosk vorbei. „Unser Sortiment umfasst alles von Schallplatten unserer Künstler, Hygieneartikel, Kaugummis, Mitbringseln bis zu kleinen Snacks“, erklärt Reinhold Köhler. Nebenan ist in einer Nische ein kleines Birkenwäldchen vor schwarzen Wänden aufgebaut. „Hier können sich unsere Gäste von einem Automaten fotografieren lassen“, sagt Robert Weidemann. „Wir entwickeln immer wieder neue Ideen, um den für uns idealen Club zu kreieren.“

Der Club hat auch sein eigenes Plattenlabel gegründet

Das reguläre Clubprogramm wird außerdem ergänzt durch einen Poetry Slam, der alle zwei Wochen stattfindet. Auch ein eigenes Musiklabel namens „Ritter Butzke Studio“ hat der Club, über das die Resident-DJs mit ihrer Musik veröffentlicht werden. Legendär ist die Bühne bei der Fête de la Musique, die seit dem vergangenen Jahr vom „Ritter Butzke“ in Eigenregie betrieben wird und die alljährlich am 21. Juni bis zu 3000 Besucher an den Engeldamm lockt. „Wir haben uns auch schon mit einem Wagen beim Karneval der Kulturen beteiligt“, erzählt Weidemann. Er muss los, schreibt noch an seinem Bachelor über die Clubszene in Berlin.

Mittlerweile ist der Tanzboden des Ölfasslagers von mehr als 300 Menschen bevölkert, die Beats werden härter und schneller. Die Getränkepreise sind moderat, drei Euro für das Flaschenbier, zwei für ein Wasser. Im größten Saal hängt eine riesige Teekanne, aus deren Schnabel eine Nebelmaschine weißen Rauch bläst. Der Raum mit Zirkusambiente kann auch bestuhlt werden für bis zu 180 Personen. An regulären Wochenenden stehen auf der Bühne aber die DJs an Playern und Mischpulten. „Dafür sind wir schließlich bekannt, für ausschweifende Partys bis Sonntagmittag“, stellt Reinhold Köhler fest.

Ritter Butzke Ritterstraße 26, Kreuzberg, Tel. 32 29 70 107, club.ritterbutzke.com