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Der Tarantino des Varietés

Regisseur Markus Pabst ist Gründer der Künstlerplattform Base Berlin. Er bringt seine Produktionen ins Chamäleon oder in den Wintergarten. Und nach China

Bringt im Wintergarten gerade seine Show „Der helle Wahnsinn“ auf die Bühne: Regisseur und Autor Markus Pabst

Bringt im Wintergarten gerade seine Show „Der helle Wahnsinn“ auf die Bühne: Regisseur und Autor Markus Pabst

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Weltweit kommt im Varieté niemand an Markus Pabst vorbei. Seine Kult-Show „Soap“ wurde rund um den Globus bejubelt. New York feierte seine zirzensisch-akrobatische Komposition „Vivace“ geradezu hymnisch und auch London huldigt dem „Tarantino des Varietés“. Nun schickt sich Pabst an, China zu erobern. Seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt hat der Bilderzauberer aber nach wie vor in Berlin. Seine Produktionen laufen ebenso im Chamäleon wie im Wintergarten. Dort sprengt gerade seine von Publikum und Kritik umjubelte Show „Der helle Wahnsinn“ wieder einmal die Grenzen des Varietés.

Trotz seines Erfolgs mit mehr als 20 Shows und rund fünf Millionen Zuschauern ist der 48-Jährige bescheiden geblieben. Statt sich in einem der schicken Szene-Lokale nahe des Wintergartens zu treffen, wählt er lieber die Joseph-Roth-Diele direkt gegenüber. Neben viel nostalgischem Flair und quirliger Atmosphäre gibt es hier Bodenständiges wie Schmalzstullen oder Spätzle. Ein perfekter Ort für Markus Pabst, der gutes Essen schätzt. In der Varieté-Welt voller muskulös gestählter Körper nicht immer ganz leicht. Aber anders als viele Artisten, für die es ein notwendiges Übel ist, verzichtet Pabst gern auf harte Diät-Programme.

Erster eigene Show „Power 91“ im Ufafabrik-Circus

Im hessischen Darmstadt geboren und aufgewachsen, wusste der Bühnenmagier schon mit 14 Jahren, dass er Regisseur werden wollte. Erste Schritte wagte er beim Schultheater. Doch als echte Künstlernatur ging er noch weiter: „Für die Proben am Staatstheater Darmstadt habe ich die Schule geschwänzt, denn die waren vormittags“, sagt er. Seine Eltern erkannten die ungebremste Leidenschaft ihres Sohnes und erlaubten ihm, mit 16 Jahren zu seinem Onkel nach Berlin zu ziehen, einem Jesuitenpater in Lichterfelde.

Im Gemeindesaal begann Pabst, eigene Stücke zu inszenieren, und machte nebenher sein Abitur. Es folgten einige Semester an der Universität, doch das Theater war ihm letztlich wichtiger. „Da wir Geld brauchten, haben wir angefangen zu jonglieren“, erinnert sich Pabst. Ein erster Schritt Richtung Varieté. Die großen Häuser gab es Ende der 80er-Jahre noch nicht, wohl aber den Ufafabrik Circus. Dort reüssierte der Jung-Regisseur 1991 mit seiner ersten abendfüllenden Show „Power 91“ mit Breakdance und BMX-Bikes.

Sein Unterhaltungs-Handwerk lernte er bei Klaus Havenstein

Im Varieté, das Anfang der 90er-Jahre eine Renaissance erlebte, galt Markus Pabst lange Zeit als schräg, etwas verrückt und provokant. Eben ein Rebell und Erneuerer des Genres. Regie studiert hat Pabst nie, aber von der Pike auf gelernt beim Schauspieler und Kabarettisten Klaus Havenstein, der 1956 zu den Gründungsmitgliedern der Münchner Lach- und Schießgesellschaft gehörte. Von 1990 bis 1992 war er Intendant der Burgfestspiele in Bad Vilbel. Pabst, fürs Rahmenprogramm gebucht, bekleidete bald den Posten des Regieassistenten für Havenstein. „Dabei habe ich Dinge aus dem Stand gelernt wie das Einleuchten. Vor allem hat mir Havenstein den Drive gegeben, Unterhaltung mit Tiefgang zu machen“, sagt Pabst.

Für ihn auch heute noch ein wichtiges Anliegen. Bestes Beispiel dafür ist seine aktuelle Show „Der helle Wahnsinn“, die auf kongeniale Weise Theater, Varieté, Musik und Tanz miteinander verbindet. Darin landet der schwule Entertainer Herbert Maria Freiherr von Heymann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Irrenanstalt. Dort stellt er mit den Insassen eine sensationelle Varieté-Show auf die Beine.

Das renommierte Edinburgh Festival hat bereits Interesse

Die Revue kommt so leichtfüßig daher, dass man darüber fast den ernsten Hintergrund vergisst. Doch Pabst, selbst schwul, geht es auch um die Akzeptanz und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, unterschiedlichen Ethnien und sexueller Diversität. Das renommierte Edinburgh Festival hat bereits Interesse an der außergewöhnlichen Revue bekundet, ebenso Australien. Der „Helle Wahnsinn“ wird wohl bald international für Furore sorgen.

Fern der Heimat arbeitet Markus Pabst zudem parallel mit seinem Kollegen Eike von Stuckenbrock, mit dem er zuletzt „Dummy“ im Chamäleon inszeniert hat, in China. Mit Startänzerin Yang Liping und ihrer Company sowie einer chinesischen Zirkusschule entwickeln sie eine Show. „Wir haben Wochen gebraucht, um uns anzunähern. Die Chinesen haben eine andere Herangehensweise. Wir versuchen da, künstlerische Individualität zu etablieren, können aber andererseits auch endlich mal Massenbilder mit bis zu 40 Artisten machen“, erklärt Pabst.

In unregelmäßigen Abständen lädt er zur Wintergarten-Audienz

Auch, wenn er in den nächsten Jahren oft ins Reich der Mitte jetten wird, bleibt der Regisseur künstlerisch vor allem in Berlin beheimatet. Hier ist er Teil der von ihm mitbegründeten Künstlerplattform und Kreativschmiede Base Berlin, mit der er viele Varieté-, Tanz- und Theater-Projekte vorantreibt. Der Club Kater Blau will Base Berlin sogar eine eigene Trainingshalle bauen. Für Markus Pabst ein weiterer Ort, den man mit neuen Ideen bespielen könnte. „Laute Shows mit elektronischer Musik“, verrät er und fügt hinzu: „Ich mag aber auch die Unterschiedlichkeit von Chamäleon und Wintergarten und finde es toll, in beiden Häusern zu arbeiten.“

Auch national ist Pabst gefragt. In den bundesweiten GOP Varieté-Theatern startet in drei Monaten seine Show „Le Club“ mit farbigen Artisten. Die Planung begann vor drei Jahren. „Es wird keine Afrika-Show, sondern es geht um jungen Lifestyle. Die Künstler kommen aus den USA, aus Ghana, Äthiopien und Südafrika. Doch nun rutschen wir damit durch die aktuelle Situation ins Politische,“ sagt Pabst. „Nach der Kölner Silvesternacht werden Szenen mit einer weißen Artistin und einem farbigen Kollegen anders gesehen und bekommen plötzlich eine ganz neue Dimension. Ich verwehre mich dagegen. Wenn es ein Statement gibt, dann dass es mich freut mit diesen sehr lebensbejahenden farbigen Künstlern zusammen zu arbeiten.“

Auch mit einer eigenen Show auf der Bühne

Mittlerweile steht der Varieté-Visionär sogar selbst auf der Bühne. Anfangs unfreiwillig. Er musste nämlich letztes Jahr im „Hellen Wahnsinn“ an zwei Abenden für Szenegröße Rummelsnuff einspringen. „Mit nacktem Oberkörper in High Heels und obendrein singend. Drei Dinge, die ich sonst nie tun würde“, gesteht er. Trotzdem hat er Blut geleckt und lädt unregelmäßig in den Wintergarten ein zur „Markus Pabst Audienz“. Ein Spektakel mit zahlreichen Gästen aus Varieté, Tanz, Comedy, Theater, Film und Musik. Pabst moderiert, talkt und liest nebenher auch noch eigene Texte, die er vorher beim Open Stage im Comedy Club Kookabura ausprobiert hat. Manchmal schmückt er sich auch mit fremden Federn. Etwa mit Songtexten von den Beatles, die er besonders gern vorträgt. Ein bisschen Dada und frei nach dem Motto: „Was der Pabst sagt, wird schon stimmen!“

Wintergarten Varieté Potsdamer Str. 96, Tiergarten, Tel. 58 84 33. „Der helle Wahnsinn“ bis 5.6., Mi.-Sbd. 20 Uhr, So. 18 Uhr. „Die Markus Pabst Audienz“ am 28.3., 19.4., 6.6., 1.8. & 12.9. um 20 Uhr

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