KulturMacher

Einsiedler im kalten Keller

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert betreibt Adolfo Assor das Kreuzberger Ein-Mann-Theater Garn. Er ist damit sehr reich geworden – an Erfahrungen

Ein kleinwüchsiger Theatertitan: Schauspieler Adolfo Assor auf der Bühne seines Kreuzberger Garn-Theaters

Ein kleinwüchsiger Theatertitan: Schauspieler Adolfo Assor auf der Bühne seines Kreuzberger Garn-Theaters

Foto: Reto Klar

Hier soll ein Theater sein, an dieser unwirtlichen Durchgangsstraße an der Westseite des Viktoriaparks? Wo ein garstiger Wind Zivilisationsfetzen, Zigarettenkippen, Fast-Food-Verpackungen und plattgetretene Weißblechdosen in die Ecken fegt? Durch einen ungastlichen Eingang geht es in einen Hinterhof, in dem Kitabetreiber ihr Umfeld mit Bambusholzverkleidung und exotischen Gebetsfahnen vergeblich versuchen, einladend wirken zu lassen.

Gleich linkerhand geht es hinab ins Garn-Theater. Eine steile Treppe führt sechs Meter in eine schwarze Tiefe. Es riecht nach Kerzen. Je weiter man nach unten kommt, desto mehr scheint das Mauerwerk den Moder aus 120 Jahren Baugeschichte an diesem Ort zu verströmen.

Die nächsten zwei Monate gibt es "Der Großinquisitor"

Sechs Meter unter der Erde gehen zwei Räume ab. In einem stehen vor 20 zusammengesammelten Stühlen ein überdimensionierter Tisch und Stuhl. Hier spielte Adolfo Assor bis Ende Februar "Aufzeichnungen aus der Unruhe" nach Fernando Pessoa. Im gegenüberliegenden Raum, an dessen Rückseite ein fleckig-heller Stoff hängt, gibt er die nächsten zwei Monate "Der Großinquisitor" nach Fjodor Dostojewski.

Kalt ist es, vielleicht elf Grad. "Die Leute frieren oft", sagt Adolfo Assor und lacht ein teuflisch klingendes Lachen. "Besonders frieren sie im Sommer, die Frauen, wenn sie dünn angezogen sind, weil es draußen so warm ist. Hier ist es immer gleich kalt", sagt er heiser und laut. "Schreib, dass man sich vor dem Besuch im Garn-Theater warm anziehen sollte."

Es gibt auch zwei Heizkörper und zwei Radiatoren, aber die meterhohen Katakomben einer ehemaligen Likörherstellung werden damit niemals angemessen erwärmt. Decken gibt es auch. Und länger als eine Stunde spielt Assor nicht, "sonst kriegen die Leute einen kalten Hintern", sagt er und lacht erneut ein ketzerisches Lachen, das schnell in einen Husten übergeht, den er sich in den mehr als zwei Jahrzehnten Untertageleben zugezogen hat.

Wenn er spielt, entsteht eine zauberhafte, andere Welt

Was ist das Geheimnis dieses Ortes, den ein normaler Theaterbesucher mit einer auf dem Absatz gedrehten Fluchtbewegung sofort wieder verlässt? Die Antwort ist einfach: Es ist Adolfo Assor. Auch mit 70 Jahren ein kleinwüchsiger Theatertitan. Dem die Physiognomie mehrere Streiche zugleich gespielt hat. Ein großer, länglicher Kopf mit kleinen Augen und überdimensionierten Zähnen thront auf einem Kleinjungenkörper, der in zwei Nummern zu großen Händen und Füßen endet.

Doch wenn dieser Mann, der vorher kassiert, die billigen, teilweise aus alten Ofenrohren zusammengebastelten Scheinwerfer ausgerichtet und zusätzliche Stühle für das Publikum herangeschafft hat, beginnt zu spielen, dann entsteht eine zauberhafte, andere Welt, die einen magnetisch in ihren Bann zieht.

Mit einer alten Kutte mit Kapuze als dürftigem Kostüm ausgestattet, betritt er als "Der Großinquisitor" die Szene. Einige Zuschauer sitzen wie Geschworene seitlich neben der Bühne. "Bist", fragt er mit intensiver Pause "du es?" Schlangengleich schmiegt er sich an den Vorhang, lugt vorsichtig unter der Kapuze vor, um im nächsten Moment ein finster-böses "Warum bist zu wieder hierhergekommen – und belästigst uns?" hervorzustoßen.

Ungefähr 40 Literatur-Adaptionen hat er realisiert

Das Stück hat Adolfo Assor aus Dostojewkis "Brüder Karamasow" adaptiert. Ungefähr 40 Adaptionen hat Assor realisiert, seit er 1987 nach Berlin kam. Aus Büchern von Fernando Pessoa, Samuel Beckett, Fjodor Dostojewski, Eugène Ionesco und dem Chilenen Juan Radrigán. "Am meisten schätze ich Kafka. Von dem habe ich ,Der Bau', ,Brief an den Vater' und ,Ein Bericht für eine Akademie' im Repertoire", erzählt Assor.

Kafka spielte er schon in Chile, zu Zeiten der Militärdiktatur. "Ich habe diese Zeit 13 Jahre lang ertragen, im Wortsinne ertragen, denn es war eine furchtbare Zeit unter Pinochet." Während dieser Zeit reiste er mit einer Kleinst-Theatergruppe durch das lateinamerikanische Land. "Das war nicht ungefährlich. Weißt du, was sie mit Victor Jara, unserem besten Protest-Sänger und Gitarristen damals im Stadion von Santiago gemacht haben? Sie haben ihm die Finger gebrochen und ihn erschossen." Er lacht kurz böse, dreht den Kopf zu Seite und lässt ihn mit einem dunklen Blick zurückschnellen.

"Es war nicht ungefährlich", wiederholt er. Und berichtet davon, wie er in der Provinz bei der Zensur die Erlaubnis einholte, "In der Strafkolonie" von Franz Kafka zu spielen. Das sei ja ein bedeutender europäischer Autor. Und wie die Leute geguckt hätten, als er den Folterer spielte, nackt. Und dass sie immer "Warten auf Godot" auf dem Programm gehabt hätten. Und dass er immer wieder Mitspieler verlor, weil sie verprügelt oder bedroht wurden.

Innerhalb eines Jahres lernte der Chilene in Berlin Deutsch

1986 erhielt er die Möglichkeit, in die Bundesrepublik auszureisen, nach Kassel. "Ab nach Kassel", sagt Assor, und kichert. Von Kassel zog er nach West-Berlin. Einige seiner Bekannten lebten in Ost-Berlin, spielten am Berliner Ensemble. Assor blieb im Westen, wo er ein Jahr später im Hinterzimmer einer Neuköllner Änderungsschneiderei das Garn-Theater begann.

Bereits als Jugendlicher hatte er sich in seiner chilenischen Heimatstadt Valdivia für das Theater interessiert. "Aber es gab kaum Mitschüler, die mitmachen wollten. Deshalb habe ich früh angefangen, allein zu spielen. Mein großes Glück war, dass ich schon als Kind ein sehr gutes Gedächtnis hatte. So begann ich, längere Monologe zu spielen. Und das machte ich zu meiner Profession."

In Berlin musste er zuerst schnell die Sprache lernen. Seine Großeltern waren im 19. Jahrhundert von Süddeutschland und Ostpreußen nach Chile ausgewandert, die Eltern sprachen zu Hause manchmal Deutsch, "besonders, wenn wir Kinder sie nicht verstehen sollten. Das machte die Sprache für mich interessant", erinnert sich Assor. Innerhalb eines Jahres lernte er in Berlin Deutsch und führte 1987 sein erstes Stück auf, Kafkas "Ein Bericht für die Akademie".

Immer noch gibt er fünf Vorstellungen pro Woche

Disziplin und gute Planung nennt er als Grundvoraussetzung dafür, so lange durchgehalten zu haben. Und zwar fast ohne Unterstützung. Dreimal habe er versucht, vom Senat finanzielle Hilfe zu bekommen. Nach zwei Ablehnungen beantragte er 1997, "zum Spaß" einen Zuschuss für die Inszenierung von Kafkas "Hungerkünstler". Er bat um Null D-Mark. "Der Antrag wurde abgelehnt", sagt er und lacht wie ein Kobold, bis der Husten kommt. Dieses Jahr allerdings gewährt das Bezirksamt Kreuzberg eine Projektunterstützung.

Früher gab Adolfo Assor acht Vorstellungen die Woche, jetzt, mit siebzig Jahren sind es immer noch fünf. Mittlerweile hat er Dienstag und Mittwoch frei. Die Eintrittspreise liegen bei elf, ermäßigt neun Euro. 40 bis 50 Sitzplätze stehen bereit, "meistens spiele ich vor etwa 20 Leuten", sagt der Theater-Leiter. Finanziell über die Runden kommt er nur deshalb, weil er ab und zu als Charakterdarsteller für eine Film- oder Fernsehrolle gebucht wird.

Zuletzt für den ARD-Film "Herr Lenz reist in den Frühling", mit Ulrich Tukur. "Ein wunderbarer Schauspieler", meint Assor. Er schwärmt von den Dreharbeiten in Thailand. "Da herrschen andere Temperaturen als bei mir im Keller des Garn-Theaters", sagt er, lacht und hustet.

Garn-Theater Katzbachstraße 19, Kreuzberg, Tel. 78 95 13 46, Do.-Mo. 20.30 Uhr, www.garn-theater.de

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