Ury war ein großer Kolorist und für den atmosphärischen Ausdruck schimmernder Farben schien ihm auch funzeliges Licht oder schlechtes Wetter geeignet. Gereist ist der von Max Liebermann geschmähte Konkurrent oft. So überrascht die Versteigerung von 15 Gemälden und Pastellen aus einer Hamburger Privatsammlung in der Villa Grisebach mit einem Ury, der "London im Nebel" zeigt und wirkt wie von William Turner.
Mit einem Schätzpreis von 150-200 000 Euro ist das Ölgemälde von 1926 das teuerste Bild von Ury im Sonderkatalog. Mit ihm beginnt die Abendauktion 82 ausgewählter Werke am kommenden Freitag. Auch die Abräumer Max Beckmann, der hier in der Vergangenheit schon mehrfach zum Topseller wurde, und Emil Nolde sind wieder dabei. Max Beckmann malte 1933 in Berlin, dem Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, eine visionäre Varieté-Szene.
Das Exil lag noch vor ihm, doch die Gefahr ahnte er wohl. Die suggestive Szene, die einen Artisten beim Kopfstand auf dem Kopf eines Musikers zeigt, erscheint wie eine Allegorie auf das Künstlerdasein, in schweren Zeiten und überhaupt. Das Bild spiegelt gleichzeitig Beckmanns Idee vom Leben als einem Theater wider, in dem alle Menschen Mitwirkende sind. Aktuell bis heute und eine sichere Wandaktie in wackeligen Zeiten.
"Dieses Bild gehört ins Museum", findet die Chefin des Auktionshauses Micaela Kapitzky. Für das Museumsstück "Kleines Varieté" werden 800 000 bis 1,2 Mio. Euro erwartet. Damit rechnet man auch bei Emil Noldes "Landschaft (mit ruhenden Kühen)" von 1925. Der beliebte Maler steuert gleich neun ausgewählte Werke bei, zumeist Blumenmotive auf Papier.
Kunst mit Strangulationsfantasien
Ungleich härter fällt das Aquarell des Knopfstiefel-Fetischisten Rudolf Schlichter aus. Er war besessen von Strangulationsfantasien und hat gleich zwei bestiefelte Damen an der Decke aufgehängt. "Der Künstler mit zwei erhängten Frauen" aus den zwanziger Jahren liegt in der Preisvorstellung (40-60 000 Euro) deutlich hinter den magischen "Dahlien" des Expressionisten, der derartige Drastik mied. Auch Georg Tappert interessierten mehr die Hüte der Damen. Sein dekorativer Großstadtexpressionismus gerät jeder Wohnzimmerwand zur Zierde.
Von Edgar Degas bis zu Alex Katz und Francis Alys spannt sich der exklusive Bogen der Auserwählten. Der Vorläufer der Pop-Art hielt im Gemälde "Ascension" seine Frau Ada vor leuchtendem Himmels- und Meeresblau fest (200-300 000 Euro). Der stille Spirituelle aus Belgien, der 2011 eine Retrospektive im New Yorker MoMA hat, zeigt indes wenig Sinn fürs Plakative. In gedeckten Farben frönt Alys mit "Puerto Vallarta" dem Understatement.
Insgesamt werden an drei Tagen 1138 Losnummern versteigert: Gesamtvolumen 13,7 Mio. Euro. Wer Geld anzulegen hat, kann mit gut abgehangenen Werten ruhig schlafen, denn Kurseinbrüche sind eher die Ausnahme. Der Hauptkatalog "Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts" bietet reichlich Auswahl: von der lieblichen Frauen-Zeichnung Adolph von Menzels (3-4000 Euro) bis zur Aua-Visage "Eau de Balthys" (2002) von Jonathan Meese (24-28 000 Euro).
Quallen-Fotos von Carsten Höller
Oder lieber Quallen-Fotos vom Künstler-Wissenschaftler Carsten Höller, dem Herrn der Rentiere (7-9000 Euro)? Die zeitgenössischen Werke sind schon etwas für Wagemutige. Schließlich weiß keiner, ob sie auch in 100 Jahren noch gefragt sein werden wie die Bilder von Ury. In der Fotoauktion, die den Auftakt der heißen Herbsttage in der Villa Grisebach bildet, stehen rund 200 Titel auf dem Programm.
Aus dem Nachlass der Schauspielerin Brigitte Helm stammt das ungewöhnliche Konvolut mit 36 Filmaufnahmen von 1925/26, die Horst von Harbou zu Fritz Langs "Metropolis" fertigte. Der Bruder von Thea von Harbou, Langs Frau und Drehbuchautorin, war Standfotograf am Filmset und verewigte neben der eleganten Brigitte Helm, Ikone des deutschen Kinos in der Weimarer Republik, auch die Truppe in den Babelsberger Filmstudios (5-7000 Euro.) Zum Abschluss der Auktionstage soll das Portemonnaie geschont werden. Die "Schätzwerte bis 3000 Euro" bieten "Kleinigkeiten" von namhaften Künstlern, vom Ölbild eines Johannes Heisig bis zur 1998 gedruckten Farblithographie "Mittag" von Neo Rauch, von Alfred Hrdlickas Bronze "Sappho" bis zum Goldanhänger "Monsieur" von Jean Cocteau. Das Gesicht mit den Rubinlippen - zweifelsohne ein hübsches Weihnachtsgeschenk.
Villa Grisebach , Fasanenstraße 25. Vorbesichtigung bis 24. November, Sa-Di von 10-18.30 Uhr, Mi 10-17 Uhr.
Auktionen 25.-27. November. Kataloge im Netz: www.villa-grisebach.de

