Und nun kündigte Döblin dem Verleger auch noch an, bald einen Roman namens "Berlin Alexanderplatz" fertig zu haben. Fischer legte die Stirn in Falten: Das sei doch bloß der Name einer Bahnstation - so ein Titel werde die Leser nicht interessieren.

Fischer irrte, die Anekdote jedoch macht klar, wie neuartig Döblins Romanprojekt war. Denn auch in den Zwanzigerjahren hatte die Romanpoetik des 19. Jahrhunderts noch Gewicht und ihr zufolge hießen Romane eben nicht nach Bahnstationen, sondern nach ihren Helden: "David Copperfield" oder "Effi Briest", "Buddenbrooks" oder "Der Graf von Monte Christo". In Amerika allerdings hatte ein gewisser John Dos Passos einen Roman bereits "Manhattan Transfer" genannt. Und so wie "Manhattan Transfer" war "Berlin Alexanderplatz" rettungslos modern. Alles, was die Literatur der Weimarer Republik bewegt hatte, floss in ihn ein - Expressionismus, Naturalismus, Futurismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit - und die Stadt selbst, dieses ratternde, wimmelnde, sich selbst immer neu gebärende Gefüge, rückte ins Zentrum des Romans. Mühsam konnte Samuel Fischer seinen Döblin überzeugen, dem Buch wenigstens einen Untertitel zu geben, der noch ans 19. Jahrhundert erinnerte: "Die Geschichte des Franz Biberkopf".

Anders als so viele Helden aus der Blütezeit des Romans kommt Biberkopf weder aus besseren Verhältnissen noch ist er sympathisch. Franz ist ein kleiner und kein kluger Mann. Zu Beginn des Romans wird er aus der Haftanstalt Tegel entlassen, wo er vier Jahre lang wegen Totschlags eingesessen hat, und seine enorme Unsicherheit kompensiert er mit markigen Sprüchen und Liedern. "Blut muss fließen, Blut muss fließen, Blut muss fließen knüppeldick", ruft er.

"Berlin Alexanderplatz" beschreibt Biberkopfs fortwährenden Irrweg, der nicht in die "Anständigkeit" führen will. Dreimal stürzt Döblin seinen Anti-Helden in die Krise - zuletzt wird Biberkopf aus der Irrenanstalt Buch entlassen. Dort hatte Döblin selbst als "Nervenarzt" gewirkt. "Ich fand", schrieb er, "meine Kranken in ihren ärmlichen Stuben liegend; sie brachten mir auch ihre Stuben in mein Sprechzimmer mit. Ich sah ihre Verhältnisse, ihr Milieu". "Die Welt ist von Eisen": so steht es im Roman.

Der schwache und deshalb rennommiersüchtige Franz Biberkopf ist eine erfahrene Katastrophe: "Mir kann keener!", sagt er - das Gegeteil ist wahr. Biberkopf verkauft faschistische Zeitungen, er schließt sich einer Diebesbande an, er kommt buchstäblich unter die Räder - und verliert einen Arm - , er wird zum Zuhälter. Die Liebe ist kaputt: Frauen kommen und gehen, die eine hat er totgeschlagen, die andere - Mieze - wird von Biberkopfs falschem Freund Reinhold brutal ermordet. Und Biberkopf ist nicht unschuldig daran. Erst nachher wacht Biberkopf auf: "Und mit die kleine Mieze, son Hund, der Reinhold. Die war mein ... die ist mit mir zum Fest gefahren, die Allee lang, die kann küssen, und dann hat er sie mir weggenommen, weil ick een armes Luder bin": "Viel Unglück kommt davon, wenn man allein geht".

Vier Jahre nach seinem Erscheinen zählte "Berlin Alexanderplatz" zu den verbrannten Büchern. Alfred Döblin ging in ein unglückliches Exil. Und die Stadt Franz Biberkopfs fuhr zur Hölle.

Morgen lesen Sie Folge 7: "Handy. 13 Geschichten in alter Manier" von Ingo Schulze