Hotel Kempinski

Wie der Glamour an den Kudamm kam

Das Hotel Kempinski wird 60 und hat viel zu erzählen: von Partys, Promis und Pöbeleien

Der König von Tonga war so dick, dass das Hotelpersonal immer blitzschnell zwei Stühle zusammenschieben musste, wollte er sich hinsetzen. Für Ava Gardner bereitete man auch mitten in der Nacht Kartoffelpuffer zu. Und das Pferd des Springreiters und Olympiasiegers Gerd Wiltfang trabte mal durch die Lobby. Geschichten wie diese gibt es viele vom Hotel Kempinski am Kudamm, das in diesen Tagen 60 Jahre alt wird. Vor sechs Jahrzehnten begann alles mit einem Brief: "Wir sehen den 'Dienst am Gast' als so entscheidend an, dass wir jeden Mitarbeiter mit diesem Brief noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen. Wir rechnen mit Ihrer vollen Unterstützung und begrüßen Sie herzlich als Mitarbeiter des Hauses Kempinski." Diese Nachricht der Geschäftsleitung, datiert vom 28. Juli 1952, dem Vortag der großen Eröffnung, existiert heute noch.

Geschichte leben

Das sagt schon viel aus, über ein Haus, das heute von und mit seiner Vergangenheit lebt. So sind die Namen der Stars und Prominenten, die "früher" zu Gast waren - etwa Romy Schneider, Gregory Peck oder Cary Grant - vielleicht etwas glanzvoller als die der Promis, die sich in diesen Tagen ins Gästebuch eintragen - wie Wayne Carpendale, Mausi Lugner oder Nina Ruge - aber möglicherweise liegt das auch nur daran, dass die Zeiten damals einfach glanzvoller waren. Die etwas altmodische Redewendung von "Geschichte leben" kommt einem in den Sinn, wenn man im alten Gästebuch blättert, dessen Seiten vergilbt sind und in dem sich die Unterschriften von Willy Brandt und Käthe Kollwitz finden. Das Hotel lebt eben Geschichte. Geschichte und Geschichten verspricht das Kempinski, wenn man in der Lobby mit dunkelgrünem Marmorfußboden und dunkler Holzdecke steht, wo die Uniform der Pagen gar nicht so anders aussieht als die der Pagen vor 60 Jahren. Und das Versprechen von Geschichte und Geschichten hält das Kempi, wie Berliner und Stammgäste das Hotel liebevoll nennen, auch ein.

"Wir sind hier aber nicht nur der Tradition verbunden - wir sind auch zukunftsorientiert", sagt Direktorin Birgitt Ullerich energisch. "Wir wollen nach vorne!" So hat man beispielsweise 2008 behutsam das Interieur im Turmbereich modernisiert - doch gar nicht so unbedingt im Sinne jedes Gastes. Denn den typischen Kempinski-Besucher beschreibt die Sprecherin Rabia Valtin als eher traditionsbewusst, um die 50 Jahre alt. "Die wünschen sich oft, dass das Kempi seiner Linie treu bleibt, die Ohrensessel nicht wegkommen." Und das ist möglicherweise gar nicht die schlechteste Idee. Vielleicht ist es nämlich gerade die Aura einer etwas älteren Dame, die den Charme, den Reiz und die Besonderheit dieses Fünf-Sterne-Hotels ausmacht. Das Bewusstsein: Hier hat John F. Kennedy sich auf seine legendäre "Ich bin ein Berliner"-Rede 1963 vorbereitet, hier schliefen schon Albert Einstein, Thomas Mann und Walt Disney. Und nicht nur die. Die Liste der prominenten Gäste, unter ihnen hochkarätige Politiker, gekrönte Häupter, Häuptlinge und Showstars gleichermaßen, ist lang. Dabei entstand die luxuriöse Übernachtungsmöglichkeit von Berühmtheiten wie Roger Moore, Alfred Hitchcock oder dem Dalai Lama eigentlich nur aus einer Notsituation heraus. Weil es zu viele Restaurants gab, durfte Gründerenkel Friedrich Unger kein weiteres eröffnen - doch das war sein Herzenswunsch. Also errichtete er ein Hotel - und das braucht schließlich ein Restaurant.

Die ganze Geschichte beginnt mit seinem Großvater Berthold Kempinski. Der Sohn einer jüdischen Familie kam 1872 mit 29 Jahren aus Posen nach Berlin. In der Friedrichstraße 178 eröffnete er mit seiner Frau Helene eine kleine Weinhandlung. Zum Wein gab es bald auch etwas zu essen und das Geschäft lief schnell so gut, dass die Kempinskis sich vergrößerten, und 1889 in der Leipziger Straße eine weitere Gaststätte eröffneten, bald die größte Berlins. Berthold und Helene hatten nur eine Tochter, Frieda, daher übergab Berthold Kempinski im Alter die Geschäfte an deren Mann, seinen Schwiegersohn Richard Unger. Die Bedingung: Der Name Kempinski müsse beibehalten werden. 1910 starb Berthold Kempinski und Richard kaufte 1926 das Grundstück, auf dem heute das Hotel Kempinski steht - und eröffnete dort ein großes Weinrestaurant, mit 30 Köchen, Platz für 2000 Gäste und einem Delikatessenladen. Da war der Kudamm bereits vom Waldweg, auf dem einst der Fürst zum Jagen in den Grunewald ritt, zur Flaniermeile geworden. Ein neues Restaurant kam da gerade recht. Der Name Kempinski stand schnell für Eleganz und Extravaganz. Doch mit der NS-Herrschaft kamen die Probleme für die jüdische Familie. 1937 wurden sämtliche Kempinski-Betriebe "arisiert", die Familie enteignet. Richard Unger, seine Frau Friede und ihr gemeinsamer Sohn, Enkel des Firmengründers Kempinski, Friedrich Unger, emigrierten nach Amerika. Der Davidstern verschwand aus dem Kempinski-Logo und wurde durch eine Traubenrebe ersetzt.

Kurz vor Kriegsende wurde das Restaurant am Kudamm durch ein Feuer zerstört. Der Enkel, Friedrich Unger, kehrte 1950 aus den USA zurück - und wollte da weitermachen, wo die Familie vor dem Krieg aufgehört hatte. Er bekam das Grundstück am Kudamm zurück und Geld aus dem Marshall-Plan für den Wiederaufbau. Doch: Ein Weinrestaurant durfte er, so die Bedingung der Alliierten, nicht wieder eröffnen. Zu groß wäre die Konkurrenz für die anderen Restaurants, die es inzwischen in der Gegend gab, gewesen. Also überlegte er sich den Kniff mit dem Hotel, um wieder ein Kempinski-Lokal eröffnen zu können: Ein 260-Zimmer-Haus wurde drumherum errichtet. Bei seiner Eröffnung 1952 war das Kempinski das einzige Fünf-Sterne-Hotel in West-Berlin.

Mutter der Fünf-Sterne-Hotels

Heute gibt es 27 Hotels im Fünf-Sterne-Segment in Berlin - und das Kempinski hat seinen Platz als Mutter von ihnen allen eingenommen. Sagt man dem Taxifahrer, man wolle "ins Kempinski", dann fährt er auch ins Kempinski an den Kudamm - und nicht ins Adlon-Kempinski am Brandenburger Tor, das inzwischen zu der Hotelgruppe gehört.

"Wenn man vom Kempi spricht, weiß jeder, was gemeint ist", sagt Michael Vogt, Chefconcierge des Hauses und seit fast dreißig Jahren dabei. Ein Viertel der Mitarbeiter arbeitet seit mindestens zwanzig Jahren im Kempinski. So wie Carmen Schulz, die vor über vierzig Jahren begann, als es noch Berufsbezeichnungen wie "Buffett-Mamsell" gab. Oder Oberkellner Miroslav Harasic, von dem es Fotos mit Sean Connery, Roger Moore und Zarah Leander gibt - und der trotz Ruhestand nach 40 Jahren weiter in Teilzeit im Hotel arbeiten wird. Chefconcierge Vogt erinnert sich an die Zeiten, als das kulturelle Zentrum Berlins im Westen lag und wirklich alle Großen im Kempinski abstiegen. "Der Komponist Leonard Bernstein war regelmäßig hier - der feierte mit all seinen Freunden bis tief in die Nacht", sagt Vogt. Außerdem verlangte der Komponist nach einem Flügel auf seinem Zimmer - der vor jedem Besuch dorthin transportiert wurde.

Auch Herbert von Karajan war Stammgast im Kempinski - und hielt die Telefondamen auf Trab. Da er sich weder Nummern noch Namen besonders gut merken konnte, nannte Karajan der Telefonzentrale stets nur die Vornamen seiner vielen Freundinnen - in der Zentrale lag dann bald ein spezielles Buch mit allen Nummern und dazugehörigen Damen-Namen. Wenn er später mit seiner dritten Frau Eliette anreiste, schliefen beide in getrennten Zimmern. Und auch Frau von Karajan hatte es wohl nicht so mit Nummern - regelmäßig verirrte sie sich im Negligé auf den Fluren des Hotels, wenn sie ihrem Mann einen nächtlichen Besuch abstatten wollte. Die Rezeption schickte ihr dann stets einen Pagen, der sie zum richtigen Zimmer führte. Auch war von Karajan der einzige Gast, der ohne Krawatte und im Rollkragenpullover im Hotelrestaurant essen durfte - Shirley Bassey, die mit Jeans und T-Shirt hineinwollte, verweigerte man den Zutritt.

Da wurde es dann auch mal laut - und laut war es öfter im Kempinski. Die Rolling Stones haben ihre Suite so verwüstet, dass sie Hausverbot erhielten. Da war Jerry Lewis, der in der Lobby pöbelte, weil nach seinem Geschmack nicht genug Presse auf ihn wartete. Curd Jürgens schimpfte, weil sein Lieblingszimmer von Hildegard Knef besetzt war - und schwor, das Hotel nur noch "Knefpinski" zu nennen. Übrigens enthüllte ein Kempinski-Concierge, dass Jürgens ein Toupet trug - er fragte einfach nach, was denn in der Hutschachtel sei, die immer zu seinem Gepäck gehörte. Harald Juhnke trank am liebsten in der Hotelbar, und ein Gast ließ sich stets hinter jeder Säule der Halle eine Flasche Champagner verstecken - um hier und da einen Schluck zu nehmen.

"Rolf Eden hat mich manchmal ins Schwitzen gebracht", erzählt Harry Mai, seit zwanzig Jahren Bademeister am Pool des Hotels - übrigens der erste Hotelpool Deutschlands. Richard von Weizsäcker schwimmt dort noch heute jede Woche. "Rolf Eden hatte immer seine Freundinnen dabei - manchmal planschten hier zwanzig auf einmal." Die Mädchen kamen gern, kein Wunder: "Rolf Eden sagte zu mir: Den Mädchen soll es gut gehen. Gib denen, was sie wollen. Ich zahle." War Rolf Eden dann verreist, manchmal monatelang, kamen seine Freundinnen trotzdem: "Die hatten Frühstück, Mittag- und Abendessen bei uns. Dazu Cocktails am Pool - und haben nur unterschrieben. Wenn ich dann am Ende eines Monats eine Rechnung von 60.000 Mark hatte, hatte ich schon Angst, dass Rolf Eden mir die um die Ohren haut." Doch das ist nie passiert, der damalige Nachtclubbesitzer zahlte stets anstandslos.

"Heute ist es alles etwas ruhiger geworden", sagt Chefconcierge Vogt. Doch zu sehen gibt es immer noch viel, an einem Nachmittag im Kempinski. Das weiß keiner besser als Inge Robert und Lilli Nachama. Die beiden blonden und sehr eleganten Damen kommen seit 20 Jahren täglich von Montag bis Donnerstag, von halb zwei bis halb sechs in die Gobelin-Halle des Hotels. Ob Schnee oder Regen, nichts bringt sie von dieser Tradition ab. Sie sind Witwen, Estrongo Nachama war Kantor der jüdischen Gemeinde Berlins, er starb vor elf Jahren. Estrongo und Lilli Nachamas Sohn, Andreas Nachama, ist heute Direktor der Stiftung Topografie des Terrors. Inge Roberts Mann, Rudolf Robert, hat mit Estrongo Nachama die jüdische Nachkriegsgemeinde geprägt.

Immer derselbe Tisch

Im Kempinski trinken die beiden Damen, sorgfältig zurechtgemacht, ihr Kännchen Kaffee, gucken und plaudern. "Wenn es etwas zu lästern gibt, dann bleiben wir auch länger, dann wird es vielleicht mal 18 Uhr", sagt Lilli Nachama und beide lachen. Ihr Tisch ist immer derselbe - "wenn wir mal woanders sitzen müssen, ist das ein ganz komisches Gefühl", sagt Inge Robert. Aber das kommt seit Jahren sowieso kaum mehr vor - das Hotel reserviert schon am Morgen den Stammplatz der beiden Damen. Stammgäste oder Berliner Besucher des Hotels kennen die beiden natürlich. "Wir freuen uns, wenn die uns begrüßen, weil sie uns wiedererkennen", sagt Inge Robert. Und das ist wohl das Schöne am Kempinski: Man erkennt es wieder. Die Damals-Heute-Fotos der Hotelhalle unterscheiden sich kaum, jederzeit könnte - so scheint es - Ingrid Bergman oder Gregory Peck die Lobby betreten. Der Kempinski-Besucher weiß, was er an der Grande Dame der Berliner Hotels hat - und was ihn erwartet. "Die Fassade des Hauses kann ich nicht verändern", sagt Direktorin Bettina Ullerich, "aber ich kann dem Hotel von innen ganz viel mitgeben: Werte wie Freundlichkeit und Herzlichkeit." Außerdem eine Stammplatz-Garantie fürs Kaffeetrinken auf Lebenszeit und Mitarbeiter, die gut auf all die Geschichten des Hotels aufpassen.